Nachgereicht: Der Teufel trägt Prada

The Devil Wears Prada
USA 2006
Start: 12.10.06

Der Teufel trägt Prada

Regie: David Frankel
Drehbuch: Aline Brosh McKenna, Lauren Weisberger
Darsteller: Anne Hathaway, Meryl Streep, Stanley Tucci, Emily Blunt

Kritik: Die Modebranche ist lange Zeit von Hollywood handzahm bedacht worden. Bis auf einen kleineren Ausflug in „Zoolander“, in dem Ben Stiller das poppig gestylte Model Derek spielte, wagte sich die Traumindustrie nicht in die Welt des Glitters und der magersüchtigen Damen, die über Laufstege stolzieren. Dies änderte sich spätestens als Lauren Weisberger 2003 ihren Roman „Der Teufel trägt Prada“, auf den Markt brachte und damit schnell die Oberflächlichkeit der Haute-Couture anprangerte. Hört sich nicht besonders erfrischend an, doch Regisseurs David Frankel gleichnamige Verfilmung hat noch einen Trumpf im Ärmel: Meryl Streep darf die tyrannische Modezarin Miranda Priestly mit klassischer Stilsicherheit verkörpern.

Frisch von der Uni nimmt das aufstrebende Schreibtalent Andrea Sachs (Anne Hathaway) einen Job bei „Runway“, einem führenden Modemagazin in der Metropole New York, an, um Berufserfahrung zu sammeln. Der Arbeitsplatz, für den tausende junge Mädchen sterben würden, entpuppt sich dabei schnell als Vorstufe zur Hölle, was nicht nur an Andy’s fehlendem Sinn für Mode, sondern auch an ihrer Chefin Miranda Priestly (Streep) liegt. Diese verfolgt ihre Ziele absolut diktatorisch, lässt selten ein gutes Haar an erledigten Aufträgen und ist auch sonst nicht gerade menschenfreundlich eingestellt. Wenn sie kommt, haben ihre Angestellten zu tollen, Birkenstocks dürfen gegen teure Stöckelschuhe eingetauscht werden und man sollte auf der Hut sein, um nicht ihren Mantel auf den Tisch gefegt zu bekommen. Einzig der sanftmütige Modechef Nigel (Stanley Tucci) ist gewillt Andy ein klein bisschen Unterstützung zukommen zu lassen, und greift ihr nach und nach, erst mit ihrem Stil, vom Landei zum schönen Schwan, dann mit ein wenig emotionalen Beistand, unter die Arme. Soweit bis sie selbst nicht mehr weiß, was sie will, und welche Prinzipien ihr wichtiger erscheinen sollten.

Basierend auf ihrem Jahr bei der amerikanischen „Vogue“, in dem sie unter ihrer Peinigerin Anna Wintour zu leiden hatte, schrieb Weisberger ihren Bestseller „Der Teufel trägt Prada“. Das Buch ist eine kalte Abrechnung mit ihrem Leidensweg im Modegeschäft, so verwundert es wenig, dass Wintour das Buch kurzerhand verbannte, sogar schärfste Warnungen aussprach, falls es ein Designer wagen sollte, einen Cameo-Auftritt im Film hinzulegen. Bis auf eine Gastrolle Valentino’s, der ein schwarzes Abendkleid für Streep kreierte, hielten sich auch alle an die Drohung, das Risiko bei der mächtigsten Frau im Modegeschäft durchzufallen wäre zu groß. Trotz allem ließen sich nicht wenige dazu hinreißen zumindest die Hauptakteure ausreichend mit Designerkleidung auszurüsten. Meryl Streep darf somit zur Hälfte in Schuhen von Prada dahin schreiten, Anne Hathaway erhielt eine feine Zusammenstellung aus dem Sortiment von Chanel, Dolce & Gabbana und Calvin Klein.

Überzeugt hatte sie alle wohl genau eine Person. Patricia Field, schon etabliert im Feld der Anstandsmode für „Sex and the City“, durfte wieder einmal zu pompösen Outfits greifen. Ganze 100,000 Dollar standen ihr für eine optimale Gestaltung zur Verfügung, und diese nutzt sie auch in voller Bandbreite aus. Wie schon bei Carrie Bradshaw & Co wirkt das Ganze natürlich vollständig übertrieben, doch dieser Unrealismus ist dringend notwendig, denn im Film Mode äquivalent umzusetzen, ist nicht nur schwierig, sondern geradezu unmöglich. Die Kamera ist nicht ausreichend flexibel, um die geleisteten Dienste eines Designers in Vollkommenheit widerzugeben, vielmehr scheitert sie an der Vielfalt von Texturen und leuchteten Farben, und würde sogar Meisterwerke des Schnittes in der schnelllebigen Bilderflut untergehen lassen. Somit sollte der Zuschauer die ausdrückliche Trennung von Mitarbeitern der Modebranche und Normalos einfach ohne murren hinnehmen, sich von Hathaway’s und Streep’s Äußerem leiten lassen und dem Film möglichst nicht mehr andichten, als er sein möchte.

