Dokumentarische Strolche

Helden, deren Leidensgeschichten, Erfolge, faszinierend Porträtiertes, Kämpfe um die Offenlegung versteckter Geheimnisse. International hochkarätige Dokumentationen fingen sich die Verantwortlichen des 22. Münchener Dokumentarfilmfestivals für eine Woche Delikatessen, Dokumentationswut in feierlich gefüllten Sälen, ein. Abkömmlich nur wenige fünf Sensationen lang, vertraute sich die Soraly mit billigen Kaltsteinwänden, wunschlosglücklichen Plüschsesseln, blonder Kopfbeharrung, moderner Kunstausstattung und natürlich vulgär eingerichteten Ausflugsräumen. Abzockende Blockkarte zum Nachschmeißen geschnappt, stellte der erste Punkt der Reise dienstagabendlich, feiertagslaunisch den Gang zur Kartenausschankstelle dar, empfindet die Soraly doch immer leichte Entzugserscheinungen und Kaltkrisezustände bei Vorher-Nicht-Gekauften-Papierblättchen. Die Entscheidung stand: Pünktlich eingekauft, sauber aufbewahrt, sicher verkettet würden fünf Dokumentationssamen friedlich bis zum Einsatz schlummern. Komplikationen im Anflug bereitete eine nicht unerhebliche Wegbeschreibungskarte eines paffenden Vorwerkbetreibers, links, rechts, geradeaus, rein, oben? Filmmuseum nannte sich das Portal zum Aufstieg, eingekarrt im Postsalon.

Flyer Blockkarte Karten

Vergangen, verrannt fand sich die Schleuse. Gebeamt in flotte Flyer, Postkarten zum auf keinen Fall verschicken, gefügige Hefte sammelte das Kostenlos-Herz ein, was ging. Karten nicht zu vergessen. Hopsend verfügbar fand sich jeglicher Schnickschnack, gelbes Blockkärtchen, unausverkaufte Momentanvorstellungen. Soraly im Glück der toten Dichter! Ihr Totemtier beschwor sich herauf und blökte laut freudig in die weite Welt hinaus. Kinotage entbehrten nur dem Donnerstag, doch geflüchtig wie sie war brannten vier Vorstellungen am Wochenende. Im nachfolgendem Besprechungen zu „Jesus Camp“, „Joe Strummer: The Future is Unwritten“, „How to Cook your Life“, „Manufactured Landscapes“ und „A Walk into the Sea: Danny Williams and the Warhol Factory“.

Jesus Camp

Jesus Camp
USA 2006
Start: xx.xx.07

Regie: Heidi Ewing, Rachel Grady
Darsteller: Becky Fischer, Ted Haggard, Mike Papantonio

Wippend, auf den Knien rutschend brechen Kinder in Tränen aus, predigen zu Gott, lobpreisen den Herrn, schwingen ihre Hände gen Himmel, verfallen immer wieder in einen Singsang aus Danksagungen. Sie gehören der „Armee Gottes“ an, einer von Pastorin Becky Fisher ins Leben gerufenen Fraktion, die ihren Schützlingen im evangelischen Sommercamp „Kids on Fire“ die Liebe zu Gott, seine allmächtige Kraft, mit ungewöhnlichen Methoden nahe bringen möchte.

Was sich wie eine lächerliche Parodie auf das amerikanische, im kollektiven Mediendenken verdummte, Volk anhört ist in „Jesus Camp“, bei den Academy Awards 2007 als „Bester Dokumentarfilm“ nominiert, erschreckende und vor allem bittere Realität. Die „Armee Gottes“ zieht durch die Strassen, wird in Trainingslagern zu Super-Menschen ausgebildet, um letztendlich dem Krieg zu dienen. Parallelen zu den Szenarien in der islamischen Welt blühen auf, ja werden sogar offen von Becky Fisher als Vorbild angesprochen. Noch im Kindesalter sind die Kleinen gefügig, manipulierbar, schließen sich der charmanten Rednerin Fisher an. Witzig ist diese Becky, aber auch ein Stereotyp des Amerikaners, rund, stachelige blonde Haare, die sie vor Vorstellungen ausreichend mit Haarspray füttert, die Beine kurz, ihr Auftreten beschwerlich. Ihre Lieblichkeit wird zur potentiellen, weder von überzeugten Eltern, noch von den Sprösslingen, bemerkten, Bedrohung. An einem Strang zieht sie mit ihren Kunden, umarmt Kinder, stellt eine Art Vorbild dar, eine Frau, die sich Gottes Macht „bedient“, eine gute Meinung vertritt. [Ausführliche Kritik]

The Future is Unwritten

Joe Strummer: The Future is Unwritten
Irland, Großbritannien 2007
Start: 24.05.07

Regie: Julien Temple
Darsteller: Bono, Steve Buscemi, John Cusack, Johnny Depp, Matt Dillon, Jim Jarmusch, Dick Evans

Lebensgeschichten voller Eskapaden berauschten Herzen in Jahrzehnten des Hollywoodkinos, einer grünen Zeit, eine Bescheinigung des Nicht-Vergessens, der Erinnerung. Verlebt und vergessen war er ganz sicher nie, in vermehrter Population der Chart-Errungenschaften heutiger Tage, ein Zustand, der hoffentlich nie eintreffen sollte. „London Calling“, „Rock the Casbah“, „Should I stay or should I go“, platzierten mehr als nur den Punk, standen für einen kulturellen Glauben, ein Vermächtnis, getragen von „The Clash“.

Ein Feuerwerk, ein Lagern an angetrauten Flächen umfängt Julien Temple flugs schnell geschnitten, ohne Mühe 126 Minuten lang, in experimentellen, chronologischen Gefilden um die „Clash“-Legende und Sängeridol Joe Strummer. Rockende Einlagen umgarnt er dabei erstaunlich selten, bildet vertraute Freunde des Titanen zu sympathisch melancholischen Sprechstunden aus. Prall gefüllt ist dieses Bildnis, überliefert fünfzig außergewöhnliche Jahre, lässt fahrig Kuriositäten in den Lebenslauf einstreuen, kleine Comicreliefe, eigene Zeichnungen Strummers auferstehen, lebendig mit dem Film verschwimmen. Vom Witz beseelt fährt Temple den schweren Weg des Alles-Erfassen-Wollens, jedes Gefüge einer ununterbrochen spannenden Geschichte Wiedergebens. Gelungen, in seiner Würde so offen erzählt redet „The Future is Unwritten“ auf Fans, auch auf kommende ein.

How to Cook your Life

How to Cook your Life – Wie man sein Leben kocht

Deutschland 2007
Start: 10.05.07

Regie: Doris Dörrie
Drehbuch: Doris Dörrie
Darsteller: Edward Espe Brown

Seltsam reserviert, mitunter über seine eigene Persönlichkeit, seine menschlichen Flure amüsiert gibt sich Edward Brown, dem Mann dem manches Mal der Kragen platzt bei widerwilligen Hartkäseverpackungen, unruhigen Zuschauerreihen, falsch aufgenommenen Anweisungen. Zen-Priester Brown nudelt die breiten Ernährungsgewohnheiten der Masse um, ausgefallen angestammt im österreichischen Kleindorf, kalifornischem Tassajara-Zen-Mountain-Center und heimatlichen San Francisco.

Im Strom der Besser-Leben-Maschinerien springt Doris Dörrie von der übersinnlichen Hamburger-Mentalität eines „Super Size Me“, Linklaters „Fast Food Nation“ um auf schönere Ebenen der Kochkunst. Allein die angeführte Stilikone des Fastfoods entspringt lediglich ein einziges Mal Dörris empfindsamen Händen, unterlegt von der eigensinnigsten Stelle im kompletten philosophischen Rückrad des kochenden Lebens. „Du bist, was du isst. Und wenn du zu viele Hamburger isst, wirst du irgendwann selbst zu einem.“ Ihre Innovation die erkalteten Essensgewohnheiten handzahm umzulenken mündet im wunderbaren Sumpf der Schönheit, der ursprünglichen Brotbackmethoden, Karottenschneidewege, dem ruhigen Eins-zu-eins-Werden mit den Zutaten selbst. Ein kleines Stück zum gesünderen Leben verpackt Dörrie geschickt zu kleinen portionierten Stücken zusammen, leitet leicht in dimensioniertere Bahnen ohne den großen Umschwung zu erwarten.

