Archiv für April 2007

Fiktivgewalt – Realgewalt

Bisher wurde ein lautes Medienecho gegen die angeblich gewaltverherrlichten Computerspiele losgetreten, Versuche zur Eindämmung, zur besseren Kontrolle, sollten eingeführt werden. Der Fall im amerikanischen Blacksburg musste, davon waren Politiker aller Stände von Beginn an überzeugt, einen ähnlichen Hintergrund besitzen, auf erhöhten Medienkonsum zurückzuführen sein, demnach einfach nur ein anderes Bildnis einer Gesellschaft zeigen, die sich in purer Ignoranz und Egoismus suhlt. Insgesamt 33 Menschen (einschließlich des südkoreanischen Täters Cho Seung-hui) starben am 16. April auf dem Campus der „Virginia Polytechnic Institute and State University“. Ungewöhnlich sind solchartige Fälle seit den vergangenen Jahren nicht mehr, das kulturelle Medium jedoch, dass Cho mit einem Fingerzeig brandmarkte, deklarierte sich als ein neues. Aufgrund von vielfältigen Aufnahmen in zahlreichen Posen mit Handfeuerwaffen, entlarvte Cho unter anderem den asiatischen Racheepos „Oldboy“ (abgeschlossen durch die weiteren Teile „Sympathy for Mr. Vengeance“ und „Sympathy for Lady Vengeance“) und grundsätzlich die Werke Quentin Tarantinos als Hauptverdächtige.

Ein Blick auf die momentane Grundstimmung im Filmmilieu erweitert dieses Belangen sogar noch. Entzündet 2004 mit dem überraschenden Erfolgschocker „Saw“, nahmen weitere Regisseure den Boom zur expliziten, wahllosen und kreativen Gewaltdarstellung zur Kenntnis, kreierten eine Bunte Mischung an Fortgängern, die wiederum Kopien erfuhren. „The Hills Have Eyes“, „Hostel“, „Wolf Creek“, all diese katapultierten sich an die Spitzen der Kinocharts, brachten Millionen und Abermillionen ein. Schätzungsweise den größten Bestandteil der Zuschauer machten Jugendliche, teilweise unter der eigentlich freigegebenen (bezieht man sich auf die grundlegende „Richtlinie“ der FSK in dieser Sparte „ab 18“) Altersbeschränkung, aus. Ein Problem könnte nun der weit verbreitete, meist illegale, Weg darstellen, jene Filme in den Eigenbesitz zu bringen, sei es durch Raubkopien, Downloads, eingeschleuste Filmbesuche ohne Beachtung des Kinopersonals. Diese Formen mögen gesetzlich nicht erlaubt sein, stellen jedoch nicht jeden Konsumierenden sofort auf die Gleise eines potentiellen Massenmörders, eines zu Massakern Befähigten.

Sicherlich, die geschilderten Rechtsverletzungen schaden, doch der Schaden lebt sich kaum im Grundsatz an Menschen aus. Der Filmindustrie zwar, jenes Thema allerdings stellt sich auf eine andere, im Übrigen in diesem Kontext vollkommen irrelevante, Stufe. Von materiellen Einbußen abgesehen muss sich im Falle Chos die Sicht auf die Person, das Lebewesen, selbst, erstrecken, deren Absichten, Gründe analysieren. Dazu stellt sich eine interessante Frage: Wie viel Prozent der, mit, zum Durchschnitt, vermehrter Gewalt infizierten, Filme, wenn man so will auch Computerspiele, reizen Menschen so weitestgehend, dass sie im Nachhinein zu einer Gewalttat fähig sind? Welcher Prozentsatz an Menschen ist nach dem Genuss von brutalen Filmen, Computerspielen, geladen genug, um zu einer Gewalttat fähig zu sein? Gibt es darüber Statistiken, die genau die Macht der Medien aufzeigen? Statistiken, die immer (demnach bei jeder Bevölkerungsschicht) zu Rande gezogen werden können? Nein? Genau hier liegt der Hund begraben. Vermutungen bestehen zwar sehr wohl über den Wirkungsgrad, wissenschaftliche Erkenntnisse, die Ernst genommen werden könnten, jedoch nicht.

