USA 2007
Start: 03.01.08
Regie: Wes Anderson
Drehbuch: Wes Anderson, Roman Coppola, Jason Schwartzman
Darsteller: Owen Wilson, Adrien Brody, Jason Schwartzman, Amara Karan, Wallace Wolodarsky, Irfan Khan, Barbet Schroeder, Bill Murray, Anjelica Huston

Kritik: Der vollkommenste Blick in die Verzweiflung bricht einzig durch Bill Murrays Augen. Ein weiteres Gedicht der Melodramatik, die in jedem Seitenwind des ausbrechenden Fahrzeuges ins Uferlose Pulverfass indischer Kultur verschwindet. Wir brechen ein, obgleich einzig in den starr gefrorenen Augen Murrays Hoffnung und der Schimmer von Nichts zusammen laufen; wir brechen ein, die Welt zu erkunden, zu erforschen; wir brechen ein, uns selbst zu begegnen. Wir brechen ein, in die ganz und gar kurze, aber solch Hilflosigkeit ausdrückende, Episode aus dem Leben eines Geschäftsmannes, der, von Bill Murray verkörpert, kaum einen Namen trägt, geschweige denn einen Charakter. So hastet er zuerst auf vier Achsen, später auf zwei Beinen, um doch seinen Zug, „The Darjeeling Limited“ wie er sich nennt, zu erreichen. Arme schlackern, an denen grobe, schwer erscheinende Koffer hängen, die daher pendeln, im Schritt Murrays, der hechtet – bis schließlich sein eigenes Alter ihn zur Aufgabe zwingt. Stattdessen wetzt in Zeitlupe ein anderer vorbei, der, wie Murray, keinen Gedanken der Zeit geschenkt hatte. Doch dieser „Er“ erreicht den langsam fort tuckernden Zug; „Er“ in seiner schlaksigen Gestalt, das Gesicht unentwegt mit Leichtigkeit erfüllt und eine Sonnenbrille auf der Nase, die die Tragik einer Fliege besitzt, die aus großen Augen zum Flug ansetzt. Er springt auf – mit purer Kraft und Jugendlichkeit -, auf die „Darjeeling Limited“.
Während Bill Murray seinen Protagonisten von dannen ziehen lässt, streift ein anderer nun das Hoheitsgebiet eines Universums, gefüllt von quirligen Charakteren, hässlichen Leiden, Furcht erregender Schönheit, die lediglich im Kosmos eines Wes Anderson über den Weg laufen. „The Darjeeling Limited“ beginnt wie ein jeder Anderson, der schon im Zuge seines Anfangs rumpelnd die Lachkanäle kitzelt, seine überaus dechiffrierten Charaktere anspitzt, mit aller Fahrt seines Dialogs den Schwerpunkt an den Kern legt, bis der trägste unter den Zuschauern sein Faible für das Dargebotene voller Inbrunst entdeckt. Als ob die Protagonisten auf der sehnlichen Reise tatsächlich aneinander gekettet wären, dabei ihre seltsame Beschaffenheit abwerfen und wahrhaft die Brüderlichkeit finden, entfaltet Anderson das typische Gerüst lieblicher Abhandlung, bei dem der Geist des Sprechens munter seinem Sinn beraubt wird – bis gen Ende die Worte zwar zählen, doch nie ankommen. Vorbei, irgendwie verpasst, stehen drei Brüder, der Pointe abtrünnig, zusammen und wissen trotz allem nicht, was sie verbindet; außer ihrer Gene, die vom toten Vater und der Nonnenmutter übergeben wurden. Eigentlich verbindet sie rein gar nichts. Indes aber wuchert ihre Barriere, für den absoluten Verlust geschaffen, weiter, und wirkt in Wes Andersons „The Darjeeling Limited“ schier unüberbrückbar. Tatsächlich: unverbunden, unüberbrückbar.
Wenn der größte Einfluss aus den Händen des indischen Regisseurs Satyajit Ray, der für seinen humanistischen Stil bekannt ist, stammt, sollten beiderlei Kanälen, Lachen und Weinen, geöffnet werden, auch mit dem Unsinn, allerhand Musik aus Rays Filmen zu importieren und selbstredend einen Ausgangsstoff zu besitzen, der fröhlich um Lieder sabbernden Frohsinns tanzt. Die drei Brüder aus Andersons Geschichte tanzen den Rhythmen unbekannter Kulturen jedoch ausgesprochen gerne nach – so soll der Zuschauer die Reise kruder Charaktere hinnehmen, die durch Indien trampen, nachdem ihr Vater vor einem Jahr verstorben ward. Francis Whitman (Owen Wilson), den Kopf zwischen etlichen Lagen einbandagiert, möchte den Versuch wagen, erneut mit seinen beiden Brüdern Peter (Adrien Brody) und Jack (Jason Schwartzman) eine Bindung auf dem trottenden „Darjeeling Limited“ aufzubauen, der quer über indisches Land die Spiritualität der Drei erfassen soll. Insgeheimer Hintergrund der fabelhaften Rucksacktour ist allerdings nach Francis Maßstäben ein Besuch ihrer Mutter (Anjelica Huston), die mittlerweile, als Nonne im Himalaja, Raubkatzen füttert und ansonsten kein rechtes Interesse an einem Plausch mit ihren Kindern hat. Derweil quälen die, vom Ziel der Reise unwissenden, Peter und Jack ganz andere Probleme. Der eine wettert seiner Ex-Freundin hinterher, indem er fortwährend ihren Anrufbeantworter abfragt, der andere kann sich mit den anbahnenden Vaterfreuden nicht identifizieren und schleppt viel lieber die Erbstücke seines eigenen Vaters herum: Sonnenbrille, Rasierer, Autoschlüssel.
