Die amerikanische Fauna

Triebgesteuert vom eigenen Kapital kann es in der unglaublich weitverbreiteten Filmbranche schon zu gewissen terminlichen Verschiebungen kommen. Oder ganz zum Ausradieren. In dem neusten Fall sollte letzteres zu diesem Zeitpunkt an der Grenze zum Unmöglichen stehen, allerdings sei bei der wirklich speziellen und langwierigen Produktionsgeschichte von „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ inzwischen keine Formel zum Verzicht mehr ausgeschlossen. Kernig an Sergio Leone, Clint Eastwoods alte Rackerzeiten erinnernd dreschen Brad Pitt (Jesse James höchstpersönlich) und Casey Affleck aufeinander ein, bis Pitt zuletzt in einer Kiefernbuchse seine elende Ruhe finden darf. Das war vor zwei Jahren augenscheinlich so. Im Heute angekommen, noch immer unter der „künstlerischen“ Leitung von Andrew Dominik und Produzentenmarschierer Ridley Scott watet „Jesse James“ in dunklen, feuchten Tälern umher, streunt sich eher, als real und lebendig das Eisen der Schnittmeister längst verlassen zu haben.

Weder Direct-to-DVD, unter Aufgabe verschwunden befindet sich „Jesse James“ auf dem Vormarsch, besitzt sogar die nahe Güte Amerika im Herbst zu beglücken. Zwei Jahre später als angedacht, huh? Test-Screenings sollen in Zerrissen gemündet haben, unterschiedliche Schnittversionen mal von Dominik, Pitt und Scott das Prädikat erhalten haben, eine Version ganze drei Stunden im Publikum gependelt sein. Zudem soll „Jesse James“ den von „Warner Brothers“ verlangten Clint-Eastwood-Stil in Terrence-Malick-Naturkost verwandelt haben. Das Gefühl einer hochwertigen Hollywoodproduktion trügt ebenfalls. Lediglich 30 Millionen Dollar wurden für den Stoff, adaptiert von Ron Hansens Buch, benötigt, allein die trügliche Gestalt Brad Pitts dürfte ¾ des Budgets ausgenommen haben. Original soll das Material am 21. September in die Kinos schneien, der Vision des Regisseurs laut WB (und den Berichten der „L.A. Times“) treu bleiben:

”It is true to the source material and in keeping with the creative vision of its filmmakers. We do not comment on the internal creative process of bringing a picture to the screen, but the goal of both the studio and the filmmakers is to deliver the best film possible …. We are all very pleased with the picture we are bringing to theaters this fall.”

Lange Wartezeiten, ausufernde Diskussionen der Crew, besitzergreifende Studios, krumme Publikumsbewertungen. Filme gehen aus Uneinigkeiten auseinander, zerstören sich selbst und lassen der angestrebten Kreativität, neuartigen Perspektiven keinen Platz. „Ain’t it cool news“ sah und siegte, erschuf gleichzeitig ein Problem, ein von WB in Jahrzehnten nicht angesprochenes:

”I see one serious problem with this film. A major studio made it. This film isn’t for everyone. This isn’t “Tombstone”, it’s not an action-packed Western.”

Höchst erwartungsvoll ist die Soraly zudem auf den deutschen Unter-Unter-Titel: „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ – „Die Ermordung des Jesse James unter den feigen Pfoten des Robert Ford“ – „In der Prärie stirbt selbst der Mutigste“ oder „Auch Pantoffelhelden können sich die Ehre machen“.

1 Response to “Die amerikanische Fauna”



  1. 1 Titelklaustrophobie « CeReality Trackback zu Juli 9, 2007 um 9:00 pm

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