Kritik: Jesus Camp

USA 2006
Start: 01.11.07

Jesus Camp

Regie: Heidi Ewing, Rachel Grady
Darsteller: Becky Fischer, Ted Haggard, Mike Papantonio

7/10 Punkte

Kritik: Wippend, auf den Knien rutschend brechen Kinder in Tränen aus, predigen zu Gott, lobpreisen den Herrn, schwingen ihre Hände gen Himmel, verfallen immer wieder in einen Singsang aus Danksagungen. Sie gehören der „Armee Gottes“ an, einer von Pastorin Becky Fisher ins Leben gerufenen Fraktion, die ihren Schützlingen im evangelischen Sommercamp „Kids on Fire“ die Liebe zu Gott, seine allmächtige Kraft, mit ungewöhnlichen Methoden nahe bringen möchte. Alles fürs Leben notwendige lernen sie in dieser kurzen Zeit des Zusammenhalts mit Gleichgesinnten und natürlich, wie könnte es anders sein, wird jedwede Minute im buntem Spielealltag vermischt mit der einfachen, aber offensichtlich lautstarken Botschaft: „Ihr seit die ausgewählte Generation. Ihr könnte die Welt verändern.“. Gummi-Gehirne, Powerpoint-Präsentationen, markiert mit roter, blutähnlicher Leuchtschrift, Plastik-Embryonen, über Münder geklebte „Life“-Tapes, überall verbreitet Becky Fisher ihre Botschaft an die hilflosen Grundschüler, die mit Begeisterung und inniger Liebe das in sie gesteckte Vertrauen annehmen.

Was sich wie eine lächerliche Parodie auf das amerikanische, im kollektiven Mediendenken verdummte, Volk anhört ist in „Jesus Camp“, bei den Academy Awards 2007 als „Bester Dokumentarfilm“ nominiert, erschreckende und vor allem bittere Realität. Die „Armee Gottes“ zieht durch die Strassen, wird in Trainingslagern zu Super-Menschen ausgebildet, um letztendlich dem Krieg zu dienen. Parallelen zu den Szenarien in der islamischen Welt blühen auf, ja werden sogar offen von Becky Fisher als Vorbild angesprochen. Noch im Kindesalter sind die Kleinen gefügig, manipulierbar, schließen sich der charmanten Rednerin Fisher an. Witzig ist diese Becky, aber auch ein Stereotyp des Amerikaners, rund, stachelige blonde Haare, die sie vor Vorstellungen ausreichend mit Haarspray füttert, die Beine kurz, ihr Auftreten beschwerlich. Ihre Lieblichkeit wird zur potentiellen, weder von überzeugten Eltern, noch von den Sprösslingen, bemerkten, Bedrohung. An einem Strang zieht sie mit ihren Kunden, umarmt Kinder, stellt eine Art Vorbild dar, eine Frau, die sich Gottes Macht „bedient“, eine gute Meinung vertritt.

Wahnwitzig kristallisiert sich schnell ein Bild eines zerstreuten Amerikas heraus, ein Neues, im Ausland bisher weitgehend unbekanntes. Kinder werden erzogen zu bewussten Gotteskriegern, die mit scheinbarer Einsicht und Verantwortung das Leben, selbst in der ihnen gegebenen bisher kurzen Zeitspanne, verstehen, den Weg, den sie zu gehen haben klar vorhersehen. Sie ziehen mit dem Glauben um die Häuser, verteilen Flyer, kleine Comicbücher an Passanten, ohne den geringsten Deut auf ihre Umwelt zu geben. Ihnen wurde eine Aufgabe anvertraut, diese haben sie zu erfüllen, um Gott einen Teil „zurückzuzahlen“. Verhaltensweisen, deren Aufgang die Eltern jener Kinder geboten. „Home Schooling“ nennt sich der Trend evangelikaler Eltern, bei dem Zuhause, meistens in der Hand ihrer Mütter (nach dem Prinzip: Frau – Haus, Mann – Geld) Söhne und Töchter zum Großteil nach christlichen Standpunkten erzogen werden. Im begrenzten Raum der Familie verschwinden Klimaerwärmung („Wie können wir Menschen dafür verantwortlich sein, schließlich beträgt die globale Erwärmung nur wenige Grad“), Abtreibung aus dem Bewusstsein, räumen das Feld für Christus und seine Jünger.