Spinnt man den Faden tatsächlich weiter, lassen sich einige gute ernsthafte Tendenzen erkennen. Die unüberwindbar scharfzügigen Kommentare, die schier unmöglichen Arbeitsaufträge, all das ist Miranda Priestly, und nicht umsonst ist ihr Verhalten gegenüber ihren Mitarbeitern nicht besser als der Ton in einem amerikanischen Trainingscamp für schwer erziehbare Jugendliche. Sie gipfelt ihr Verhalten in kühl strukturiertem Mobbing, Neuankömmling Andy spiegelt da natürlich die perfekte Inkarnation des, in Miranda’s Augen, unbeholfenem Bauerntrampels wider und ist ideale Zielscheibe für verbale Angriffe. Sie sprintet von Coffeeshop zu Coffeeshop, zu Calvin Klein, um zig Rockmodelle zu besorgen, zum Haus ihrer Chefin, kurz: sie muss spuren, sie muss rennen, der versinnbildlichte Gedanke, dass sie vor ihrem eigenen Boss davonläuft, liegt nahe. Das direkt aus dem realen Leben übernommene Bild, Chef bedrängt monatslohnabhängigen Sklaven, zeigt sich in einer Mischung aus Komödie und Drama, ein äußerst gelungenes Gebilde, das gleichwohl für die Klasse steht, die „Der Teufel trägt Prada“ bis zur Hälfte des filmischen Ergusses auswirkt.

Leider übertreibt es Regisseur David Frankel von diesem Punkt an mit seinen vorgefertigten Ansichten und bemüht sich zu sehr darum aus einem puren Unterhaltungsfilm ein episches Meisterwerk mit vielschichtigen Charakteren zu zeichnen. Seine Andy kristallisiert sich immer mehr zur karrieregeilen Supernova, eine die den Kopf nicht mehr aus der Arbeitsschlinge ziehen kann, das undenkbare möglich macht, sie schleppt das unveröffentlichte Manuskript des siebten Harry Potter Bandes für Priestly’s Zwillinge an, und ansonsten nicht mehr viel von ihrem alten Ich zeigt. Flott vernachlässigt sie ihre besten Freunde, opfert ihr Privatleben für die Karriere, bis sie zum Ende hin – Achtung Überraschung – noch die Kurve kratzt, und bei Miranda kündigt. Diese versorgt sie zudem mit einem neuen Job, Andy’s Traumlos, beim New York Mirror. Oh, holde Welt. Kein Wunder, dass Drehbuchautorin Aline Brosh McKenna Andrea’s Freundeskreis leere Hüllen zuteil werden ließ, denn mal ehrlich: wer hätte dieses Gutmenschentum heil überstanden. Die klischeebehaftete Reise zur heißerwarteten Modenschau nach Paris bildet den Höhepunkt allen Kitsches, danach darf, Gott sei Dank, Streep noch ein letztes Mal ihre herrlich sadistische Miene auspacken, beim überraschenden Wiedersehen mit ihrer ehemaligen Assistentin.

Meryl Streep ist es ebenfalls, die den Film vor dem erwarteten Untergang bewahrt. Die Frau mit Silberhaar gibt ihrer Miranda eine währende Präsenz, eine Standhaftigkeit, eine die mit einem einzigen „Das ist alles“, leise und fast freundlich gesprochen, ihren Untertanen ihre kühle Herablassung offenbart. In imperialistischer Herrschaft führt sie Runway, niemals aufgebracht, doch brodelnde Arroganz ist bekanntlich schwerer zu ertragen, als jeder Wutausbruch. Miranda’s kalte Aura bündelt Streep in eleganter Unauffälligkeit, eine Oscarnominierung scheint festzustehen, denn soviel Grausamkeit kann selbst die Academy nicht übersehen. Dagegen zieht Anne Hathaway in schlabberigen Pullovern natürlich die schlechteren Karten. Zwar strahlt sie Anfangs im Stile des naiven Dummchens genügend Sympathien aus, nichtsdestotrotz schlägt das Drehbuch ihr ein Schnippchen und degradiert sie immer weiter zum rücksichtslosen Biest. Es hilft ebenso nicht viel, den beiden herrlichen Nebenrollen Stanley Tucci, der den gutherzigen Modechef Nigel spielt, und Emily Blunt, die giftige erste Assistentin, jeglichen Handlungsfreiraum zu nehmen, beide Rollen hätten ein höheres Potential dargestellt, was tatsächlich davon ausgenutzt wurde, hält sich in Grenzen.

„Der Teufel trägt Prada“ trumpft mit einer großartig aufgelegten Meryl Streep auf, die der diabolischen Miranda auf eine wahrhaft oscarwürdige Art und Weise Leben einhaucht. Sie überzeugt und kann die Schwächen der zweiten Filmhälfte zwar nicht ausbaden, aber sehr wohl für launige sechzig Minuten sorgen, die Spielzeit, in der Anne Hathaway’s Andrea noch nicht hoffnungslos dem Modeego verschrien ist.

Autorin

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