Kritik: Das Mädchen, das die Seiten umblättert

La tourneuse de pages
Frankreich 2006
Start: 03.05.07

Das Mädchen, das die Seiten umblättert

Regie: Denis Dercourt
Drehbuch: Denis Dercourt, Jacques Sottx
Darsteller: Catherine Frot, Déborah François, Pascal Greggory, Xavier De Guillebon, Christine Citti, Clotilde Mollet, Jacques Bonnaffé, Antoine Martynciow, Julie Richalet

8/10 Punkte

Kritik: Rache ist zuckersüß, streut gern ihr Pulver im Märchengewand, verquasstet und verhext, dreht die Geister aller Gutmündigen im Halse um. Ebenfalls wunderschön ist sie, ein makelloses Geschöpf, einnehmend, gar bezaubernd gefährlich. Rache ist eine leise Göttin, wer im rechten Moment verzagt sie zu erkennen kann gar viel Pech empfinden. Ähnlich perfide spielt die blutjunge Mélanie Prouvost (Déborah François) mittig im psychedelischen Drama „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ mit dem hungrigen Cellisten (Xavier De Guillebon), der leider so gar keine Ahnung von nichts hat. Aus kühlen, unterdrückten Augen blättert die angestellte Dienern der bekannten Konzertpianistin Ariane Fouchécourt (Catherine Frot) die Seiten, sticht aber auch gerne fröhlich ein Cello in des Mannes Fuß. Eines bleibt der Hausherrin verborgen: ein heimtückisches Geheimnis, das schlussendlich unscheinbar wenig Belangen in die Beziehung zwischen Ariane und ihrem Mann mischt.

Eines der grundlegenden Prinzipien des hollywoodesken Psychothrillers ist der unnötige Durchzug, die Übertreibung, das Abklimpern von Altbekannten. Die drüben angelegten Schmieden verhindern jedwede Einfachheit, einfach just grobe Erzählung und langsame Schnitte, Wege, die zuvor abgegrast wurden. Der Weg unkomplizierte Gefüge zum nahe liegenden Grundsatz auszuküren, ruhige Geschichten, die auf leisen Sohlen dahin ziehen, inszenatorisch dicht angelegt sind, in wandelbare filmische Produkte umzusetzen scheitert bereits in den Kinderschuhen. Amerikanisch wäre „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ aus den Plänen eines jeden Regisseurs mit fettem Rotstrich verdrängt, Agenten gefeuert und Schauspieler für falsches Interesse demontiert worden. Im emotional geforderten Strich Frankreichs stehen Männer und Frauen jenen Stoffen noch entgegen, veröffentlichen die Ware, weil sie in ihrer Subtilität begeistert, nicht dem bloßem kommerziellen Willen wegen.

Herzlich selten schert sich Denis Dercourts „Mädchen, das die Seiten umblättert“ somit um laute Töne, triefende Mitleidsbekundungen, verwandelt die blassblonde Mélanie aber gerne in ein (sowohl dem amerikanischen, als auch asiatischen – beachtenswert nah an „Lady Vengeance“ – nicht fern) strenges Biest. Augenblicklich schon im kleinen Kindesalter ersichtlich, foltert die Schönheit unbemerkt die, nach einem Unfall, zermürbte Ariane, ihre ehemalige Degradierung gegen das Piano. Im zarten Alter von zehn Jahren hatte ein Autogrammwunsch mitten in der Vorspielstunde die Träume des aufstrebenden Talents verflüchtigt, hatte die Fährten für ein Praktikum im Anwaltswesen gelegt. Dort erscheint ihr das wohl größte Wunder, Arianes Mann, der vermögende Chef. Die Gelegenheit packt sie flugs am Schopfe, als ihr die Stelle als Kindermädchen für kurze Wochen angeboten wird, eine Hütung des Sohns, größtenteils der leidigen Mutter folgend.

Rein thematisch bietet „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ alltägliche Grütze, ein passierendes Etwas, dass in seiner blutleeren Manege springt und nichts zu bieten hat. Die Traglast würde Dercourt vermutlich einhalten, wäre seine Nationalität weniger französisch, das Märchen vom amerikanischen Traum demonstrativ weiter ausgebaut. Das Drehbuch, die folgenreichen empfindsamen Darsteller, die pure Banalität aller Szenen spielt sich auf in gelassene filmische Welten, im Tropfbett anbetungswürdiger Klaviermusik, erscheint in der Nähe eines staubigen Horrorfilms, einem ohne direkten Gegenspieler, einer Zombie und Außerirdischen freien Zeit. Ein Ton, der verzückt, in ungeahnte Spannungsfelder treibt. Sticht das Cello bei einem Konzert, einer letzten Chance für das goldene Trio um Ariane, auf, wird unruhig angezupft, dabei untermalt vom ruhigen Singsang des Pianos bebt ein Gefühlchaos im Zuschauer, ein sichtbar fiebriges Erwarten auf die Katastrophe.

