Nachgereicht: The Science of Sleep

The Science of Sleep
Frankreich 2005
Start: 28.09.06

The Science of Sleep

Regie: Michel Gondry
Drehbuch: Michel Gondry
Darsteller: Gael Garcia Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou, Jean-Michel Bernard

Kritik: „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ war sein großer Durchbruch. Mit Drehbuchass Charlie Kaufman im Gepäck gelang Michel Gondry 2004 der wohl schönste Liebesfilm der letzten Jahre und sahnte nicht nur bei den Oscars (Bestes Original-Drehbuch), sondern auch bei Kritikern weltweit ab. Nach einem kurzen Abstecher in die musikalische Welt („Dave Chappelle’s Block Party“) kommt er nun wieder mit außergewöhnlichen Ideen und einer gehörigen Portion Kreativität zurück.

Hallo … und willkommen zu einer weiteren Folge von Television Educative. Heute zeig‘ ich Ihnen, wie man Träume zubereitet. Viele von Ihnen denken, das ist ein einfacher Vorgang, aber die Wirklichkeit sieht komplizierter aus. Wie Sie sehen, liegt das Erfolgsgeheimnis in der sorgfältigen Mischung verschiedenster Zutaten: Zuerst geben wir ein paar beliebige Gedanken hinein. Und dann fügen wir ein klein wenig Nachklang vom Tag hinzu, vermischt mit ein paar Erinnerungen an die Vergangenheit. Das reicht für zwei. Liebe … Freundschaften … Partnerschaften … und all die anderen „Schaften“. Dazu kommen ein paar Lieder vom Tage, Dinge die Sie gesehen haben und ein Spritzer … Persönliches. – Wie man Träume macht

Stephane (Gael Garcia Bernal) ist ein begnadeter Träumer. In seiner eigenen Show „Stephane TV“, deren erdachtes Studio aus Eierschachteln, Kartonboxen und einem Duschvorhang besteht, braut er sich tagtäglich seine Träume zusammen, immer pendelnd zwischen dem wahren Leben und seiner Traumwelt, nutzt er es als sein Hauptquartier, wo alle Fäden zusammen führen. Falls er dann doch einmal aus seinem Gedankenwirrwarr auftaucht arbeitet er bei einem Pariser Kalenderhersteller als bessere Kopierkraft und verehrt das Mädchen nebenan, seine Nachbarin den Flur gegenüber, die bodenständige Stephanie (Charlotte Gainsbourg). Diese findet Stephane zwar sympathisch, aber seine verquerten Gedanken und seine Kindlichkeit schockieren sie zu sehr, um mehr auf ihn einzugehen. Schließlich zieht er sich immer weiter in sich zurück und kann bei seiner Suche nach Liebe langsam die Realität nicht mehr von seinen Träumen unterscheiden.

Früher bekannt geworden durch seine zahlreichen Kurzfilme, Musikvideos (unter anderem von Künstlern wie Björk, Beck und den White Stripes), und ausgezeichneten Werbespots („Drugstore“ von 1994 für Levis erhielt nicht nur einen Goldenen Löwen beim Werbefilm-Festival in Cannes, sondern steht zudem im „Guinnessbuch der Rekorde“ als der am häufigsten prämierte Werbefilm aller Zeiten), widmet sich Michel Gondry seit 2001 ganz dem Spielfilmgenre. Sein Erstlingswerk, die bizarre Evolutionskomödie „Human Nature“ entstand, wie auch „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, mithilfe von Schreiberling Charlie Kaufman, der zuvor Spike Jonze schon für „Being John Malkovich“ seine verrückten Ideen überließ. Für „The Science of Sleep“ beweist sich Gondry das erste Mal nicht nur als Regisseur, sondern auch als Drehbuchautor. Diese Kombination erweist sich als Glücksgriff, denn es ist ebenfalls das erste Mal, dass er seine eigenen Visionen vollständig ausdrücken kann und nicht auf die Zustimmung anderer Menschen angewiesen ist.

