Nachgereicht: Eine unbequeme Wahrheit

An Inconvenient Truth
USA 2006
Start: 12.10.06

Eine unbequeme Wahrheit

Regie: Davis Guggenheim
Darsteller: Al Gore

Kritik: Das chinesische Schriftzeichen für Krise steht nicht nur für die Gefahr, sondern auch für Chance oder Möglichkeit. Die Klimakrise mag auf der einen Seite eine globale Bedrohung darstellen, auf der anderen ist es nicht zu spät den Wandel der Zeit umzukehren und unseren Nachfahren ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen. Seitdem Al Gore 2000 die umstrittenen Präsidentschaftswahlen gegen George W. Bush verlor, setzte er sich verstärkt dafür ein, einem großen Publikum mittels aufwendiger Präsentationen, die Gefahr des Klimawandels zu verdeutlichen. TV-Regisseur Davis Guggenheim nutzte diese Gelegenheit und erschaffte aus Gore’s One-Man-Show einen wichtigen Dokumentarfilm.

Begonnen hatte Gore’s Engagement vor über 30 Jahren, als er unter dem Klimatologen Roger Revelle in Harvard studierte. Dieser war einer der ersten, der den gefährlichen Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre zur Kenntnis nahm, und so in den sechziger Jahren Wetterballons im Pazifik aufsteigen ließ um nach und nach eine präzise Messreihe zu erstellen. Seinen Schülern offenbarte er bereits 1968 die erschreckende Erkenntnis und beeinflusste Gore nachhaltig, der die nunmehr 48 Jahre alte Kurve noch immer mehrere Male pro Woche in seinen Vorträgen zeigt. Hervorstechend für seine Rolle als bekanntester Umweltaktivist Amerikas sind vor Allem sein Bestseller „Wege zum Gleichgewicht: Ein Marshallplan für die Erde“, den er in seiner Zeit als Kongressabgeordneter schrieb, und sein Einsatz für die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls, das verbindliche Ziele für die Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen festschreibt. Zwar erklärte sich US-Präsident Bush bis heute nicht bereit das Formular zu unterschreiben, jedoch übernahmen zahlreiche amerikanische Städte die Initiative und ratifizierten es selbstständig, um ihre Treibhausgasemissionen auf das geforderte Niveau zu senken.

Bisher verbreitete Gore einige hundertmal seine publikumswirksame Geschichte über die Folgen der Erderwärmung, plädierte für ein stärkeres Umweltbewusstsein und erntete dafür massenhaft Beifallsstürme. Demzufolge ist es nicht verwunderlich das eines Tages im Frühling 2005 in Los Angeles, nach einem seiner Vorträge, eine kleine Gruppe von Menschen auf ihn zukam, darunter Umweltaktivistin Laurie David und Filmproduzent Lawrence Bender, die ihm vorschlugen einen Film über seine Präsentation zu drehen. Kurz darauf stieß Davis Guggenheim hinzu, der die Regie übernehmen sollte, Jeff Skoll, Gründer und Geschäftsführer von Participant Productions, war für die Finanzierung des Projekts zuständig. Gore zögerte anfangs, da er befürchtete, Wissenschaft und Unterhaltung würden sich im Weg stehen, realisierte aber schnell, mit welchen Herzblut das Team bei der Sache war und ließ sich von ihrem Enthusiasmus, wie auch von ihrem Tatendrang gemeinsame Ziele zu verfolgen, mitreißen.

Dreh- und Angelpunkt des Filmes ist sicherlich die nahezu komplette Abfilmung von Gore’s „unbequemer Wahrheit“. Allerdings trumpft Regisseur Guggenheim hier mit einer sowohl einfachen als auch wirksamen Methode auf: er zeigt den Umweltaktivisten Albert Arnold Gore Jr. als Menschen und schafft somit den notwendigen Katalysator, um über die wissenschaftlichen Fakten hinweg zu gehen und eine dringend notwendige Identifikation zu schaffen. Fernab von seinem Dasein als Politiker ist er Familienmensch, der Schicksalsschläge zu verkraften hatte (sein Sohn wurde vor Jahren bei einem Unfall schwer verletzt und erholte sich nur langsam, seine Schwester Nancy starb an Lungenkrebs), fairer Verlierer, der seine Niederlage im Wahlkampf wegsteckte und unersättlicher Naturbursche, der seine Jugend auf einer Farm verbrachte. Dieses Mindestmaß an Informationen über ihn schafft eine emotionale Bindung, die sich auf die Einstellung des Publikums auswirkt. Im Gegensatz zu den betont trockenen Beiträgen anderer Dokumentarfilme, die sich mit ähnlich umfassenden Vorgängen beschäftigen, driftet Guggenheim’s Exemplar nie in eine dösende Langeweile ab, sondern hält den Zuschauer zu jedem Zeitpunkt bei der Stange.