Eindringlich blättert Déborah François eine weitere Seite, lässt Catherine Frot ein weiteres Loblied der eigenen Noten formen. Immer weiter schlagen sie beide sich, fast zur Liebesbeziehung neigend. Doch Ariane tappt im Dunklen, erkennt das hübsche blonde Mädchen von damals in ihrer Verzweifelung, in dem rührseligen Teppich aus selbst verschuldetem Mitleid, nicht. Ihr bleibt der Hintergrund verborgen, den die Blonde Jahre lang mit sich herumgeschleppt hatte. Gestellte Fallen verschwinden aus dem nahe liegenden Bewusstsein, der Platz der vollkommenen Familie wird zur Illusion. Das Wunschbild der Kariere bläht sich vor Arianes Augen ein letztes Mal auf, den Hoffnungsschimmer imitierend aus den Geldfugen des Mannes doch noch zu entkommen. Mélanie, deren Traum in die Brüche ging, penetriert den Schuldigen, den zuvor bereits kaputten Gegner, zerstückelt seine Hoffnungen. Sie bestellt Gleichberechtigung für die gescheiterte Pianistin, manövriert den Deckel über die im Sarg Gefangene.

Tanzt Chan-Wook Park in Blutbädern seiner Racheepen, betrinkt „Das Mädchen, das die Seiten umblättert” allein von seinen Hauptdarstellerinnen, den Damen Catherine Frot und Déborah François. Das Duell, das gar keines ist, spielen beide rein charakterklassenmäßig wenig ebenbürtig, schauspielerisch jedoch auf einer Wellenlänge. Eine Strecke übrigens, die wieder den Unterschied zwischen Frankreich und Amerika maßregelt, die Distanz zwischen Altertum, geübter Schauspielkunst und neuem Reich, der freien Jugend, schwinden lässt. Unverbraucht hell schneidet François den sauren Apfel an, die teuflische Frucht, die sie von Geburt an bei sich trägt. Makellos fechtet sie aus den kühlen Wimpernaufschlägen eine neuartige Inkarnation des Bösen im schönen Gewand, wagt die Vergleichswerte mit der berühmt berüchtigten Catherine Frot. Der Gewinner bleibt beileibe im Film nicht aus, wenigstens diese Deutlichkeit gewährt er dem Zuschauer, das weiße Geflecht um Neuentdeckung Déborah François bauscht er aber bis zum finalen Feldgang hoch.

Winzig klein stülpt Dercourt in seiner Begnügsamen ruhigen Fahrt ein einziges unwiderlegbar amerikanisches Element ein, ein überflüssiges Staubkorn, das den Sinn der Reise trübt. Schlussendlich bekanntlich, nach 80 minütigem spannendem Sog zieht er die Banalität für einen Moment an. Schicksalhaft badet Frot die Szenerie nicht komplett aus, lässt zumindest François heil davon kommen. Diese darf wandern, 85 Karriereweisende Schritte, in dem Ritus von Verführung, grober Rache und feinfühligem Gestrüpp.

Autorin

3 Responses to “Kritik: Das Mädchen, das die Seiten umblättert”


  1. 1 j.burkart Mai 29, 2007 um 10:24 pm

    Was für ein albernes Filmchen, in dem eine durchaus massive Enttäuschung zum lebenslangen Trauma hochgepuscht wird. Alles ist unglaubwürdig – und die Akteure schweigen wohl deshalb auch so viel, weil durch Fragen sich alles so gut hätte anders arrangieren lassen? Wie kann man ein Nichts so hochjubeln..
    J. Burkart

  2. 2 Soraly Mai 30, 2007 um 6:44 am

    Ich mochte es, dass „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ nicht die typische Hollywood-Stilrichtung fährt, sich die Freiheit einer Erklärung herausnimmt. Bei einer gewissen Unglaubwürdigkeit stimme ich dir zu, doch es ist immer die Frage, inwiefern man die Surrealität des Ganzen für sich bewertet.

  3. 3 Martin Z. Mai 20, 2009 um 9:33 am

    Ein leiser Film, bei dem es um Musik geht. Doch die ist nur das Medium, das die eigentliche Geschichte transportiert. Der Regisseur Denis Dercourt ist ein Kenner und Könner klassischer Musik, die er eindrucksvoll einsetzt. Ein für Außenstehende fast unbedeutender Vorfall, der zu Beginn die Karriere des kleinen klavierspielenden Mädchens zerstört und am Ende in einem subtilen Racheplan endet, bildet den ganzen Spannungsbogen des Films. Und nach so viel Bach und Mozart ist es nur zeitgemäß passend, dass die eine Partnerin (Cathérine Frot) der unerfüllbaren Liebe in Ohnmacht fällt.
    Nicht nur für Freunde klassischer Musik ist der Film sehenswert, sondern wegen der über weite Strecken hinweg stummen Passagen, in denen nur vielsagende Blicke gewechselt werden(beeindruckend Neuentdeckung Déborah Francois) bis hin zur wortlos angebotenen Lösung, die dann doch manchem etwas zu konstruiert und seicht vorkommen mag.


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