Kritik: Sunshine

UK 2007
Start: 19.04.07

Sunshine

Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Alex Garland
Darsteller: Rose Byrne, Cliff Curtis, Chris Evans, Troy Garity, Cillian Murphy, Hiroyuki Sanada, Mark Strong, Benedict Wong, Michelle Yeoh

7/10 Punkte

Kritik: Von Mensch und Erde unbegreifbar weit entfernt treibt die Sonne, ein gigantisches Wärmereservat, eine Lichtstädte, im Universum fest verankert. Pol und Sinnbild des Lebens erscheint sie anbetungswürdig als ein Quell ewiger Stärke und Macht, der wild um sich pocht, in jeder Sekunde seine Autorität freigibt, Lebensformen, die an ihn gebunden sind von sich speisen lässt, doch Beherrschung erzwingt, eine Zukunft ohne ihn verhindert. Belanglos fügt sich der restliche Kosmos dem Schema der mächtigen Energiemaschine unter, ist in solch einer Heftigkeit an dieses Kraftwerk gebunden, das komplette System würde bei Störungsfällen ausfallen. Besonders ein bekannter blau-grüner Planet muss sich dem bereits süchtig gemachten Stoff, rechnet man nach Erdenzeit, tagtäglich aussetzen, ertrinkt in der Fülle von angenehmer Zugluft, rechnet in komplizierten Formeln neuste technische Entwicklungen nieder, und kann doch nicht die Kontrolle über seinen Lieferanten erwirken. Die Sonne scheint, ein normaler Zustand, aber wenn nicht, wie kann es dann weitergehen? Erst eine schockierende Erkenntnis leitet in Danny Boyles „Sunshine“ eine Gegenoffensive ein, um ein akkurates, menschenmögliches Leben auf der Erde auch weiterhin zu ermöglichen.

Ein einziges Raumschiff bildet die letzte Hoffnung. Die Icarus II startete ihre Reise, und doch setzt sie mit ihrer angeklebten zwei ein Spiel ohne Heimkehr fort, einen Aufruf den sieben Jahre zuvor durch das erste bemannte Schiff begann, noch die Icarus I. Acht junge Männer und Frauen geben Vergangenheit und Zukunft auf, einzig für das lächerlich wirkende Ziel, die Erde und deren Bewohner vor dem Kältetod zu bewahren. Eine riesige Eisbarriere bildete sich im Erlöschen der Sonne auf unserem Heimatplaneten, ein Grund Intelligenz und Aufopferungsbereitschaft der menschlichen Spezies zu schüren. Den Physiker Capa (Cillian Murphy) einspannend, soll eine Bombe ins Innere des Sterns gesandt werden, den Tod durch eine Art Wiedergeburt ausgleichend. Routiniert befindet sich die Icarus II auf exakter Flugbahn, ohne jegliche Anzeichen von Problemen, genügend Sauerstoffvorräten für die Hinreise, aufsteigenden für den vermutlichen Rückflug. Bis ein rundes Blinken des Radars dem Team einen Strich durch die Rechnung macht. Gedeutet wird das Überbleibsel der ersten Mission, die Icarus I, die scheinbar grundlos ihren Plan abbrach. Eine Entscheidung muss gefällt werden: Nimmt die Icarus II den Umweg für eine Spurensuche in Kauf oder rettet sie ohne Abweichungen die Welt?

Beschimmernd leuchtet die Sonne, erscheinend lebendig wie eh und je, der Strahlemann der Sterne, ein mächtiges Fuhrwerk höchster Energieleistungen. Sie brennt sich als gewaltiger Koloss wirkend auf die Leinwand, bringt in der ihr gegebenen Zeit jeden Quadratmeter zum Leuchten. Selten kam in einem Film der Sonne eine höhere Bedeutung und Stellung zu, selten wurde auch mit grenzwertig wenig Budget ein solch hoher Grad an unvorstellbarer klaustrophobischer Stimmung erzeugt. Die Ausgabe des Weltraum-Thrillers erschien in der Vergangenheit von Spezialeffekten verbarrikadiert und im erschütterlichen Kontext von inhaltslosen Schwüren erstickt. „Sunshine“ taucht in der Faszination „Sonne“ unter, lässt in seiner kompletten Laufzeit keinen Zweifel an der Wichtigkeit der rettenden Mission läuten, und fordert dem Publikum zwar wenig Hirnschmalz, aber einen Knebelgriff in den währenden Fängen der Anspannung ab. Schlicht atemberaubend erschafft das Wunderduo Boyle/Garland Bildcollagen, die sich weder vor Wissenschaftlichkeit noch Kunst verstecken müssen, sondern in ihrer gewaltigen Flut die Schwere der eigenen Gehirnzellen taumeln lassen, sie fast um den Verstand bringen. Relativ klein ist der Spielraum der Mannschaft auf dem schwankenden Raumschiff, jedoch ist das „Draußen“, die unendlichen Weiten, der Inbegriff des garnierten Verücktseins. Gestreckt fordern Außenansichten eine prickelnde Erscheinung zutage, eine winzige Ausgeburt der Erde, zig Millionen Kilometer entfernt.