Dies ist ebenfalls der Verdienst von Gore’s minimalistischem Sinn für Humor. Zynismus und sarkastische Äußerungen sind bei ihm bewusst fehl am Platz, da diese Formen nicht nur der Wissenschaftlichkeit im Weg stehen, sondern zudem dafür sorgen, dass er selbst nicht mehr ernst genommen würde, oder der Schein entstehen könnte, er sei nicht aufrichtig genug bereit, das Thema akkurat zu beleuchten. Stattdessen wirft er kleine pointierte Gags ein („Mein Name ist Al Gore, ich war einmal der nächste Präsident der vereinigten Staaten.“) und sorgt mit kurzen Comicsequenzen für eine gelungene Mischung aus Witz und Ernsthaftigkeit. Auf diese Weise kommt ein Schnipsel der Zeichentrickserie „Futurama“, von „Simpsons“-Schöpfer Matt Groening, zustande, ein anderes Mal wird ein Frosch kurzerhand in siedendes Wasser gegeben, nur um ihn wegen mangelnden Wissens gerade noch rechtzeitig vor dem sicheren Tod zu retten. Die ganze Tragik der drohenden Katastrophe wird in einer anderen Animation ersichtlich. Ein schwimmender Eisbär versucht im rauen Meer verzweifelt eine der nahen Eisschollen zu erreichen, möchte sich mit aller Kraft auf diese wuchten, und scheitert. Die Eisflächen brechen unter dem Gewicht des Bären in sich zusammen.

Entgegen den sensationsgeilen Dokumentarfilmen eines Michael Moore, entscheidet sich Al Gore somit für eine pure Schocktherapie. „Wir haben noch zehn Jahre, um etwas gegen die Erderwärmung zu tun“, sagt er immer wieder, und die Konsequenzen, falls diese Warnungen ignoriert werden, wären fatal. Schon heutzutage sind die Zeichen alarmierend, Hurrikan „Katrina“ verwüstete New Orleans, Erdbeben, Tsunamis und Überschwemmungen treiben überall in der Welt ihr Unwesen. Was in Zukunft passieren könnte ist keinesfalls ungewiss, abschmelzende Gletscher werden den Meeresspiegel in ungeahnte Höhen treiben und vielerorts Millionen von Menschen aus ihrer Heimat verdrängen. Gore appelliert in jeder Sekunde an das Publikum, er bebildert alle Fakten ausführlich, zeigt Vorher-Nachher-Fotos von mehreren Gletschern, die im Laufe der Jahre der globalen Erwärmung zum Opfer gefallen sind, schildert die Folgen von „Katrina“ und enormen Dürreperioden in Teilen Afrikas, und die gewaltige Bevölkerungsexplosion, die hauptverantwortlich für die Steigerung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre ist.

Schlussendlich ist „Eine unbequeme Wahrheit“ nicht nur Umweltthriller, sondern Plädoyer für die Menschlichkeit in jedem von uns. Gore belegt seine Thesen eindrucksvoll, schafft es zudem auf verständliche, aber auch anspruchsvolle Weise das Publikum für sich zu gewinnen und zu fordern. Seine Aussage ist zugleich einfach, als auch verlangend: Es ist nicht zu spät zu handeln, und wenn ein einzelner Film wahrscheinlich nicht alles verändern kann, so schafft dieser es wenigstens, dass man nicht nur bereit ist die unumgänglichen Fakten einzusehen, sondern ernsthaft Konsequenzen für sich und seine Umwelt zu erkennen.

Autorin

1 Response to “Nachgereicht: Eine unbequeme Wahrheit”



  1. 1 Pochert die Filme « CeReality Trackback zu April 15, 2007 um 3:44 pm

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: