Kolumne: Versaute Materialstelzen

Festessen in Kellergebäuden und akribische Zahlenkalkulationen. Das rentable Geschäft mit absurden Film-Fortsetzungen.

Zahlenbrei

Bild „Lucky Numbers“ von deviantART-Abkömmling „Moviefreak„.

Dunkel muss die Nacht gewesen sein, die die hollywoodeske Fortsetzung erschuf, dumpf die Wege der Möchtegern-Gurus, schusselig und vergesslich die einsamen Schreibmaschinen der Massenautoren. In dem Laden damals, den schnöden, noch winzigen, Produktionsstudios muss die Hölle losgetreten worden, eine Inspiration zum plötzlichen Leben erwacht sein. Plötzlich schrieben sie die Drehbücher wieder schneller, fast wie im Fluge konnten altbekannte Figuren, schließlich benötigten sie dringend keine neuen, in noch älteren Geschichten verflickt werden. Ihnen ging endlich ein Licht zur eigenen Promovierung auf, ein Trick, der Regisseure an sie band und Gelder sprießen ließ. Autoren waren bislang keinen kolossalen Leutchen, keine die sonderlich in den Himmel gehoben wurde, nur standesamtliche Trauzeugen, die eben einen nervigen Beischmuck im Film darboten. Sie nestelten meist in den wichtigsten Phasen mit, Vorproduktion, Produktion, Nachproduktion, Casting, verstopften die Poren von Fantanisten. Ihr Kampf, stur die reine Fassung an den Kopf zu nageln wurde empört aufgenommen oder gleich gar nicht.

Ungewohnt in heutigen Tagen badeten zunächst nur wenige in den groben Vorteilen der Nachahmerei. Das Geschäft verschlang sich eigens selbst, brachte unerheblichen Nutzen aus der Weiterverfolgung von Kinogrimassen. Zuschauer verstanden nicht, warum so unbedingt einige Jahre nach dem einen, ein anderer mit ähnlich gleicher Handlung folgen sollte. Was sollten sie denn da auch noch mal? Gut, James Bond gab den Damen und Herren einen Grund, der Mann im Smoking bestand seit Menschengedenken und gehörte den Gründervätern des Kinos an. Er schoss, ballerte, rannte um die Wette mit gutmütig, vor allem leichtsinnigen, Frauen, entledigte sich und bums, schoss er weiter. In seinem Prädikat verschlissen funktionierte Bond, kaum einer dachte nicht sofort an Sean Connery, der den Agenten zum Leben erweckte. Ein Roger Moore schlug noch auf, ein Lazenby, Dalton, Brosnan, sie alle versuchten sich im Glück, sackten Millionen ein und verschwanden plötzlich wieder. Neuling Daniel Craig wird es trotz des berechtigten Lobes irgendwann genauso ergehen. Bond ist Connery. Connery im Ruhestand.

Umdenken steht im gegensätzlichem Kontext zum permanenten Erfolg. Einzig zu verändern wagten neue Generationen die Leinwandgrößen, ältere Leinwandkadaver, denen eher die Beurteilung folgte, in Kinofilmen Nickerchen als erholsam abzukanzeln, verschlossen sich mit zusätzlichen Lebensjahren und verfielen dem ehrgeizigem Trog der Videokassette, in unwiderruflichen VHS-Gebrauch seit 1980. Eine Generation kommt, die andere siecht dahin. Natürlich pokern heutzutage alle führenden Produktionsgesellschaften um die Gunst aller Altersstufen mit dem unbekannten Erfolg der Jünglinge, die in Blockbuster schießen, alte Gulaschen da noch eher die weite Ferne in Programmkinos suchen. Natürlich bewegte damals Harrison Ford („Indiana Jones“) Fronten, stürzte schnell Grundprinzipien und neumodischen Schnickschnack um. Natürlich, neumodisch sind die Stoffe von „Star Wars“ im Jahr 2007, keine 3000 Tage nach Millennium, wenig, in Verschlissenheit räkeln die bekannten Gräle sich aber in dem unaufschiebbaren Kultstatus. Sie begeistern noch heute Filmherzen, obwohl die Begeisterung von keinem Zustand erhoben wird, George Lucas jeweilige Schnipsel neuer Trilogien strikt ablehnt.

Fraglich sorgte Lucus von Anbeginn säuerlich in der Rechteschublade vor, unterließ den Supernovas a la „Warner Bros.“, „20th Century Fox“, „Columbia Pictures“ die Vermarktung. Und verdiente sich dumm und dämlich. Sein Projekt gewann, weil kein Interesse an der albernen Weltraumsaga bestand. Fortsetzungen, Sequels (danach), Prequels (davor), Midquels (mittendrin), stürmten die Bude und brachten die längst erhoffte Kohle, die viel zu gerne in vorherigen Jahrzehnten für „unnütze“, demnach nicht gewinnträchtige Stoffe, eingesetzt wurde. Es stieg die Zeitrechnung für Blockbuster tatenträchtig an, jene die früher Besucher um Häuserblöcke führten. Funktionsträchtig ging das System auf, zerpflückte sich im Laufe des Wegs an Special-Effects, längeren Produktionswegen, höheren Gagen. Die Zahl der kalkulierbaren Verpflichtungen stieg ins Maßlose, das Ziel, billige Unterhaltung zum astronomischen Gewinn zu führen, verschwand. Blockbuster-Bastelkasten lieferten geilen Studios einen Antriebsweg, der in die gut gemeinte Moderne führte. Gewinn wurde überstrahlt von Rekorden, nochmaligen Rekorden, Auszeichnungen, unschlagbaren Startwochenenden. Systematisch entstanden Kreationen, Blockbuster, die Unterhaltung bezwecken wollten und dieses Ziel erreichen konnten.