Entfernungen, die irreal erscheinen und nie verständlich greifbar aufbegehren. In solchen Momenten blühen Fragen über dieses irre Team auf, welches sich scheinbar ohne Hinterfragungen dem Projekt stellt. Die kleine Erde als Mattscheibe vieler Generationen, die im Inbegriff leben, bald zu sterben, sofern auch das Projekt „Icarus II“ scheitert. Untergetaucht in einer Sintflut von Entscheidungen, falschen Maßnahmen, inkorrekten Berechnungen erkennt der Mensch seiner selbst allerdings bald die größte Bedrohung zu. Die Breite der Erdenbevölkerung liegt in den Händen einer achtköpfigen Crew, einer zerschlissenen und grundverschiedenen noch dazu, die versucht Emotionen bewusst zu unterdrücken und immerzu dem Ziel gegenüber treu und aufrecht zu bleiben. Neu erfunden wird die Maßlosigkeit im Alltag der Crew nicht, die Grundverschiedenheiten in einer breit gefächerten Palette an Charakteren unterschiedlicher Herkunft gehören seit dem damaligen „Alien“ zum Standardrepertoire eines jeden Sci-Fi-Stückes. Klischeehaft könnte man diesen Tatbestand abzeichnen, man würde „Sunshine“ jedoch gleichzeitig die Gelegenheit zur Absonderung nehmen. Acht Typen, wenige von ihnen gar mit Namen bekannt, keiner von ihnen einen coolen Spruch auf den Lippen und selten zur Kommunikation bereit, stellen sich einer Herausforderung und hadern trotz allem kaum mit sich.

Leichte Funken des vergangenen Stanley Kubrick erhellen manches Mal leicht den Horizont, zierliche Bruchstücke des gigantischen Altmeisters kleben förmlich an den Spuren von Danny Boyles „Sunshine“. Die Kontrolle dem fast menschlich wirkendem Bordcomputer zu überlassen tauchte in dem Bahnbrechendem „2001 – Odyssey im Weltraum“ bereits auf, die erstarkte Sterilisation eines blutigen Kontrastmittels im abgesonderten weißen Wandbereich war ebenfalls ein beliebtes kubrickeskes Mittel. Überall treffen in „Sunshine“ Anleihen zusammen, verschließen dem Film die Eigenständigkeit, die Geburt einer neuen umwerfenden Masse im filmischen Universum. An der charakterlichen Besonderheit und Individualität mangelt es Garlands Drehbuch, es krankt dadurch und versetzt dem Genuss des Bildfangs Risse. Die Einzigartigkeit durch die heraufbeschwörten Bilder verbirgt zwar im ersten Prozess des puren „Sehens“ jene kleinen Aussetzer und treibt sie im fortführenden Verlauf aus dem Blickfeld, verschwinden lässt sie sie dennoch nicht vollkommen. Es ist typisch den kompakten, Besitzergreifenden, ja sogar gewalttätigen Mace (Chris Evans) gen Ende als Rechthaber hinzustellen und den eigenbrötlerischen Capa zum Heldenstatus noch hoch manövrieren zu müssen.

Während im bloßen Sinne der Unterhaltung „Sunshine“ bis zu eben jenem Zeitpunkt bestens funktionierte kehrt Boyle dann abrupt einen herben Umschwung ein. Die Freiheit im Kosmos praktizierte er märchenhaft auf höchstem Niveau, fängt im wichtigsten Moment sich schließlich allerdings doch noch die Cholera ein, einen Giftstoff, der den Film abtreiben lässt und ihn in Bahnen umleitet, die schlicht unbegreiflich erscheinen, Boyles endgültiges Resultat in eine abgekartete Situation abdriften lassen. Knapp zwanzig Minuten vor dem großen Finale, der Zeit also, in dem der Countdown für die Icarus II beginnt, zogen Boyles Venen an, ließen ihn übermütig werden. Fast erscheint dieser grobe Stilbruch, der in deutlichen Bahnen das Trash-Highlight „Event Horizon“ imitiert, einfallslos von beiden Partnern Boyle und Garland gewollt zu sein, die dem Strang einer gewissen mystischen Exkursion verfallen, denen der bisherige Fluss keine andere Lösung hergab. Mager reihen sie verwaschene Bildnisse eines nicht benötigten Bösewichts, zudem einer furchtbar einseitigen Gestalt, aneinander, scheitern an einer gelungenen letzten Partie.

Wäre “Sunshine” ein Schachspiel, der König hätte sich letztendlich dem bloßen Kalkül des Gegners, einer stärkeren Macht geschlagen gegeben. Hochtrabender Sehgenuss platzt aus allen Nähten, spritzige Spannungsmomente schlagen den Zuschauer in die Tiefen des Universums, doch er verbleibt dort, wird nicht gerettet. Die Dunkelheit nahm Boyle und Garland vollends ein, die keinen Ausweg aus der Misere der Icarus fanden. Filmisch gesagt: „Sunshine“ zaudert im Orion, verwürft das Prädikat „Meisterwerk“ für leider schlussendlich unstrukturierte Kost.

Autorin

9 Responses to “Kritik: Sunshine”


  1. 1 bullion April 22, 2007 um 2:41 pm

    Hört sich für mich durchaus sehenswert an. Mal sehen, ob ich dazu komme. Pflicht ist demnächst erst einmal „Spider-Man 3“.

  2. 2 Soraly April 22, 2007 um 2:46 pm

    Sehenswert – defintiv. Aber leider nur 3/4 des Films, was Boyle leider auch schon wieder auszeichnet. Bereits „28 Days Later“ schaffte den Sprung nach dieser Zeitspanne nicht mehr.

  3. 3 bullion April 22, 2007 um 2:50 pm

    Stimmt. „28 Day Later“ hat gegen Ende leider auch ziemlich nachgelassen. Dabei war der Anfang im verlassenen London wirklich erstklassig.

  4. 4 Soraly April 22, 2007 um 2:58 pm

    Für erstklassige Szenerien ist Boyle nach „Sunshine“ dann noch ein Stück mehr bekannt. Der letzte rundum gelungene Film von ihm bleibt bis heute „Trainspotting“, größter Abstiegspunkt „The Beach“.

  5. 5 bullion April 22, 2007 um 3:17 pm

    Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.😉

  6. 6 Soraly April 22, 2007 um 3:44 pm

    Interessant ist ebenfalls, dass Alex Garland seit „The Beach“ mit Boyle zusammenarbeitet. Außer für „Millions“. Und der großartige „Trainspotting“ entstand natürlich auch ohne ihn. Also Danny, wechsele mal schnell den Drehbuchautoren😉 .

  7. 7 Dr. T. Le Vision April 22, 2007 um 7:48 pm

    Ich stimme in fast allem zu, nur dass ich die Wendung ins Mysteriöse als nicht ganz so unverzeihlich empfunden habe. Ich würde sagen, dass die Absurdität, in die die ganze Story geführt wird, dem Regisseur durchaus bewusst war – deshalb hat er das Ende auch optisch noch einmal auf einem anderen Niveau dargestellt. Verzerrungen, Bildausschnitte, man sieht nicht mehr klar. Deshalb ist auch der ganze Bösewicht nichts Klares, nichts Definitives, nichts Wirkliches. Das war zumindest mein Eindruck.

  8. 8 Soraly April 22, 2007 um 8:00 pm

    Die Einführung eines Bösen, gleichzeitig aber ihm kein wirkliches Bildnis aufzudrängen, halte ich für einer der größten Schwächen von „Sunshine“. Wären seine Hintergründe aufgezeigt und seine Psyche genaustens analysiert worden, hätte der Film noch auf einer anderen Stufe punkten können. So zeigte sich mir ein akuter Storymangel gen Ende, der durch vielfältige Variationen, auch mit Bösewicht, wenn man so will, ausgeglichen hätte werden können. Warum nicht die Crewmitglieder in Halluzinationen verstricken, bzw. das Ende dann offen lassen, im Stile von „Pan’s Labyrinth“: „Was ist wahr, was nicht“?


  1. 1 Sunshine « Tonight is gonna be a large one. Trackback zu April 28, 2007 um 12:31 pm

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: