Kolumne: Fluch im Hobbykeller

Segenreiche Dunstquelle, leidende Lebensphilosophie, gejagter Wahnsinn. (Sarkastische) Filmkritiker in der Moderne.

Criticism

Bild „Criticism“ von deviantART-Abkömmling „loKra„.

Drei Schichten streifen des Abends durch die rätselhaften Seitengassen. Zurück lag das Kino, eine wohlgenährte Plattform voller Nichtsnutze oder solcher die es bald werden wollten. Sie sahen etwas, diese drei Personen, die unermessliche Erwartungen geschürt hatten, der Leinwand mehr oder minder gierig das Schwarz genommen hatten. Etwas ihnen vollkommen neues oder ausgelutschtes. Sie sahen dort an dem kühlen, stickigen Ort filmische Raffinesse, zorniges Geplänkel, abschweifende Dialogwitzeleien. Sie lachten einmal oder zweimal, seufzten vielleicht genervt, empfanden regen Abfall, applaudierten in Ekstase. Sie saßen dort in einer Ansiedlung von Unterschieden, dem Klimbim der Reaktionen. Kein einheitliches Wort schwingt sich durch die gefüllten Hallen, das Menschsein in Differenzen erhob sich in den breiten der roten Sitzlehnen. Sie sahen das Anfangsstadium der Kritik. Den Anbeginn von pessimistischen Worten, Lückenfüller, kleine Abendsbeschäftigungen, für die arme Klasse jener Menschen, für die der Film in der Masse der Filme nicht mehr als Film vorherrschte, den Sinn kaum in belangloser Schnauferei, gehauchten Romantikgesäusel fand. Bahnen in perfektionsgetrimmter Optik, würdige Darstellerfatalisten, unterkühlte Storylines mit introvertierter Psychologie. Problematiken entstanden im Zuge Erwartungshaltender Wünsche, die undenkbar erfüllt werden konnten.

Immer langsam mit den jungen Hufen. Die Autorin mit den disziplinarischen Grundallüren verschandelt im blanken Zorn, ohne die perfide Bekenntnis Grundsätze aus der Zunft zu werfen, die weite Netzwelt in regelmäßig geplanten Abständen. Und die drei aufgeführten Evangelisten, zumindest die eine Bande des Mammuthäufchens würde sie sofort in den engsten Kreis der bekannten Krebse schleudern. Die Autorin zählt sich selbst in jene missliebige Gruppe der ranzigen und besonders höhnischen Kritiker, die Blockbuster in allen geläufigen Sekunden der Sichtung in ihrer Offenherzigkeit entblößen müssen. Sie hasst das dumpfe Rumgesprinte, einvernehmliche Spezialeffekte, seichte Kommentarergüsse. Sie hasst das heutige Kino. Damals war alles besser, die Western durften noch Western sein, die Männer noch knallhart, die Frauen unterdrückt, Kinder irrelevant, Eintritte spottbillig. Bei diesen Worten müsste sie sich glatt selbst mit hassen. Die Autorin würde gern das Produkt-Placement aus Hollywood in höchsten geschwungenen Tönen loben, sie würde gern in den Kinostätten singen vor spaßiger Freude, und so gewaltig schwer es ihr fällt, sie kann nicht. Sie kann nicht eine gemeißelte Welt, das schöne Ländchen voller Kohle und erzwungener Berühmtheit in ihren Körper und Geist umbenennen, bei neuer Piraterie aufseufzen. Sie kann und will nicht.