„Spider-Man“, „Matrix“, „Herr der Ringe“, „Shrek“, „Fluch der Karibik“. Vertreter einer publikumswirksamen Klasse, die nur abgearbeitet werden mussten auf kleinen Spickblöcken. Bilde etwas Kindliches für alle Zielgruppen. Verschlinge Comics, Cartoons, verscherbele todgeglaubte Charaktere. Vor allem bekannte Charaktere. Nehme dir ein Baby, einen jungen Fratz, einen Potter, einen elfjährigen als Hauptprotagonisten. Fördere den Helden, gib ihm ungeahnte Kräfte. Am besten Zauberkräfte. Freunde sind das A und O. Steuere mit dem Kind und seinen Freunden also in Abenteuer. Aber nicht vergessen: Alles rein platonisch und ja keine sexuellen Ergüsse, schließlich sollte der Standart maximal „ab 12 Jahren“ lauten. Spielfiguren, Schachbretter, Karten, Tauschgegenstände! Lasse sie kämpfen gegen böse, deutlich verlautbare, Buben. Aber unrealistisch, blutlos, kein Gemetzel. Happy-End. Bitte ein gutes Ende ohne gute Tote. Böse ja, Freunde nein. Die Gegner kommen wie im Fluge, aus dem All, treiben in verzauberte Kessel, werden verhext, nur um eine Fortsetzung zu rechtfertigen. Sparsam sollt ihr noch hinzu sein. Schnappt euch Unbekannte und rügt sie für zu hohe Wünsche. Euer Film muss nur bedingt ein Erfolg werden. Kann doch keiner voraussehen, oder?

Nadeln im Heuhaufen brauchte niemand nach den populären Massenergüssen suchen. „Spider-Man“, ein Erfolg. „Shrek“, ein Erfolg. „Fluch der Karibik“, ein Erfolg. Es jagten Maschinerien die Ideenfänger und drückten ihnen etwas aufs Auge, das so ungeplant geschah. „Spider-Man 2“, ein Erfolg. Warum nicht so weitermachen wie bisher? „Spider-Man 3“, ein Erfolg. Ach, noch einer vielleicht? „Spider-Man 4“, ein Erfolg? Es ist nur einer von vielen in der Reihe, der weder tanzt, noch lacht, noch Unterhaltung zauberte. Die verfluchten zweiten oder dritten Teile sprießen im Sommer aus dem Boden, verschaffen millionenhafte Erlöse, die eingesetzt werden für, na? Weitere Fortsetzungen. Reihum beschafften Produzenten nochmalige Rechte. George Lucas mag sie verwehrt haben, der Einzigste im Bunde. Das Geschäft mit dem Geld hat Tradition in der hollywoodschen Fortsetzungskasse. Krankensystem ade, aber trickreiche Bruchbuden mit den verwöhnten Anhängern der Familien. Eltern und Kinder, Großeltern. Manches Mal mag der Gruppenzwang bestehen, der flehentliche Blick von Oben oder Unten. Menschlich steht der Moralapostel hinter dem Tresen, der zehrend am Hungertuch nagt. Allen sinkt das Augenlid hinfort, der Mund zieht nach unten, das Nörgeln beginnt.

Publikum, Kritiker flüchten in die trockene Manege der Kinosäle. Die Welt fragt sich: Warum? Fingerzeige gehen Richtung Ticketpreis, die Wucher der Freizeitunterhaltung. Schnippische 10,00 € werden großzügig berappt, ohne die ehrfurchigste Verneigung einer Brieftasche. Schneien Herzen vor Geld? Hartz 4? Multiplexe bescheren in solch trockenen, launischen Kadavern Anstiege, erschießen Popcornhügel im groben Unwohlsein strapaziöser Einnahmen. Verströmte Säle ziehen den Ländern frei wetzende Menschenmassen aus den Biergärten. Klimakatastrophe hin oder her, der Sommer verbringt eingekesselt seine Tage das Jahr über. Umso wärmer, umso schöner, umso wettbewerbsfreundlicher werden die schnöden Mauern der Kinos. Die Kälte umfängt gut gelaunte Männchen und Weibchen, Kinder, Enkel, alle Klassen, die verwöhnt werden können mit banalen Stoffen und gesehenen Stoffen. Alt eingesessenes werkelt solange, wie der einfältige Bestandteil des Menschen sich eigens befreit. Hollywood ermöglicht eine freie Abnablung ungern. Steckt der Geldbecher fest unter den roten Bezügen von Stoffsesseln, fließt alles, alle jenes Ungeliebte mittendrin.

Ein Wunder, schneebedeckte Überflutungen verschwinden im Ogerwald, verschaufeln sich zunehmend. Wünschenswert ja, Realität nein. Pünktlich im goldenen Startwochenende evakuiert „Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt“ das Geschehen zum vierten Mal. Verbinski führt die Strecke in deppschen Gewässern an, zur Quadrologie. „Shrek“ ebenfalls. Sowie „Spider-Man“. Der sogar fünf und sechs Anläufe später gleicht der heutigen Pfade.

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