USA 2007
Start: 03.10.07
Regie: Brad Bird
Drehbuch: Brad Bird
Stimmen: Patton Oswalt, Ian Holm, Lou Romano, Brian Dennehy, Peter Sohn, Peter O’Toole, Brad Garrett, Janeane Garofalo, Will Arnett, Julius Callahan, James Remar, John Ratzenberger, Teddy Newton

Kritik: Philosophierend wendet sich der Animationsfilm immer mit einer Moral von der Geschichte ab, er ergreift eine einhellige Stellungnahme aus dem bislang gerührten Potpourri, er zeigt Kindern die Güte, er streift die erzieherischen Fähigkeiten der Erwachsenen, er schließt sich, mit einem moralischen Ankerpunkt, dick aufgetragen, unfähig jedwede Verwechslung anzustiften, er führt zum doppelt vermummten Kitschresümee. „Ratatouille“ endet so vollkommen anders, in der Art aller Filme, die ein Kritiker zu Gesicht bekommt, nimmt er deren Kritik, deren Einfallslosigkeit, deren Spaß an Verrissen, sowohl im Schreiben, als auch im Nachhinein für den Leser, und zieht sie vor, zieht sie noch in den Prozess des Filmes herein. Des Kritikers Alter Ego stellt sich kauzig und zugenäht in der Form des Kultur- und Restaurantkritikers Anton Ego, sichtbar in seinem Namen schon die Parabel des Egoismus, der egozentrischen Auswüchse, dessen Freude, respektive Liebe am Essen zu einem Gutdünken an allermeistens negativer Worte gefunden hatte. Er repräsentiert den klischeebetriebenen Kritiker abseits einer besonders zuordnenbaren Sparte, der dreist die Worte des nachher gehenden Filmkritikers von „Ratatouille“ herauspickt. Abseits der Floskeln, respektlosen Beschuldigungen, harschen Absätze, ist es nunmehr jener Filmkritiker, der in den letzten Minuten dieser feinen Bourbon Vanille rührend die Moral aufsaugt und lieblich, glücklich blickend „Ratatouille“ ein dickes fettes Sternchen auf die Skala drückt.
Der Kritiker kann nach jenen Stunden in seinem Gefängnis nicht mehr hausen, nicht in den Worten Anton Egos, auch nicht in seinen eigenen. Unbestimmt vertrieben wird er von einer kleinen Ratte, die der Kunst, die dem Porträt eines Künstlers neues Leben einhaucht. „Ratatouille“, ein Mix aus Auberginen, Zucchini, Tomaten, Paprikaschoten und Knoblauch, gewürzt in der Frische von Kräutern, ist gleichsam der Mix von Brad Bird, der dem exquisiten filmischen „Ratatouille“ eine alte Prise Disney-Zeichentrick beschert, unvermutet und weise im neuartigen Gestrüpp der vielseitig einsetzbaren Technik klebt ihm eine reichhaltige Vergangenheitsstunde an. Ein zuvorkommender Page ist es, den Bird hier abgibt, sogar passend spricht er einen französischen Kellner am Rande, einer der hinter Modernität zurückstreckt und den guten vollmundigen Charakter eines Merlot beim Schopfe packt. Er beginnt Risiken in die heile Pixar- und Animationsstube zu schleusen, eine Ratte das Küchentor zu öffnen, poppiges Gewächs bei den „Unglaublichen“ verfrachtet liegen zu lassen, schlussendlich die in den letzten Jahre profilierte Effekthascherei zur Verweihräucherung auf den nackten Küchenboden nebst altem Gammelgemüse in den Müll zu treten.
Gerade eine Ratte rettet den Stolz und Trieb der neumodischen Animationsfabrik auf den Hinterpfoten, die kratzend über stählerne Arbeitsflächen hüpfen, Töpfe voll wunderbarer Suppe füllen. Nebenher wird manch Elternteil hier ein leicht von Ekel getriebenes Gesicht aufgehen, wenn eine Ratte ganz unbeschadet auf dem Tresen steht und doch gleichzeitig am Liebsten mit der Pfanne erschlagen werden sollte. Remy (Stimme von Patton Oswalt) ist es aber, der die Küche zum Dampfen bringen kann, sollte er in sie kommen. Ausgestattet mit einem abnormal feinen Riechorgan ist es für ihn ein Leichtes, Kräuter, Käse, allerlei Gewürze zu unterscheiden und selbst auf große Entfernungen beste Nahrung auszumachen. Seine Rattenfreunde, besonders Vater Django (Brian Dennehy), können reichlich wenig Vorteil aus der Kunst des Suppenkaspers ziehen; so manövrieren sie ihn kurzerhand zum Giftdetektor, um Schadstoffe vor Genuss des Abfalls ausfindig zu machen. Doch Remys experimentelles Kochgemüt schlägt über die Stränge, als er Bekanntschaft mit einer schnellschussbereiten Oma der Hausmannskost macht, die schneller als der Wind das Schrotgewehr in alle Windungen pustet. Getrennt von seiner Familie wirbelt Remy im Abwasserkanal, bis ihn der Gang in den weiten Fächern der Metropole des Genusses ausspuckt: Paris. Unter dem Restaurant des meisterhaften Kochs Gusteau (Brad Garrett) gelandet, der ihn ab dato geisterhaft verfolgt, schwimmt die Ratte im Glück des Verzehrbaren.