Die Autorin empfindet in Lackschuhen und Bikerweste nämlich akute Platzangst. Ihr vergehen die ruhig verdienten Stunden des Kinosaals im geknautschten Rotlichtmilieu, den schwülen Hitzeperioden und Nacho-Fressern. Wie sollte sie im gefüllten Haus keine Platzangst empfinden, bei all den Möchtegern-Kinogängern, die in Hollywoods Karaffen ständig baden. Leuten, die nach Anbruch der modernen Zeit feiern, bis der Kinosaal platzt, laut applaudieren, ständig ihre Sauferspielchen fortführen, ihren nächsten Bankkumpanen Ellenbogen in das weiche Fleisch rammen. Gewaltentechnisch steht die Autorin somit recht erdrückt allein dar. Sie schreit nicht, sie jagt keine Bomben hoch, ihre Hände schütteln sich, außer in begeisterungsfähigen Filmfestwochen, nicht, lachende Angriffe geschehen in verhältnismäßig leisen Bahnen, sie lebt im Grundsatz nicht in diesem roten Plundersessel. Sie dürfte gar nicht existieren im vollbesetzten Organ der Massenabfertigung. Sie gehört in purer kritisierender Haltung den Ausweg der Misere in der Kritik zu suchen, zu den widerspenstigsten Figuren des Schachbretts. Sie ist weder tot zu kriegen, noch im Bann lebensfähig, oder zur Auslöschungsgestalt degradierbar. Sie lebt für das Kino, ist aber ihr größtes anstrebendes Feindbild. Verhältnismäßig klein ist der bedeutsame Fall, sie könnte im Blockbuster ihr angenehmstes Fünkchen finden. Sie ist Kritikerin und sie wird den Hauptbestandteil, das sinnvollste an der Geldaussage ausloten. Für alles und nichts.

Zurück zu den masochistisch vampiristisch veranlagten Dämonen der Güteklasse A. Sie haben eines gemeinsam: Sie waren im Kino. Erstaunlich wenig für den Zeitpunkt dreier Menschen in der Woche, die am selben Tag, gleiche Uhrzeit, unbekannt voneinander die Gegenwart des Anderen teilten. Die Personenbeschreibungen: Ein Kritiker, ein Kinogänger, ein Freizeitflüchtling. Der Kritiker sieht das Teil, natürlich teuer produzierter Blockbuster, denkt sich: „Stuss, bäh, den zerreißen wir mal. Sowieso, warum die erste deutsche Positivkritik schreiben? Negativ ist Spaß.“ Der Kinogänger, natürlich regelmäßiger Natur, sieht das Teil, posaunt laut hinaus: „Geilo, der beste Film aller Zeiten. Morgen gleich noch mal.“ Der unterwürfige Freizeitflüchtling, mitleidig am Seitenrand eingebuchtet, rekelt die festgefrorenen Abkömmlinge der menschlichen Anatomie, schweift zu der hilflos gedemütigten Freundin ab, geht aus dem Saal. Ob er dem Film Wertungen im Bereich von eins bis zehn zutragen kann, ist unbekannt. Er geht ins Kino, weil er ins Kino geht, weil er dem Trog von Freizeitbeschäftigungen leidig entgegensteht. Für ihn spielen Qualität und Quantität keine Rolle mehr. Geld steht ebenfalls im Senf, bleibt kleben und löst sich ungern.

Stereotypisch würde die Autorin sagen, ausgesalzen aus den plumpen Formeln der Menschheit. Das Kritikerdasein als schwerwiegendes Problem gibt sich in Kreisen der Nicht-Bewertungsfähigen oder deren, die den Stift als Abweismittel vermuten. Angedichtet im besten fremden Bewusstsein stürzen sich die Gegner auf geschriebene Zeitgeistbelange, thematisch flott in die Reihen der Kritiker, versuchen den Sturz, Diskussionsfähigkeit. Sie verhängen sich schlussendlich im Unverständnis der Materie, absurden Theorien, dem Umschwung von Block und Buster. Es stellt sich das schwache Bedienelement der Leser ein, Hobbyfänger die den Schatz des kleinen Kinos unbewusst, gar nicht, zur Kenntnis nehmen. Überraschungen kehren um in niedrige Erwartungshaltungen. Die Autorin fragt den Kinogänger, der irrelevante Freizeitflüchtling kämpft in anderen Reglungen mit sich allein, welche Überraschungen er zu finden vermag. Sein Antwort schlägt knüppelhart ein: „Keine.“ Er findet sich im Sumpf der Hollywoodkabbeleien wider, die, wie könnte es anders sein, nichts weiter zu erwarten mögen, als lahme Unterhaltungssymphonien. Wie könnte er dem entgehen, scheitert der Versuch von Programmkinos bei ihm schon im bloßen Vorbeiziehen, dem Flyer, der ignorant bedacht wird. Das Drama im Herzen geht so weit, es lässt das Drama in außerseelischen Gemeinschaften sofort zur Umkehr zwingen.

