Kritik: Die Passion Christi

USA 2004
Start: 18.03.04

Die Passion Christi

Regie: Mel Gibson
Drehbuch: Mel Gibson, Benedict Fitzgerald
Darsteller: James Caviezel, Maia Morgenstern, Christo Jivkov, Francesco De Vito, Monica Bellucci, Mattia Sbragia, Toni Bertorelli, Luca Lionello, Hristo Shopov

9/10 Punkte

Kritik: Hungrig wütete die Kirche Mel Gibsons „Die Passion Christi“ entgegen, stürzte sich in geläuterten Mechanismen auf die biblische Erzählung des australischen Regisseurs. Rätselhaft schien vor allem sein unerschöpfliches Interesse, beteten massenhaft Verleiher doch für einen endgültigen Abzug des Katholiken von dem triefenden Filmprojekt. Gibson ließ sich nicht beirren, steckte Herzblut und sein persönliches Millionenguthaben in die Geschichtsstunde. In der Gunst der Stunde hatte manch einer die Rechnung ohne das Kinopublikum gemacht. Während die „wahren“ Gläubiger der kunstvollen Macht zu strotzen versuchten, rannte der im Vatikan gemahlene „Pöbel“ eifrig in Nachmittags- und Abendvorstellungen, die Glaubenssuche der Unterhaltung unterstellend. Umso mehr der Erfolg Gibsons eklatanten Darstellungen beipflichtete, wendeten sich Schichten von Gelehrten in einen Aufruhr göttlichen Ausmaßes hinein. Antisemitismus hießen die bespuckten Beschimpfungen, Gotteslästerung sprühte aus ihren Mündern. Verkrampft versuchten sie jedwede Zuneigung zu unterbuttern, die Angst einer bildgewaltigen Verfilmung ihres Heiligtums konnte schlicht nicht gutgeheißen werden.

Alt und weltbekannt ist das Kulturerbe der „Passion Christi“. Zwölf Stunden sind sogleich die letzten im Leben des Jesus von Nazareth (Jim Caviezel), als auch eine Demütigung seiner selbst im Sog des unbändigen Glaubens. Dem selbsternannten Messias entfloh die Kontrolle über einen seiner Jünger, den Verräter Judas (Lucas Lionello), der so von Schwäche beseelt ist, dass er kompromisslos seinen Herrn an die pharisäischen Hohepriester verrät. Deren Einsatzgebiet spaltete sich im Zuge des neuen Glaubens und löste verständlicherweise eine krude Riege der Missverständnisse und Todeswünsche aus. Jesus soll verschwinden, am Besten langsam und schmerzhaft, damit Jünger und Anhänger lieber der ihnen auferlegten Aufgabe entfliehen. In den Händen der Hohepriester schleifen sie ihren Gefangenen zum römischen Statthalter Pontius Pilatus (Hristo Shopov), nur er ist bemächtigt ein Urteil zu fällen. Die Absichten und Ängste bemerkend weigert er sich den Wünschen beizukommen, schickt die Mannen stattdessen aufgrund Jesus’ galiläischer Abstammung zum hohen König Herodes. Jener lehnt ebenfalls ab, die Jagd führt bereits wiederholt zu Pilatus. Aufruhen im Pöbel lösen seine Bandagen und qualvolle Folterung folgt. Abermals wird er der Unterdrückung nieder gezwängt und löst seine menschlichen Instinkte endgültig, die Kreuzigung im Volksbescheid bestätigend.

Wund geschlagen von grausamsten Foltermethoden schleift sich Jesus mehr schlecht als recht in windigen Sandböen die steilen Hänge zum Berg Golgatha herauf. Fleischlücken klaffen an seinem zerschundenen Körper entlang, kaum fähig einen Schritt vor den anderen zu setzen. Physisch erschlagen quält sich der zerrissene Zuschauer die Minuten zur Hinrichtung auf dem unkenntlichen Weg ebenfalls entlang. Einiges hat Gibson selbst den härtesten Kerlen zugemutet. Eine mit Widerhaken gespickte Peitsche, das beliebte Folterinstrument namens Flagrum, zerschellte das Gerüst des menschlichten Körpers und weidete sich an Schmerzensschreien und blutgebadeten Szenerien. Möchte man der Befehlsgewalt doch entrinnen, schaffen allenfalls erschreckte Blicke dem Gebotenen standzuhalten. Pervers rückt die Kamera Stück für Stück an den Leidtragenden, fast belastet die gefühlte Schuld dem Treiben keinen Einhalt gebieten zu können. Schmerzlich verabscheut man die Unfähigkeit des Pilatus seinem Volk keine Paroli erwiesen zu haben, seine hohe Befehlgewalt einfach im Dienste seines Hauptes wegwerfend.

Rammen sich schlussendlich in Zeitlupe die Nägel in Arm und Bein stellt sich die Frage, womit die Ideologie des Antisemitismus im Film konnte genährt werden. Heilig bricht Jesu das Brot beim letzten Abendmahl, verzagt in schlimmster Stunde nicht dem Hohepriester die Sünden abzunehmen. Blasphemie? Mel Gibson präsentiert standhaft seinen Glauben, wie „Die Passion Christi“ das fließende Bildnis seiner Vorstellungen entnimmt. Manch einem religiösen Fanatiker schienen die Szenen einer Kreuzigung abhanden gekommen zu sein, ist der grausame Leidensweg doch realistisch und bewegend zu Form übergegangen. An vorderster Front stellt Jim Caviezel als Jesus Welten zwischen unantastbarer Bibel und Kunst her, versorgt ein altbackenes Buch sogar mit neuer Lebenskraft. Abgesprochen werden hätte Gibson einzig der dämonische Gehalt mittels Silas ähnlichen Gestalten, die in schrägen Fratzen umherwetzen. Nehmen diese wenig Handlungsspielraum ein, schaufeln sie dennoch trashgehaltige Szenerien, die im bloßen Gegensatz zur drängenden Perfektion stehen.

Fazit: Bibelfaschismus entsprüht der „Passion Christi“ lediglich im pöbelndem Volksmund, wartet das Meisterwerk mit bannenden, vor Hochachtung sprießenden, Bildern auf.

Autorin

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