Kochstudio, Spielwiese hin oder her, hinter dem Küchenverbot ist der Tanz mit der Kelle ein unmögliches Ding, dass keine Zufälle oder Hoffnungen in die kommenden Möglichkeiten einbezieht. Glück im Unglück für die Ratte, die in dem hoffnungslosen Tellerwäsche Linguini (Lou Romano) eine Marionette zum Showkampf mit den großen Köchen findet. Unter der Haube des jungen Mannes verborgen zieht Remy die Strippen, ungewollt fantasievoll unter den Augenringen des, nachdem der alte Herr des Hauses verstorben ward, neuen Küchenchefs Skinner (Ian Holm). Das Personal beäugt die beiden frischen Spieler aufs Genauste, angetrieben von der angenehmen Qualität Remys kleiner Essenskunstwerke. Die Zeit muss die wirkliche Willenskraft zeugen, sie, die die schlimmsten Kritiker noch auszustehen haben.
Ganz und gar hinterwäldlerisch und provinziell sieht dabei Birds meisterhaftes Konzept in seinen Grundgerüsten aus. Es mutet mit malerischen Hintergründen warmherziger Parisfahrten an, dem Überblick der Stadt der Liebe, einer schweifenden Expertise französischer Kulturwelten und der Ratte Remy, die eine rosa Knollnase als Riechorgan aufsetzt, hier und da schnuppert, mit den Plüschohren schlackert, wie ein Kuscheltier kriecht und die Täler der sagenumwobenen Gourmetstube alias Küche erkundet; zumindest für eine Ratte ist das schließlich neu. Eine Brise „Das Parfüm“ springt hier in Wogen mit herum und leitet Remy in den Wortschatz um olfaktorische Weisheiten. Störend sollten die übertriebenen Charakterschraffuren, die der Menschen mehrheitlich, sehr wohl wirken, Realitätsnähe ist ihnen in der weit entfernten Kleidung, in dem drahtigen Rattenfell einzig gegeben, ihre glatten, rundlichen Gesichtszüge bar aller Kontakte zur Außenwelt, zum menschlichen oder besonders tierischen Ebenbild. „Ratatouilles“ Glanzstück erscheint in den süßlichen Protagonisten, jene, die entgegen ihres Aussehens menschlicher agieren, als von so manch einem Mensch behauptet werden könnte. Wahrhaftig warmherzig öffnen sie ihre Augen, blicken offen und ehrlich ihrer geschichtlichen Konklusion entgegen, sie reden in intelligenten, zutiefst scharfsinnigen Phrasen, sie fühlen, riechen, schmecken; sie sind sie.
Das wirkliche Parfüm, der leichte Duft findet sich nicht in Oberflächlichkeiten, er steht schon anprangernd im Titel „Ratatouille“; der eingänglichen Floskel über eine Ratte, die die Kunst des Kochens zu verstehen vermag. Birds wahre Natur eines Regisseurs und Drehbuchautoren blitzt wahrhaft erst in dem zutiefst schwierigen Unterfangen auf, Unterhaltung im breiten Sinne zu erschaffen, die sowohl Kinder-, als auch Erwachsenenherzen höher schlagen lässt. Dabei umgibt „Ratatouille“ eine Wolke klarer Botschaften: dem Drang der Familie nahe stehen, seine Pakete mit Würde und Anstand tragen, neue Entdeckungen herausfordern. Dabei schlägt der Kern in Birds Universum nie aufmüpfig aus, sondern komplex und tragend, und schult beide Seiten der Parabel über die unbedingte Wichtigkeit der Familie mit einer medienkritischen Philosophie, den Quellen der Neuzeit mit Misstrauen und Verstand zu begegnen. Allein des klischeehaften Bildes des Kritikers Anton Ego strotzt „Ratatouille“, der mit tiefem Bariton von Peter O’Toole herzhaft eingefangen wird und die Kritik nicht etwa heruntersetzt, sondern sorgsam die feinen Nuancen derer aufzeigt; auch die Lebendigkeit und Ehrlichkeit hervor beschwört, obwohl offensichtlich hinter dem Vorhang aller Negativität nichts weiter versteckt liegt.
