Nachgereicht: Das Parfüm

Perfume: The Story of a Murderer
Deutschland, Spanien, Frankreich 2006
Start: 14.09.06

Das Parfüm

Regie: Tom Tykwer
Drehbuch: Tom Tykwer, Bernd Eichinger, Andrew Birkin
Darsteller: Ben Whishaw, Alan Rickman, Dustin Hoffman, Rachel Hurd Wood, Corinna Harfouch

Kritik: Es hätte so schön werden können. Ein Bestseller der seinesgleichen sucht, ein international gefeierter Regisseur, ausgezeichnete Darsteller und ein beeindruckendes Budget von 50 Millionen Euro. Trotz allem, oder gerade deswegen bleibt der Film hinter seinen großen Möglichkeiten weit zurück.

Paris im Jahr 1738. Ein herzzerreißender Schrei ertönt aus dem Halse einen kleinen Säuglings, der beiläufig von einer armen Fischverkäuferin inmitten des dreckigsten Ortes der damaligen Zeit zur Welt gebracht wird. Jean-Baptiste Grenouille kostet schon in den ersten Sekunden seines Lebens einem Menschen das Leben. Seine Mutter, die nicht mit dem Überlebenswillen ihres Kindes gerechnet hatte, wird direkt an den Galgen befördert, Grenouille fristet ab da an sein Dasein in einem Waisenhaus. Von der Gesellschaft als Außenseiter degradiert, erkennt er bald seine besondere Gabe, seinen übernatürlichen Geruchssinn, und setzt alles daran ihn zu vervollkommnen. So kommt es, das er bei einem nächtlichen Streifzug durch Paris den Duft einer jungen Frau aufnimmt und ungewollt zum Mörder wird, um ihren betörenden Duft bei sich zu halten.

1985 könnte man bewusst als ein überaus wichtiges Jahr in der deutschen Literaturgeschichte bezeichnen. Damals erschien Patrick Süskinds Erfolgsroman „Das Parfum“, der seither in 45 Sprachen übersetzt, und 15 Millionen mal, davon allein 4 Millionen Exemplare in deutscher Sprache, verkauft wurde. Seit dem Erscheinen des Buches hat Produzent Bernd Eichinger verzweifelt um eine Verfilmung bei Patrick Süskind gebettelt. Der medienscheue Autor stimmte nach langer Zeit doch noch zu, distanzierte sich aber, wie damals Umberto Eco bei „Der Name der Rose“, von Film und Produktion. So erhielt man vom Autor selbst keine Unterstützung, zu dritt (Eichinger, Tykwer und Andrew Birkin) schusterte man sich das Drehbuch zusammen und hielt Ausschau nach der perfekten Besetzung von Jean-Baptiste Grenouille.

Diese findet man in dem Briten Ben Whishaw zwar, was ihm allerdings fehlt ist der nötige Freiraum, um seine Rolle mit derselben Düsternis und Zeckenhaftigkeit seines Romancharakters zu füllen. Nichts spricht dagegen den finsteren Grenouille für das Publikum menschlicher zu machen, ihn ein bisschen von seiner Hässlichkeit zu befreien, allerdings darf dies nicht dazu ausarten die ganze Essenz des Buches und deren Moral zu verändern, und damit die großartige Charakterzeichnung Süskinds zu verderben. Dies geschieht aber trotzdem und Whishaw ist nicht der einzige der unter der starköpfigen Regie Tykwer’s zu leiden hat.

Alan Rickman bekommt dies am Meisten zu spüren. Der ansonsten immer großartige Schauspieler übertreibt seine Rolle in den entscheidenden Momenten maßlos, sein Gefühlsausbruch als er seine Tochter tot auffindet ist zu eklatant gefühlvoll dargestellt, dass er nur noch albern wirkt. Bei Dustin Hoffman findet sich ein anderes Problem wieder. Immer schon war er jemand der gerne die komödiantische Ader seiner Figuren darstellt, hier führt es dazu, dass entscheidende Szenen in vollkommener Lächerlichkeit ertrinken. Obwohl die Rolle der Frauen sowohl bei Süskind als auch bei Tykwer’s Verfilmung eher gering ausfällt, kann gerade die Damenwelt überzeugen. Das starke Ensemble um das Mirabellen-Mädchen Karoline Herfurth, Laura Richis (Rachel-Hurd Wood) und Madame Arnulfi (Corinna Harfouch) spielt gekonnt ihre Stärken aus und schafft es teilweise die schwachen Darstellungen ihrer männlichen Filmpartner zu kompensieren.

