Gurus go for Gold – Wer bei den Oscars die Nase vorn hat

Wie lange musste man auf dieses spannende Duell warten? Über viele Jahre hinweg waren die Oscars immer zu 90 % vorhersehbar. Da geschah der Crash und es liegt so herrlich in der Luft, es kribbelt einem in den Fingern den Gewinner des besten Filmes korrekt vorherzusagen. Die Schmach nach „Brokeback Mountain“ wieder auszugleichen. Ist es der 25. Februar, der alles auf den Kopf stellen könnte? Ein ganzes Universum gar, zusammengepflückt aus Dramen des hier und jetzt? Immer wieder stellt sich diese eine Frage: Kommt es wieder zu einer Überraschung? Gäbe es überhaupt eine Wahl, die dies zulassen würde? Lautstark plädiert man auf ein „Nein“. Unklar ist der Gewinner, die Verlierer, so man alten Zeiten Tribut zollt, ebenfalls. Da stehen ein Eastwood, ein Scorsese, ein Frears, ein González Iñárritu, und dieses Gespann des Sonnenscheins. Am wenigsten hat es … nun, wen darf man ganz wegradieren? Sollte wirklich derselbe Fehlschlag des letzten Jahres wiederholt werden?

Die Oscargewinner rational vorherzusagen ist schwer, bei weitem aber nicht unmöglich. Stelle man sich das Duell, das eigentlich keines war, „Crash“ gegen „Brokeback Mountain“, vor. Warum gewann im Endeffekt „Crash“ und nicht der als Spitzenreiter angetretene „Brokeback Mountain“? Die Academy, ein Zusammenschluss aus nunmehr 5830 Personen, Schauspielern, Produzenten, Regisseuren, Komponisten, Technikern, wählte den politisch relevanteren. Rassendiskriminierung spielt in den USA immer noch eine große Rolle, im Ausland dagegen wird dieses Thema besser behandelt, von einer gewissen Stellung aus gesehen vielleicht auch verdrängt. „Brokeback Mountain“ stellt einen komplett anderen Fall dar. Es ist eine Liebesgeschichte die er behandelt, eine für den Film neue und ungewöhnliche. Beide Filme drehen sich um Randgruppen, während „Crash“ sich aber nie für eine festlegt, weitschweifender handelt und einen Großteil der Bevölkerung ohne Probleme anspricht. Dagegen ist Homosexualität, beachtet man das Alter vieler Jurymitglieder, ein Thema, das in der heutigen Welt zwar eigentlich ohne Nachzudenken angenommen werden sollte, jedoch bei einer weitaus höheren Zahl auf keine Toleranz trifft. Den Todesstoß versetzte „Brokeback Mountain“ zudem der große Hype um den Film.

Den Problemfall „Brokeback Mountain“ trifft 2007 keiner der nominierten Filme. Warum das so ist? Risikobereitschaft zeichnet sich bei keinem Kandidaten aus. Alle verwenden altbekannte Motive der Filmgeschichte, nutzen menschliche Emotionen, behandeln Vergangenheit oder Gegenwart. Manche setzen auf altbekannte Regisseure, viele auf ausgezeichnete Darsteller. Von Filmpreisen braucht keiner mehr zu träumen. Es gilt zu analysieren welcher Anwärter die bestmöglichen Chancen für den besten Film hat. Wer überzeugt die Jury der Academy Awards?

    Blutgetränkte Enttarnung – „Der Cop-Thriller” Platz 1

The Departed. Ewig währt der Scorsese. Den Regie-Oscar wird ihm definitiv nach dem Gewinn des DGA keiner streitig machen, die Auszeichnung des besten Films sollte eine knappe Entscheidung werden. Mit „The Departed“ frönt er einmal mehr seiner Leidenschaft des Cop/Gangster Duells, blutigen Kämpfen und menschlichen Ausnahmesituationen, das erste Mal nicht mit einem Original-Drehbuch, „The Departed“ bedient sich des asiatischen „Infernal Affairs“. Obwohl die Perspektive „Remake“ dem Film schaden sollte, sie schafft es nicht. Scorsese ist viel zu Eigen in seinem Umgang mit bereits bekannten Motiven, setzt eine hervorragende Atmosphäre ein, die Schauspieler tanzen sowieso nach seiner Pfeife. Aus einem einfachen Grund hat er bessere Chancen als jeder der anderen Nominierten: Er gewann noch nie. Die Gewalttätigkeit in seinem Konzept vermindert entgegen der landläufigen Meinung nicht seine Gewinnaussichten, auch Mel Gibsons „Braveheart“ holte 1996 den Pot.