Keinerlei Partei übernehmen die beiden Regisseure Heidi Ewing und Rachel Grady dabei für ihre kuriose Dokumentation, schieben ihre Kameras nahe an die dargebotene, pardon, Unterhaltungsshow. Alles, der komplette Stil des Sommerferienlagers wirkt verstohlen, linst eine ungeheuerliche Handbreit über den Teller „Europa“ hinweg in die Bush-Regierung hinein. Eine Pappfigur George W. Bushs wird getragen zu den in Trance versetzten Kindern, wird angebetet, deutet sich für Becky Fisher als Unterstützer der christlichen Reformation. Spätestens zu diesem Zeitpunkt geht dem Zuschauer ein Licht auf, erkennt er deutlich die Perversion der damaligen Wahlkampfsschlacht mit Ex-Vize-Präsident Al Gore, der sich nach seiner Niederlage vollends dem Umweltschutz widmete. Pastorin Fisher wählte Bush, die Eltern ihrer Krieger wählten Bush, die gesamte christliche Formation ließ sich in merkwürdigen Glaubensriten von Bush beirren.

Einen Jungen gibt es da noch, den erst 11-Jährigen Levi, der möchte Prediger werden, Menschenmassen belehren. Klein mag er sein, doch den Willen, das Bewusstsein, dass er im direkten Kontakt mit dem Publikum übermittelt, sträubt sich gegen die Definition „Kind“. Wortwahl, Umgang, Hemmschwelle, Präsentation, weis er gekonnt zu übermitteln, spielend sticht er mit seiner perfekten Manipulation sogar die Meisterin Fisher aus. Manch Szenerie vermittelt grobes Unwohlsein, eine perfide Bedrängnis, die nur von den Kindern, den Fast-Erwachsenen, ausgeht, „Jesus Camp“ die kranke Erkenntnis einer anderen Welt überbringt.

Gesehen beim „22. Münchener Dokumentarfilmfestival“, kurz dem „Dok.Fest“, im ausverkauften Saal des „Filmmuseums“.

Autorin

5 Responses to “Kritik: Jesus Camp”


  1. 1 hepe Mai 29, 2007 um 8:15 pm

    Naja, das „zu Gott gepredigt“ und „Bush angebetet“ wird,
    will ich mal mit mangelnder „Szenen“-Kenntnis entschuldigen.

    Ich bin jedenfalls sehr gepannt auf den Film. Mal schauen, ob der auch so hetzt, wie die meisten deutschen reportagen und Dokus.

  2. 2 Ralf Oktober 16, 2007 um 9:59 am

    Ich bin entsetzt und sage Danke für diese Information. Ich sah gerade einen Teil der Doku im WDR. Das hat mit gereicht.
    Keine Religion und Gesellschaft dieser Welt darf so mit ihren Kindern umgehen.

  3. 3 Flüge Februar 5, 2009 um 10:56 am

    Hallo und guten Tag,

    es ist absolut erschütternd gewesen, diesen Artikel zu lesen- vielmehr bin ich auf den dazugehörigen Film gespannt!

    Der „Vorbild-Kontinent“ hat einige immense Macken- Kinder sind unschuldige Wesen und in einer „modernen“ Gesellschaft, darf so etwas in keinem Falle passieren- Kinder als Instrument des „Bösen“ zu benutzen!!!
    Naja, viele Amerikaner( nicht Alle) glauben auch, dass JEDER Deutsche in Lederhosen daherläuft und Würste am laufenden Badn verspeist!

    Der Film könnte wahrscheinlich noch in die „Doku“, „Zeitgeist“, aufgenommen werden!!!

    Ich bin gespannt und warte sehnsüchtig darauf!

    Mit freundlichem Gruß,

    Danke

  4. 4 DokuLiebhaberin Februar 8, 2012 um 3:56 pm

    Der Dokumentarfilm hatte wirklich schreckliche Szenen…
    Der Film selbst ist gut gemacht, es wird keine Meinung vertreten, es wird einfach gezeigt, wie es ist. Und trotzdem merkt man als Zuschauer, wie absurd, bedrückend und unglaublich das ist. Man bildet sich schnell eine Meinung, die da wäre, dass es einfach ungeheuerlich ist, was Menschen mit anderen Menschen machen…


  1. 1 Dokumentarische Strolche « CeReality Trackback zu Mai 8, 2007 um 6:19 pm

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