Der Film erweist auch sonst seine Stärken in der oberflächlichen Betrachtung. Mit viel Hang zum Realismus wurde das alte Paris mit all seinem Gestank, Tierinnereinen und Dreck abgebildet und schafft es den Zuschauer in eine längst vergangene Zeit zurück zu versetzen. Als der kleine Grenouille in der Eröffnungsszene auf dem Fischmarkt zur Welt gebracht wird, zeigt sich eine kaum vorstellbare Flut an abschreckenden Bildern, die grauenhafte Verfassung der Menschen, auch deren Verzweifelung und Abhärtung gegenüber dem unerbittlichen Geruch. Die verheerende Armut des Großteils der Bevölkerung wird dem glänzenden Schein des Adels mittels einer hervorragenden Kostüm- und Kulissengestaltung gegenüber gesetzt, die es ohne Probleme schafft dem internationalen Vergleich zu trotzen und deutlich erahnen lässt, was dieses gewaltige Budget hergegeben hätte.

Tatsächlich wäre auch hier noch viel mehr möglich gewesen. Zu wenig reizt man die besonderen Momente aus, die das Medium Film erschaffen kann. Genau zweimal zeigt der Film sein irreales Gewand, wartet mit einem fantastischen Kameraflug auf, in dem Grenouille sein letztes Opfer Laura durch ihren Geruch aufspürt, die Kamera sich wirbelt und dreht, sich von Grenouille über Felsen und Wälder entfernt und schließlich die davon reitende Laura in ihr Blickfeld bringt, deren rotes Haar im Wind weht, sich plötzlich umdreht, mit einem gehetzten Blick, als wüsste sie, dass man sie verfolgt. Als Hoffman die erste Kreation, die Umwandlung von „Amor & Psyche“ riecht, die Musik flirrt, der reale Hintergrund verschwindet und einem Blumengarten Platz macht, zeigt sich ein einziges Mal die Macht eines Duftes, wie er die eigene Wahrnehmung verändern und neue Welten öffnen kann. Ein einziges Mal schafft es „Das Parfüm“ wirklich die vielseitige Welt der Gerüche einzufangen und sie dem Publikum mit all ihrer Schönheit verständlich zu machen.

Leider bleibt ansonsten nicht mehr viel Positives übrig. Eine Buchverfilmung muss, wie hinlänglich bekannt sein sollte, damit leben, dass einige Szenen gekürzt oder herausgeschnitten werden müssen. Die Absicht eines Romans sollte allerdings dennoch gewahrt bleiben, schließlich basiert eine Buchverfilmung immer noch auf einem bereits vorhandenen Werk. Es ist nicht erforderlich dieses Schriftstück 1:1 zu kopieren, aber es sollte doch wenigstens annähernd denselben Effekt erbringen, wie eben jene Vorlage. Und in diesem Faktum scheitert „Das Parfum“ kläglich. Der Film ist viel zu massentauglich eingerichtet und ihm misslingt es die Bösartigkeit und Brutalität des Romans äquivalent umzusetzen. Der Mörder Grenouille zieht den Leser in seinen Bann, hin- und her gerissen zwischen Sympathie und Abscheu, der Mensch Grenouille zieht das Publikum auf seine Seite, seine Taten werden abgemildert, sein ganzer Charakter bettelt nach Hilfe und Mitleid.

Hiermit zeigt sich zudem auch das Hauptproblem von „Das Parfum“. Grenouilles Morde bleiben seltsam flach und emotionslos, in entscheidenden Momenten blendet die Kamera ab und lässt einen unschuldig dreinblickenden Ben Whishaw allein zurück. Nichts bleibt mehr von dem Fanatismus des Buch-Grenouille übrig, der ohne Rücksicht auf Verluste sich nicht, wie im Film fälschlicherweise dargestellt, irgendein hübsches Mädchen aus der Masse suchte, sondern explizit auf blutjunge wunderschöne Jungfrauen zurückgriff. Seine wahre Obsession, den Duft zu kreieren, der ihm die Menschen untertan macht, ihm die Liebe und Anerkennung gibt, die er selbst nie erhalten hat, verkommt im Film einzig zu der wohl bekanntesten Szene des Buches. In Sterilität gewaschen räkeln sich halbnackte Statisten auf dem Vorplatz, in dem Grenouilles Exekution eigentlich durchgeführt werden sollte und vollziehen eine abgemilderte Version der bucheigenen Massenorgie. Diese Ausführung mag im Gesamtkontext des Filmes durchaus funktionieren, aber durch die fehlende Charakterzeichnung Grenouilles verspielt Tykwer die Möglichkeit, in der gleichen Weise zu polarisieren, wie es in der schriftlichen Fassung geschehen ist.

Tykwer’s „Das Parfum“ badet im Glanz eines brillanten Romans, gleitet in opulenten Bildern über die Leinwand, versäumt dabei aber der Seele der Vorlage gerecht zu werden. In der Kopfnote perfekt, fehlt dem Film die Liebe und der Mut seinen Charakteren genügend Leben einzuhauchen und seinem Publikum mehr als einen oberflächlichen Schein zu präsentieren.

Autorin

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