Sie stehen Schlange ihren Einsatz zu erfahren: überrannter Witz, dumpfe Actionschlachten, selbstverliebte Charaktere. Von all der Herzensgüte vertrieben, nehmen Autos („Cars“) und verrückte Superhelden („Die Unglaublichen“) platz vor den hoffnungsfrohen Orchesterklängen, hungrigen Kamerafahrten und kritischem Untertönen der genialistischen Speisekarte. Lieblich erklingen die französischen Flirren Michael Giacchinos, während Messer und Kräuter in den Kochtopf sausen und die Pfanne ihre zischelnden Flammen beflügelt. Hollywoods Kameramänner könnten ruhigen Gewissens eine Karottenscheibe in ihren einfallslosen Dreh- und Wendekreis mitnehmen, in den schnellen, aber nie hastigen Wogen „Ratatouilles“; sie könnten lernen aus schwungvollen, runden Schnitte. Die Kamera fährt, sie steckt hinter Remy zurück, sie benötigt nur leichte Schwenks, ohne unübersichtliche Drehungen. Sie bewegt sich so geschickt, dass sie mit den atmosphärischen Räumen in der Großküche leichthin spielt und sich fortwährend um den unendlichen Fahnenmast des Pariser Nachlebens dreht.
Aber sollte es nicht besser sein, den Pflichtruf „Paris je t’aime“ ein weiteres Mal aufzusparen; auf das nächste Abenteuer im holden Frankreich zu warten, um endgültig die schönste Ausstrahlung zu sehen, die je über die Leinwand pirschte? „Ratatouille“ allerdings ist entfernt vom bloßen halbgaren Aufmarsch seiner Animationsartgenossen, seine Legierung entfernt metallene, schüttere, lieblose Grundsätze. In einer Widergeburt aus alten Zeichentrickfilmen der Disneyschmiede bietet er eine unglaublich intelligente Parabel zwischen Naturprodukten und technischen Spielereien: kräftig geschmort, deftig und erheiternd, warmherzig und trocken, alt und neu; eine einzige Speise, die voll Leben und Schönheit in einem Restaurant nur mit einem Dank an den Koch unterstrichen würde.



Spätestens jetzt weiß ich, dass der Film richtig gut wird! Ich freu mich!
Wo hat die Kritikerin den FIlm schon sehen können?
Es gab bereits einige Pressevorführungen. Die Damen und Herren von Filmstarts, Moviereporter und Filmszene sind übrigens ganz einhellig und geschlossen hinter der Meinung, mit „Ratatouille“ einen nicht nur hervorragenden, sondern wahrhaft magischen Animationsfilm auf den Leinwänden flimmern zu sehen.
Warum könnt Ihr eingebildeten Kritiker nicht in einer normalen, nichtgekünzelten und allgemeinverständlichen Sprache schreiben? Obwohl ich Jurist und daher so einiges gewohnt bin, fiel mir jeder einzelne Satz beim lesen schwer.
Zum Film: Hab ihn gestern gesehen (in Portugal auf Englisch) und der ist wirklich super – was ganz Besonderes. Lustig, spannend, ergreifend, dabei nicht platt und insgesamt eine richtig runde Sache.
Joao Pinto, Recht haste…wer so schreibt, hat es nicht verdient, gelesen zu werden.
Da sucht man eine Kritik die “gut” oder “schlecht” sagt und dann kriegt man eine halbe Doktorarbeit vorgelegt, wo die sätze elendig lang sind und dazu auch noch völig unverständlich.
Das lese ich mir doch nicht alles durch, wenn ich es eh nicht versteh. Aber aus den Kommentaren hier unten kann ich daraus schließen, dass er sehenswert ist und ich freu mich darauf.
Gut gemachter Film, der streckenweise jedoch sehr an Substanz und Pfiff verliert, was nur noch die nette Idee und das Strahlen in den Augen meines 9 jährigen Bruders wett machen kann. Volle Bewertung, für mich eindeutig zu viel! Da ist noch Luft nach oben!
Gruß Chris