Dabei trifft Anderson ein Intermezzo sondergleichen, aus seiner Fabelanstalt Karikaturen, die mit einer Schwäche für Medikamente geschlagen irren und wirren, eine Giftschlange kaufen, der indischen Stewardess (Amara Karan) ein schnell lebendes Zwischenspiel im Bad gönnen, Schuhe verlieren, dass kaum einer über Pantoffeln stolpert, einfach alles geben, „The Darjeeling Limited“ zu verlassen. Das mag wohlüberlegt sein: „Limited“ oder beschränkt fährt der Zug nicht nur auf Gleisen umher und kennt ein Ende, dafür er es nie erreicht. Vielmehr eine Odyssee durch menschliche Gewässer, plagt Anderson Metaphern, sinnentleerte Bequemlichkeiten ab, den Spaghettiwestern zur Spaghettikomödie umzuformatieren. Sie alle da draußen besitzen den Anderson-Charme: niedliche Charaktere, die meisterhaft liebenswürdig sind. Verwunderlich bleibt, warum „The Darjeeling Limited“ umso beengter, unablässig verzweifelter des Weges schreitet, je weiter seine Charaktere baden gehen, ihrer Selbst finden und fortwährend in der Ignoranz eines Zuschauers, der beinahe geknickt dem Treiben zuschaut, eingehen. Wahrlich zerplatzen feuchte Träume von bunt leuchtenden Kisten, die in Andersons Filmen bislang fröhlich spielten und gute Laune prophezeiten, mit den knallenden Tragöden, die eine Geschichte gesammelter Frohmut zuschütten.
Aus scheinbarer Künstlichkeit entspringt in „The Darjeeling Limited“ vollendete Künstlichkeit eines künstlichen Universums. Was bislang zur Tugend Andersons sprang, deckt den Bestand einer nur allzu erzwungenen Liebenswürdigkeit, die leicht den Eindruck eines zielstrebigen Unterfangens nach sich zieht; nur darauf bedacht, zu unterhalten. Seine Unverfänglichkeit kommt Anderson teuer zu stehen, indem seine Charaktere langsam auseinander tollen, ihre Rollen eigenhändig zu füllen wissen, gegen das Drehbuch arbeiten und Stellung beziehen – jeder einzelne von ihnen. Im Gröbsten nehmen sie unlängst alle – Francis, Jack und Peter gleichermaßen -, den Status Quo des Hauptcharakters ein. Sie alle beanspruchen einen Teil der Handlung, entgegen des winzigen Mikrokosmos, der hinlänglich seinen Platz an nur einen Protagonisten perfekt verteilen könnte und fortan die Ausführung blockiert. „The Darjeeling Limited“ strebt in naiver Offensichtlichkeit die grandiose Wiedervereinigung seiner drei Brüder an, klebt an ihren Köpfen, haftet in der pragmatischen Seele von Anderson selbst fest, der einmal mehr größere Charaktere zu Leben erschafft, als seinem minimalistischen, flüchtig schweifenden Gemüt gut getan hätte. Der Zweck all dessen bleibt versteckt, da solch viel wundersame Schönheit in „The Darjeeling Limited“ waltet, dass gar bisweilen nur Gutes durchscheint und Herz offenbart; viel Herz, in dessen Kontext Andersons Gedankengänge erblühen.
Manchmal kann ein Film zunächst einfach nur eine Stimmung sein. Oder ein Gefühl der Freiheit, durchzogen von den Wehen der Musik und gleitenden Kamerafahrten, die in den tropischen Gefilden Indiens landen. Dort perfektioniert sich Wes Andersons „The Darjeeling Limited“ aus reiner Blüte in ein buntes Gemälde, das hier vor Persönlichkeit strotzt, wie nie zuvor. Ein Hauch filigraner Eleganz und eben jene Einfachheit zur Komplexität kommen zum Tragen, die durch indische Märkte schweben und heilige Tempel erst erleuchten. Sowieso treibt die Kamera einmal mehr voran und entzieht sich dem Stakkatoeffekt auf übersinnliche Art und Weise, indem die Schönheit des Unbekannten hervorgehoben wird, Farben noch ihren Glanz erhalten und eintauchen, zuerst in den Charakter, bis sie auch den Zuschauer vereinnahmen. Manchmal reicht eine Stimmung zu einem guten Film, wenn nicht zu einem den man liebt, dann wenigstens zu einem, dem kein Hass entgegen schlägt.
Man kam sich vor wie in den Ferien, sah man Andersons ausgebeutete Charaktere stolzieren. Nun endet alles – leise, fantasievoll, verbraucht, gewissermaßen eintönig und dennoch schön. Die Portionen schwingen unentwegt im obskuren Mittelmaß eines überdurchschnittlichen Regisseurs, der versucht, einer Dramaturgie Herr zu werden, letztendlich in einer verquollenen Perspektive ohne rechtes Leben wappert und Protagonisten führt, zumindest als wollen sie ihm folgen. Wirklich ertrinken würden sie in diesem Brei niemals; ein Ärgernis für den Charme, den „The Darjeeling Limited“ auszustrahlen vermag, den er besitzt, obgleich er alles andere ist, als der personifizierte Charme. Tatsächlich gelingt Anderson in seinem reifsten Werkstoff keine Komödie, viel mehr ein Sinnbild des Gedankenfelds, in dem er treibt und manch dramatische Kost, auch mit ihren offen liegenden Fehlern und ironischen Spielereien, loslässt.


0 Antworten zu „Kritik: The Darjeeling Limited“