Direkt im Anschluss Plausch mit der sympathisch witzigen und furchtbar spontan begeisterungsfähigen Doris Dörrie.

Manufactured Landscapes

Manufactured Landscapes

Kanada 2006
Start: xx.xx.07

Regie: Jennifer Baichwal
Darsteller: Edward Burtynsky

Umbruchsland China in Zeiten riesigen Produktionswahns, einer Massenproduktion und Verschwendung von Gütern. Fotograf Edward Burtynsky machte sich die kulturelle Hintergrundmalerei des Landes zu Eigen, setzt Müllhalden, Staudämme in künstlerische Welten, maßregelt Konsequenzen von Wahnsinnsprojekten in ökologischen und menschlichen Statuten. Verfolgt von Regisseurin Jennifer Baichwal begegnet er Industrieanlagen, tausenden Arbeitern und der Qual eines Dokumentarfilms.

Gesetzt den Bedingungen der formalen Dokumentation, einer gesehenen informativen Berichterstattung, fließen Komponenten der Spannung, packende Elemente, gefügige Kamerafahrten ineinander über, fügen dem Publikum Hintergrundwissen zu einer bestimmten Thematik hinzu. Baichwal geht die vollkommen andere, schlussendlich erschütternde Richtung des „Aufzeigens“, des zu lange Überfliegens, ohne Hintergründe zu beleuchten, ohne Mitgabe an das Publikum. Burtynskys Werke entstehen im Kontext von Galerien, gewaltigen leer gefegten Hallen, stellen zeitlos Auswirkungen der Industrialisierung dar, dämmern auf einer Stufe mit der absoluten Schönheit von realer Ästhetik. Die Filmleinwand erpicht sich nicht als Medium der sturen Bildnacherzählung, bleibt Baichwal streckenweise auf elendlangen Szenerien hocken, anfangs schlicht faszinierend, auf Dauer einfach ermüdend. Im Ergebnis befindet sich die Legende von Burtynskys Faszination, einer, die vom Publikum nicht geteilt werden kann.

A Walk into the Sea

A Walk into the Sea: Danny Williams and the Warhol Factory
USA 2007
Start: xx.xx.07

Regie: Ester B. Robinson
Drehbuch: Shannon Kennedy
Darsteller: Callie, Angell, Brigid Berlin, John Cale, Nat Finkelstein, Gerard Malanga, Paul Morrissey

Plötzlich verschwunden, im Meer versunken, ermordet, ausgewandert, den Umbruch gewagt hatte Danny Williams, ein unauffälliger junger Kerl, ambitioniert und künstlerisch wertvoll. Keine Leiche, keine Ahnung fanden Familie und Freunde, einzig die merkwürdige Zusammenarbeit mit Popkulturphilosoph Andy Warhol schien einen Deut auf Geschehenes zu geben. Gruppiert in Warhols Factory arbeitete Williams sich hinauf, schaffte sensationelle Einlagen mit Stroboskoplicht. Der Ruhm knarrte, Neid entstand, Drogen begannen aufs Podest zu wanken.

Billig im besten Sinne erscheint als dicker Stempel auf Ester Robinsons „A Walk into the Sea“, den Einblick in die mysteriösen Schaffenswelten ihres Onkels Danny Williams. Zierlich hängt ihr Blick an Zeitzeugen, alten Fotografien, die eine ungewohnt starke Unterdrückung Williams’ in den Händen Warhols vermuten lassen, verwackelten Kameraaufnahmen durchs Dickicht. Schwarz/Weiß kriselnd findet Robinson den Höhepunkt jenseits ihrer eigenen Führung im rauschenden Kurzfilm aus Williams-Sammelsurium, einer grobstichig ausgearbeiteten, überbelichteten, stark mit Kontrasten versehenem Formation eines mutigen, aber geknebelten Genies. Im Faktor Erzählung lässt sie gen Ende von dem stringenten Bisherigen absehen, rutscht ein Stück weit selbst in den weiten Ozean, den Williams sein Domizil nannte.

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