Wird ein Kind unter schwersten Bedingungen, gewaltsamen Eingriffen, Vernachlässigung, groß, steigt der Pegel im Erwachsenen-, Jugendlichenalter, genau diese früheren Methoden weiterzugeben oder Rechenschaft abzulegen. Als unschuldig kann die Berichterstattung in Zeitungen, Fernsehen, in Nachrichtensendungen ebenfalls nicht geahndet werden. John Carpenter, der Herr aus dem Milieu der Horrorfilme (Regisseur des Kultfilms „Halloween“) gibt genau jenen Standpunkt (erschienen im „Hollywood Reporter“) wider:

„Horror movies reflect the culture we live in and cannot be blamed for causing real-life violence. Real life causes this, fake life does not cause it. The reason for a lot of these movies is the culture that we live in, the events that have gone on in our world.”

Medienkonsum allgemein, die tägliche Ansicht von Kriegen, Verzweifelung bei der Jobsuche, all das sind Gründe einer verrohenden Kultur. Der Film, die Computerspiele, stellen hingegen einen billigen Gag dar, einen Versuch des Nichtstuns, des Ausweichens gegenüber wahren Fakten und Hintergründen.

Stirb königlich

Unterschätze niemals die unnahbaren Gewalten im “Vanity Fair”-Hauptquartier, die ein ausgesprochen feinsinniges Gespür für Artikelüberschriften aller Art besitzen. Im nachfolgend dargestellten Fall („frei“ von Frau Franziskript geklaut) entwickelten die Macher sogar eine solch aufrichtige Empfindsamkeit, die gleich (ehemalig) Prinzessin Dianas ganze Lebensgeschichte, oder deren bekanntes Ende, akkurat darstellt. Sag noch einer, nach dem Tod reißt der Faden journalistischer Entblößungen.

Di Hard

Noah, der böse Weltenbummler

Sollte sich die katholische Kirche jemals beschweren, ihrer heiligen Bibel werde nicht genug Beachtung geschenkt, bittet die Soraly dringend um einen Verweis („Da! Da! Kuck da!”) auf Darren Aronofsky, den geschundenen amerikanischen Regisseur, der unter seinen religiösen Mythen seit dem Auspfiffkonzert „The Fountain” zu leiden hat. Angenommen zwar bei weitläufigen Publikumsmeinungen fiel sein „Liebsepos“ insgesamt durch dicke Einlagen schmutziger und längst verbratener Buchseiten. Damit aber nicht genug: neben zwei in den Startlöchern stehenden („Black Swan“ und „The Fighter“) Filmchen scheffelt Aronofsky an einer, man staune, Fortsetzung von „The Fountain“, man staune abermals, mit Schwerpunkt „Noah“. Für die nicht ganz Bibelfesten (in Prozent ausgedrückt 95 %) bedeutet das eine liebevolle Reise in die angetrunkenen Nervenzellen eines ganz alten Knackers (vollständig nachzulesen in der „Wikipedia“):

„Insgesamt wird sein Lebensalter mit 950 Jahren angegeben (Gen 9,29). Mit Noach endet die Ära der ersten Patriarchen, deren Lebensdauer mit Ausnahme von Henoch weit über 700 Jahre war. Bei den folgenden Generationen nahm das Alter erheblich ab.

Noach ist der biblischen Erzählung nach der erste Ackerbauer und der erste Winzer (Gen 9,20). Eingeschlafen durch zu viel Alkohol sieht ihn sein Sohn Ham entkleidet vor dem Zelt liegen. Aus diesem Grund verfluchte Noach Hams Sohn Kanaan und seine Nachkommen dazu, Knechte seiner Brüder zu sein. (Gen 9,21-27) Damit wurde von Christen später die Versklavung schwarzer Völker biblisch gerechtfertigt und von Juden erstmals die Ausrottung der Kanaaniter als Gottes Wille angesehen.