    Putziger Familienklamauk – „Das Road-Movie” Platz 2

Little Miss Sunshine. Den Aufstieg dieser Komödie ganz nachzuvollziehen ist unmöglich. Erst wurde um einen Platz unter den besten fünf gemunkelt, dann steigt er plötzlich zum möglichen Gewinner der Königskategorie auf. In Zeiten des Krieges, einer Bush-Regierung, einer nahenden Klimakatastrophe stellt „Little Miss Sunshine“ eine erfrischende Abwechslung dar. Er ist ein kleiner, netter Film, hebt die Stimmung unwiderruflich an und besitzt ein niedliches Mädchen bei einem Schönheitswettbewerb. Diese Art von Film ist ein Sieger im „Original-Drehbuch“, keineswegs war er jemals ein Favorit beim besten Film. Die Zeiten ändern sich.

    Stück für Stück – „Der Episodenfilm” Platz 3

Babel. Ein Werk für Kontroversen. Bei einigen hoch gelobt, verkannten andere die Botschaft und bezeichneten die drei Handlungsstränge als gezwungen und überkonstruiert. Mit demselben Faktor hatte Vorjahres Gewinner „Crash“ bei Zuschauern überaus oft zu kämpfen, Kritiker stimmten bei „Babel“ ebenfalls nicht einheitlich in Lobesgesang oder Spott ein. Die Bewertungsskalen führen deutlich an den Rand der Kette. Mit seinem Genre sammelt „Babel“ dagegen den größten Pluspunkt, da der Episodenfilm allerdings schon letztes Jahr ausgezeichnet wurde, González Iñárritu zudem mit seinen Vorgängerwerken „Amores Perros“ und „21 Grams“ deutlich dichtere Szenarien erschuf, verkleinern sich seine Chancen auf einen erneuten Triumph. Ob die Academy dieses Jahr den einzigen politischen Film küren wird ist des Weiteren fraglich.

    Vergangenheitsaufbereitung – „Das Kriegsdrama” Platz 4

Letters from Iwo Jima. Zwei Werke eines Regisseurs, dieselbe Thematik, wieder ein Kriegsfilm, der eine amerikanisch, der andere japanisch. „Letters from Iwo Jima“ nahm anstelle des Musicals „Dreamgirls“ den fünften Platz ein, nicht so überraschend, wie gerne angenommen. Für die Verleihung spielen viele Faktoren eine Rolle: Eastwood, Spielberg, Haggis. Clint Eastwood ist beliebt, alt, drehte in der nahen Vergangenheit würdige Filme. Steven Spielberg, Dreamworks-Boss, Produzent und berühmter Regisseur ist aus dem Geschäft nicht mehr wegzudenken und ein wichtiger Faktor für die Vermarktung eines Films. Paul Haggis war der Crash, ein Drehbuchautor, der sich hoch gekämpft hat. All diese Qualifikationen sehen sehr gut aus, leider ist es ein fremdsprachiger Film, eine handvoll unbekannter Schauspieler und ein Krieg inmitten der heutigen Kriege, die ihm den Garaus machen. Würde die Academy nichts von dem berücksichtigen, „Letters from Iwo Jima“ wäre Geheimfavorit.

    Feinfühlige Personenstudie – „Die Hauptdarstellerin“ Platz 5

The Queen. Die Kritiken überschlugen sich mit diesem Portrait der großen britischen Königin. Exakt leitet Stephen Frears die Monarchin durch die tiefsten Täler, bereitet wunderbare Dialoge auf und verzichtet darauf dem Effektgeheuchel Tribut zu zollen. Traditionell ist der Hintergrund, Traditionell der Film. Einzig Helen Mirren könnte als spektakulär bezeichnet werden, schließt sich „The Queen“ ansonsten dem Schicksal des letztjährigen „Capote“ an. Die Academy mag solche Stoffe, nicht genug aber um sie zu lieben.

1 Response to “Gurus go for Gold – Wer bei den Oscars die Nase vorn hat”



  1. 1 „The Departed“ - Scorseses größter Triumph « CeReality Trackback zu Februar 20, 2007 um 5:35 pm

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