„The Departed“ – Scorseses größter Triumph

Es wurden alle Vor- und Nachteile der für den besten Film nominierten Kandidaten ausführlich besprochen, Publikumsliebling „Little Miss Sunshine“ kurzzeitig als Gewinner vorhergesagt und „Babel“ zu jedem Zeitpunkt unter den Teppich gekehrt. Einen Tipp darf ich eine Woche vor der großen Nacht doch noch aus dem Hut zaubern. „The Departed“ wird „Bester Film“. Der Beweis (jetzt muss ich nur noch hoffen dass dieser unwiderlegbar ist):

  1. Das Drehbuch
  2. Ein gutes Drehbuch ist der Fingerabdruck eines guten Filmes. Scharfzügige Dialoge, weitläufige Schauplätze, finden hier ihren Anfang oder ihr Ende. Ohne Drehbuch funktioniert (fast) nichts. Während „Babel“ im Original-Drehbuch gegen seine starken Konkurrenten „The Queen“ und „Little Miss Sunshine“ antreten muss und verlieren wird kann „The Departed“ im adaptierten niemand mehr das Rennen streitig machen. Gewinner: „The Departed“.

  3. Der Regisseur
  4. Good writing is not enough. Nur ein wirklich hervorragender Regisseur kann Text auch äquivalent umsetzen und dabei nicht an bloßer Geschichte festhalten, sondern die eigene Vision durchbringen. Der Mann des Abends wird Martin Scorsese sein, lange verkannt und mit seinem exakten, großteils blutrünstigen Thriller gerechtfertigt im Rampenlicht. Mit einem DGA in der Tasche, da gewinnt sich’s leichter. Gewinner: „The Departed“.

  5. Der Schnitt
  6. Was wäre ein Spielfilm ohne die präzise Hand eines Cutters? Hand aufs Herz: Drehbuch und Regie können noch so ausgezeichnet sein, wenn Puzzelstücke aber nicht zusammengesetzt werden widerstrebt es dem Zuschauer natürlicherweise einem Film mit Interesse beizuwohnen. Scorseses Schnittkind ist Thelma Schoonmaker, eine ausgezeichnete Frau in vielen Dingen, schon zwei Academy Awards konnte sie absahnen (1981 für „Raging Bull“ und 2005 für „The Aviator“), ein dritter steht vor der Haustür. Teilt sie sich diesen mit „Babel“? Gewinner: Offen.

  7. Die Darsteller
  8. Es ist zu bezweifeln, dass es Filme ohne Darsteller gibt. Sei es nun menschlicher Natur oder doch materialistisch gedacht, schließlich geben Kühlschränke, Waschmaschinen oder Bücher auch großartige Hauptdarsteller ab (interessant zu wissen, was diese Gerätschaften denken), Geschichten brauchen Erzähler, Personen, die berühren, wenigstens Spannung erzeugen. Ensembletechnisch, basierend auf den Nominierungen, ist „The Departed“ mit nur einem Mark Wahlberg äußerst schwach vertreten, aber nicht so schnell gedacht. Ein DiCaprio wurde für „Blood Diamond“ nominiert, ein Nicholson ist indirekt immer bedacht, Damon, gut, ist nicht dabei, Frauen gibt es fast keine. Aber das Package, das ist eine Offenbarung. Gewinner: „The Departed“ (ohne einen Gewinn, Ensemble wird immer im bestem Film eingerechnet).

  9. Das Publikum
  10. Es hilft wenig einen guten Film in irgendwelchen Bestenlisten stehen zu haben, ohne einen einzigen Zuschauer, der hinter diesem steht. Also muss Kohle her. 130 Millionen Dollar am Box-Office eignen sich im Falle „The Departed“ geradezu hervorragend dazu Zuschauer und Kritiker gleichermaßen zu beeindrucken. Übrigens kommt keiner der wunderbaren Anderen gegen diese wunderbar hohe Zahl an („Little Miss Sunshine“ mit 60 Millionen, „The Queen“ 50, „Babel“ 33 und „Letters from Iwo Jima“ mit 12 Millionen). Gewinner: „The Departed“.

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2 Responses to “„The Departed“ – Scorseses größter Triumph”


  1. 1 moviebuzz Februar 22, 2007 um 12:48 am

    Da möchte ich noch hinzufügen:

    6. Der Scorsese-Faktor. Nach dem Motto: Wenn wir ihn schon seit „Raging Bull“ noch immer nicht mit einem Oscar bedacht haben, dann reicht der Regie-Oscar nicht aus; also noch einen für den Besten Film.

    Gegen den Oscar spricht allein, dass Departed ein Remake von Infernal Affairs ist; aber halt doch mit der eigenwilligen Scorsese-Note.

  2. 2 Soraly Februar 22, 2007 um 6:58 am

    Hätte ich fast hinzugefügt, wenn nicht die Info rum gegangen wäre, dass manche Voter gerade weil Scorsese schon bessere Filme gedreht hat, deswegen nicht für „The Departed“ abstimmen. Persönlich halte ich dieses Vorgehen für absolut schwachsinnig, schließlich wählt man nicht den besten Film eines Regisseurs, sondern den besten der fünf Nominierten.

    Ob alle Academy Mitglieder von „Infernal Affairs“ wissen bzw. ihn gesehen haben ist eine andere Sache. Ehrlich gesagt bezweifele ich bei den meisten ein offenes Ohr für den asiatischen Film, zudem gefällt mir der Altersschnitt, der bekanntermaßen sehr hoch liegt (logisch, da Mitglieder auf Lebenszeit gewählt werden), nicht.

    Tendenziell können sowohl „Babel“, „The Departed“ und „Little Miss Sunshine“ gewinnen, Letters from Iwo Jima mit einer Außenseiterchance. Mein Tipp steht relativ sicher für „The Departed“, wobei ich gestern alle Nominierten-Trailer durchgegangen bin, und bei „Little Miss Sunshine“ bin ich mir nicht mehr so sicher. Theoretisch ist dieser der einzige Film mit Herz.


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