Nach der biblischen Erzählung wollte Gott (JHWH) die Menschheit wegen ihrer Sündhaftigkeit auslöschen, erbarmte sich aber Noachs und dessen Familie wegen seiner Frömmigkeit. In der Arche Noah konnte Noach sich, seine Frau, seine Söhne und deren Frauen sowie viele Tiere vor einer Vernichtung durch die Sintflut retten und sicherte so den Fortbestand der Menschen und Tiere auf der Erde. Nach der Septuaginta überlebte auch Großvater Methuselach die Flut. Nach der Flut übergab Gott die Verantwortung über die Erde den Menschen.“

Hört, hört, meine Kinder! Säufer leben länger. Vor Jahrjahrzehnten entstand bereits im Kopfe Aronofskys eine Sicht „through Noah’s eyes“, die hautnah den Erduntergang abbildete. Gewillt Noah einer herbe, dunkle Note anzufügen:

“Noah was the first person to plant vineyards and drink wine and get drunk. It’s there in the Bible – it was one of the first things he did when he reached land. There was some real survivor’s guilt going on there. He’s a dark, complicated character.”

Kritik: Inland Empire

Frankreich, Polen, USA 2006
Start: 26.04.07

Inland Empire

Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
Darsteller: Laura Dern, Jeremy Irons, Justin Theroux, Harry Dean Stanton, Peter J. Lucas, Karolina Gruszka, Jan Hencz, Krzysztof Majchrzak, Julia Ormond, Ian Abercrombie

10/10 Punkte

Kritik: David Lynch behandelt seit Jahrzehnten eine Menschheit, zersetzt vom absoluten Konkurs der ihnen gegebenen Destruktivität, einer einfachen Gefangennahme im normalen Betrieb psychischer und physischer Anstrengungen. Abstruse Szenarien, unaufgebaute Handlungsstränge, Hauptdarsteller in schwerelosen Drehbuchgefügen, zersetzte Gedankenverschiebungen, den Sinn der bloßen Existenz trennte er in Mechanismen selbstzerstörerischer Aktionen auf, die dem Leben einen Raum der freien Entfaltung, der eigenen Kontrolle und Entgleisungen, nahmen. Ein gewisses Faible zur egoistischen Selbstdarstellung unterschlägt er sich in seinen Werken selbst nicht, penetriert in unterschiedlichen Darstellungen den Willen seiner Zuschauer, das Gesehene verarbeiten zu können. Selten ziehen die behandelten Zuflüchte der Leinwandcharaktere direkt ihre Bahnen von den erfundenen Kulissen zu bildender filmunabhängiger Wirklichkeit, verweilen in zwischengelagerten Hirngespinsten, die alltäglich kurzzeitig wieder ans Licht befördert werden. Lynch wirbelt nachträglich verwaltete Mengen seiner filmischen Denkmähler auf, überfrachtet damit den klaren Verstand und vernebelt Sinneseindrücke. „Inland Empire“, 2006 in Venedig großflächig vorgestellt, verunstaltet jeden klaren Gedankenzugang und lässt Lynchs Strukturen in schlussendlicher Perfektion ein ergötzendes Spiel mit der eigenen, verirrten, Wahrnehmung treiben.

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Kaufenslust

Will Haben! Der Dude als Spielpüppchen. Höchste Suchtgefahr. Stehen ihm auch Barbarie-Klamotten? Die Packung “features The Dude and Walter, along with extras like their bowling balls and bags, Cynthia’s Pomeranian, the famous White Russian, and Donny’s ashes in the coffee can”. Powered by Nerdcore„, kaufbar unter „Entertainment Earth„. Gebt mir den Griffel-Brei, that’s fuckin’ ingenious.

The Big Lebowski

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