Krabbelnde Elektrorasierer, lebendige Stofftiere, eine „1-Sekunden-Zeitmaschine“ (die wahlweise 1 Sekunde in die Zukunft oder Vergangenheit springt) und eine 3D-Brille, die das normale Leben tatsächlich dreidimensional darstellt, sind nur einige der Dinge, mit denen man in Michel Gondry’s neuem Film zu kämpfen hat. Sein Universum ist dermaßen voll gepfropft mit sonderbaren Erfindungen, dass der aufmerksame Zuschauer schon nach kurzer Zeit nicht mehr weiß, wo er zuerst hinschauen soll. Bewusst verzichtete Gondry darauf, die Effekte mittels CGI (Computer Generated Imagery) darzustellen, und schwenkte stattdessen auf die gute alte Schule der Stop-Motion-Technik um. In einem Sägewerk in den Bergen von Villemagne stellte er in 7 Wochen exakt jede Szene nach und filmte sie in aufwendiger Handarbeit Bild für Bild ab. Das Ergebnis ist gleichzeitig gewöhnungsbedürftig als auch faszinierend. Mit laienhaften Charme und unbeholfener Verspieltheit schafft er es auf diese Weise, Stephane’s Träumen einen irrealen Touch zu geben und seine kindlichen Gefühle in prächtigen Bildern einzufangen.

Diese Träume kommen nicht von irgendwo. Es mag für den normalen Betrachter nicht immer klar ersichtlich sein, was denn nun Realität und was Illusion ist, Gondry allerdings war sich seiner Sache sehr bewusst, schließlich setzte er auf seine eigenen Traumsequenzen. Auch ansonsten zeigt sich „The Science of Sleep“ auffällig autobiographisch. So wurde in demselben Haus gedreht, in dem Gondry mit seinem Sohn und dessen Mutter damals gelebt hatte, er arbeitete ebenfalls, bevor er zum Film kam, als Kalenderdesigner in einem Copy-Shop und gab zudem Filmcharakter Stephane einiges seiner Persönlichkeit mit auf den Weg. Den anderen Teil steuerte der Mexikaner Gael Garcia Bernal bei. Sein Stephane ist ein empfindsamer Zeitgenosse, stets auf der Jagd nach einer neuen Idee, gefangen in seinem Kopf, versucht er verzweifelt seine verstörten Gedanken zu ordnen. Bernal ist das nötige Kunststück, das letzte Puzzleteil, dass „The Science of Sleep“ nicht nur zu einem außergewöhnlichem, sondern zu einem außergewöhnlich guten Film macht. Es kommt ihm ebenfalls zugute mit Charlotte Gainsbourg eine gleichermaßen talentierte Kollegin gefunden zu haben. Die Schauspielerin, die gerne ihre Gesangskünste offenbart (ihr erstes Album seit 20 Jahren erschien kürzlich unter dem Titel 5:55), spielt ihre Stephanie als eine Frau mit schwankendem Verhalten, die sich nicht sicher ist, wie viel sie von Stephane’s Neurosen an sich heranlassen möchte. Sie besitzt zwar kindliche Eigenarten, aber sie lebt bewusst in der Realität und driftet eher selten in die Traumwelten eines Stephane ab.

„The Science of Sleep“ ist sicherlich kein Film für jedermann. Wer schon im vorhinein von lebendigen Rössern mit Knopfaugen oder Menschen in Bärenkostümen, die als Rockgruppe auftreten, abgeschreckt wird, sollte besser die Finger von diesem Experiment lassen. Ansonsten kommt man in den Genuss eines ungewöhnlichen Films, der mit vielen Kuriositäten voll gepackt ist und nicht umsonst das Bedürfnis hegt, einmal selbst seine Kreativität ausleben zu wollen. Oder wie der Meister es selbst formulieren würde: „Ich hoffe, dass es Menschen gibt, die nach dem Film nach Hause gehen, sich eine Schere nehmen, ein paar alte Pappen herausholen und anfangen, zu schnipseln, zu leimen, zu fantasieren und ihre kleinen Geschichten zu basteln.“ Und das gelingt Ihnen ganz hervorragend, Monsieur Gondry.

Autorin

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