Kritik: Enttarnt – Verrat auf höchster Ebene

Breach
USA 2007
Start: 18.10.07

Enttarnt

Regie: Billy Ray
Drehbuch: Adam Mazer, William Rotko
Darsteller: Chris Cooper, Ryan Phillippe, Laura Linney, Caronline Dhavernas, Gary Cole, Dennis Haysbert, Kathleen Quinlan, Bruce Davison, Jonathan Watton, Tom Barnett, Jonathan Potts

5/10 Punkte

Kritik: Die Tarnung fliegt auf, versteckt seinen geisternden Leib hinter Polizisten, bis sie ganz untergeht. Ein Schutz ist es nur, ein Mantel vielleicht, der leicht unsichtbar macht, aber nie komplett, als dass man tatsächlich als Geist schleiche. Sollte Hollywood im Laufe der Jahre eines regelrecht verstanden haben, dann die Verschwörung zu konstruieren. Späher, immerzu auf der Lauer, mit proportionierten Informationen bestückt, kämpfen dort in den Thrillern, die meist auf einer wahren Begebenheit beruhen und nie recht wissen, wann ihr Leben im Untergrund auffliegt. Mal sind es Banden, anderswo Gesetzeshüter – Gut und Böse fortwährend im Vordergrund. Manchmal genügt selbst ein Alibi in Form des kindlich naiven Ryan Phillippe einen Film über heikle, vergessene Thematiken zu retten. „Enttarnt“, wie Billy Rays Erzählung über Entfremdung, Spionage, vor allem Tarnung und ihre Enttarnung sich nennt, spricht dagegen ein noch differenzierteres Bildnis von der erschöpfenden Tätigkeit seiner Charaktere. Obgleich Ray seiner Bebilderung über Robert Hanssen Gegensätze hinzufügt, den Zuschauer auf seinen Seite zu ziehen vermag und seinen Kontext leicht gestaltet, deutet er dennoch auf seine Einfachheit. Die bisweilen klärt alle Komplexität in Luft auf.

Fragen kommen zum Tragen, verschwinden später im Winde, Antworten werden gestreut und doch die Fragen verworfen. Mann hinter all dem ist ein Unbekannter, für die schnelllebige Zeit gesehen, in der Amerika auf den bushschen Tatendrang reduziert und Fettleibigkeit als Lustobjekt bedacht wird. Robert Hanssen – nie wurde Spionage, das Dasein als Maulwurf, schlagfertiger, nie unerbittlicher verkörpert. Dahinter steckt die Gegenwart, die Hanssen im Hochsicherheitskomplex verbringt. Auf seiner Seite: eine Stunde Freigang täglich und lebenslängliche Strafverrichtung; Hanssen, der Amerika blass aussehen ließ, indem er lange Jahre den Russen geheime Dokumente und mehrere US-Agenten auslieferte. Der Film „Enttarnt“ lediglich ist zweimonatiges Zeitdokument, ein kurzer Blick in Hanssens Leben und Schaffen, kaum, dass er mehr sagen dürfe, als den glasigen Versuch den Mann zu stürzen, der gut und gerne sein Land verriet. Doch Hanssen, so wenig von ihm bekannt war, stellt seine Anforderungen, allein im aufspielenden Chris Cooper, an den Film dahinter, auch an den Zweiten, einer Liste nach Verfilmungen.

Zug um Zug zeigt das Schachspiel bereits die Uferlosigkeit des Unterfanges auf: „Enttarnt“ lupft Handlung in eine Stringenz, unbeholfen dem Geiste des New Hollywood entgegen; ohne Feuer, ohne Asche, ohne Lust legt es alles um den Verstand. Wieder summen die Kameras vor den Gesichtern seiner Protagonisten, tauchen ein in einen Expressionismus des Utopischen. Kalt ist das mitunter, streng konstruiert, aber immer ungemein widerwärtig in seiner Blässe von grünen und blauen Tönen. Nehme man die Geburt des Spektakulären, die heute mehr und mehr Halt findet, kehrt der Film im Rasthaus ein, um kurz bei einem Nickerchen Gott und die Welt zu bedenken, wie sie altmodischer nie war. Wieder lässt der Spionagethriller den Umkehrschluss zu, mit einfachen Mitteln Täter und Opfer flugs zu dechiffrieren; wieder legt ein gar übersinnlicher Drang, hin zur Religion, menschliche Verbindungen offen; wieder strotzen die Hausfrauen vor Vernunft. Kein Theaterstück straft dem Kammerspiel mehr seines Hoheitsgebiets: Geschichte, die will hier erzählt werden, nicht aber die Natur Hanssens, obgleich jene spannend genug gewesen wäre. Ein bisschen stinkt „Enttarnt“ zum Himmel seiner Schauspielriege des milchigen, unbarmherzigen, partout hintergangenen.

Der Teufel badet an der Oberfläche seines Hauptdarstellers Ryan Phillippe. Sein Eric O’Neill ist ein Gewinner des Kommunismus, der hübsche Jüngling, bestenfalls darauf besonnen höhere Ebenen zu erklimmen, schlimmstenfalls ganze Etagen in Abfalleimer zu wandeln. Über Stock und Stein trägt es ihn, zum Rande Hanssens Natura non grata, in einer Gesprächs fruchten, wie Emotional leidenden Position abwartend. Jede Szene wirkt beharrlich strukturiert, jedes Gespräch gleich eines Überfalls, jedes Licht, jeder Schatten mutwillig gezeugt. Eine Disziplin des alten Hollywood, in einem Konstrukt, das nur ein neues Hollywood zulässt. Obwohl die Gegensätze sich im Film magisch anziehen gelingt der Schrittmacher in einen Mischungsstil selten bis affektiert, weil weder Phillippe noch Chris Cooper ihrer Spannung gerechte Methoden folgen lassen. Ein paar Kirchgänge hier, Predigen dort, schweigsame Minuten in der Beichte, stoßen lange nicht die tosende Ruhe fort, die der Film von Beginn an verfolgt und selbst im Schluss hartnäckig weiter innehält. Dabei schlägt Coopers Brodeln das unentwegte Zittern und Zitieren seines Assistenten Phillippe wortlos über Bord – ein Spiel mit Augenbrauen, leisem Fauchen und einer Spur Ironie, die Garstigkeit mühelos ansteckt.

Am Ende lernt O’Neill nur eines: Agenten schweigen lieber. Der Zuschauer bemerkt: Filme rumpeln lieber.

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