Ärgste Bande knüpfen Kritiker und Kinogänger, die Autorin mit passablen Ausgebern. Der Kritiker zerstreut den Blockbuster, der Kinogänger knüppelt ihn im Hängen und Würgen wieder zusammen. Zerstreuen – Binden. Zerreißen – Kleben. Im nichtsnutzigen Kompott kommen die würgenden Worte beider hervor, ein akutes und andauerndes Missverständnis zweier Parteien die Wahrheiten zu verknüpfen versuchen, im Krampf die Schraube anziehen, bis der Galgen die Niederknie erzwingt. Einigkeit zwischen Kritiker und Kinogänger, dem einen „Viel und Alles“-Seher, dem anderen sein „Groß und Peppig“ kann allein nicht bestehen. Meinungen pressen sich aneinander, der Kritiker im Schnitt bewusst weniger punktfreundlich, der Kinogänger großzügig in oberen Reichen. Ein schlecht verzeichnetes Omen, ein typisch im Falle des Blockbusters ausgezeichnetes, sarkastische Worte gegenüber der Scheu des Regisseurs, der Produzenten. Der Kritiker kämpft mit harten Absätzen gegen Freude und Co. Ironische Einzeiler stehen im Kontext, Schimpfwörter, das beliebte „belanglos“, „stumpfsinnig“, „erbärmlich“, „nervtötend“, abwertende, stumpfe Wortspielereien, Neologismen. Was der Kinogänger nicht wusste, die Autorin aber seit langem: Kritiker zu sein heißt auf die Kacke hauen, das letzte Lied aus den Augenweiden zu prügeln.

Faktisch darf zur Rande gezogen werden, dass der Kritiker Hollywood in den Wahnsinn treibt, das frühere Besitzrecht kapert. Weist er den regelrechten Abschaum auf, kein klares Gedankengut zu verstehen, dem schnörkellosen Prunk seine Genialität, die einfachste Art der Befreiung vorwegzunehmen? Hollywood = Popcorn = Styropor = Pappe = Ausschussware. Übertreibung gehört zur Pflicht, jene die das amerikanische Hochland jedoch genüsslich aussaugt, die Stoffe belanglos wieder und wieder verdaut, Einnahmen befreiend hinnimmt. Publikum steht nicht für den König der Filme. Publikum hat nicht das Vermögen Hollywood den Geldreiz zu nehmen. Publikum könnte die Filme meiden. Publikum könnte, will aber nicht. Kritiker wollen, dürfen aber nicht. Eine gewisse Verpflichtung sich selbst, dem erscheinenden Blatt, gegenüber, das genommene Recht zur Kritik, das eingesetzte. Miesmache entsteht gewiss, die Autorin fühlt dem nach. Mitgenommen von den unerträglichen Schergen der Fortsetzungen bleibt vielen aber der Finger schon in den ersten Sekunden der Werke im Mund stecken. Die Fortsetzung wühlt sich zu Tausenden durch Altbewährtes, Geldmacherei im bewährten Stil. Und dabei entsteht das ausgelutschte Gefühlt, eine eigenständige Art von Verarschung. Jener Kritiker führt diese aus, ob ihm die verleite Kraft nun passt oder nicht, Arbeit ist Arbeit.

Einvernehmlich nimmt der Kritiker das spöttische Recht für alle Klassen hinaus. Zumindest entspricht dies der opulenten Annahme des Kinogängers. Doch der Kritiker darf sich die Schwäche nicht erlauben Uneinigkeit in seinen Hypothesen herrschen zu lassen. Absolutismus in jeder Zeile, jedem Buchstaben ist in höchster Kunstfertigkeit verbraucht. Kritik abseits von der bestechlichen Randbezeichnung, Kritik im Stellenwert der Kunst eines Buchautors. Ein Kinogänger mag diese Form für abstinent halten, doch Freude entsteht in hunderten Prägungen, auch im stilistischen Nonsens der Filmkritik.

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