Gähnen im Wind

Magazine haben den Sinn Verantwortung für ihre Leser zu übernehmen. Sozusagen das schwerliche Denken von Grütze in die eigenen Gehirnkadaver umzuleiten oder den Einzug zu verhindern. Sie denken in Lesersätzen, im dümmlichen stereotypen amerikanischen Slang, vermutlichen Eigenarten, solche, die nie ausgelebt werden würden. Sie versetzen sich in den treuen Abo-Käufer. Manchmal klappen solche abgekarteten Spielchen hervorragend, kleine Zeitreisen in kuriose Verhältnisse, witzige Achterbahnfahrten voll überdrehter Ironie. Wenn man „Premiere“ heißt sollte man schon vorher denken, in welche Bahnen Listen führen können. Tatsächlich würde folgende „Zeitreise“ in die unglaublich „verdammten“ Filmwelten sogar mit dem deutschen „Premiere“ funktionieren. Die Rede, trotz allem Gegaukel, ist aber von „Premiere.com“, der nicht nur im Stande ist, die deutschte Konkurrenz in Grund und Boden zu kloppen, sondern vollständige Magentreffer in bester „Tekken“-Manie beschafft. „The 20 Most Overrated Movies of All Time“ nennt sich der „gewagte“ und furchtbar langweilige Blick hinter die Kulissen der Szene. Alphabetisch beobachtet sieht die Aussicht auf zwanzig Weicheier prickelnd aus:

1. 2001: A Space Odyssey
2. A Beautiful Mind
3. An American in Paris
4. American Beauty
5. Chariots of Fire
6. Chicago
7. Clerks
8. Easy Rider
9. Fantasia
10. Field of Dreams
11. Forrest Gump
12. Gone With the Wind
13. Good Will Hunting
14. Jules and Jim
15. Monster’s Ball
16. Moonstruck
17. Mystic River
18. Nashville
19. The Red Shoes
20. The Wizard of Oz

Ganz zu schweigen von der absurden Dämlichkeit über „Mystic River“, „Good Will Hunting“, sogar „Monster’s Ball“ in partyartigen Gegenden zu sprechen, gar wie im Vorspann erwähnt, „It happens to everyone who loves movies: You’re in a conversation at a bar, or at a wedding, or online, and someone begins rhapsodizing about one of their favorite movies and you can’t help but say, ‘Uh, that movie sucks. It’s totally overrated’.”, sich zu der Besessenheit zu erkennen auf einer Hochzeit mit mathematischen Schinken zu beginnen. Zwanzig Stücke, einige mit Oscar im Arsch, wie „Premiere“ freimütig gewusst haben müsste, ziehen die Strippen. Keiner aus dieser Auswahl besitzt die wirkliche Berechtigung. Einige sind kaum überschätzt („Clerks“, hallo?), andere wiederum so bekannt, da kamen sie über einen Eintrag kaum umhin. „2001“, „Forrest Gump“ gezwungenermaßen, „Easy Rider“, „Gone with the Wind“, allein für die „Anteilnahme“ an altes Oscargemurmel. „American Beauty“ für die kaum ertragbare Ehrlichkeit, „Nashville“, um Robert Altman auf den Sarg zu hopsen.

Sie karren nicht das Fan-Gemurmel aus, sie reizen perfide längst nicht mehr diskutierbare Modeerscheinungen. Brachte der Trott „Crash“ vor „Brokeback Mountain“ auf die Stufen der Goldtrophäe, findet sich keines der beiden wider. Zu Neu? Hier spannt der Winzfilm den Blockbuster aus, ein „Fluch der Karibik“, ein „Star Wars“ ohne Erwähnung. Aber tatsächlich wären diese Entscheidungen mit Mut inbegriffen. „Premiere.com“ echauffiert sich über populäre Fernsehausstrahlungen, auch die wunderbaren Klassiker, die im Herzen verankert sind. „Chicago“ überbewertet? Den Oscar gewann er, doch welche Worte verschwanden über ihn? Interessierte sich ein Mensch nach der Sichtung im Kino, dem „Tatort“-Ersatz, für ihn? Beliebt wirkt Stanley Kubrick in solchen Flimmerlisten immer. Kubrick, der Perfektionist, der Unbestechliche. Er wird genannt für seine aufdringliche Perfektion, den Sinn alles besser zu können. Manch einer mag die Kunst verwehren. Diejenigen, die Listen in müden perfektionierten Wegen erstellen beispielsweise.

2 Responses to “Gähnen im Wind”


  1. 1 fernseherin Juni 7, 2007 um 7:00 pm

    Bei „A Beautiful Mind“ und „Forrest Gump“ stimme ich sogar zu. Und in „Oz“ kam ich noch nie so richtig rein, interessiert mich aber auch nicht so besonders.
    Aber was für einen Sinn macht es, jetzt auf einmal über „Vom Winde verweht“ herzuziehen?
    Und „Clerks“ kennt sowieso kaum jemand, habe ich den Eindruck (wobei ich den beim zweiten Mal auch nicht mehr so genial fand).

    Da fällt mir was ganz anderes ein: Kennst du den Film „Living in Oblivion“ mit Steve Buscemi?

  2. 2 Soraly Juni 7, 2007 um 7:13 pm

    Ich wusste, dass jetzt etwas zu „Forrest Gump“ kommt 😉 . Aber das meiste sind noch nichtmal „überwertete“ Filme, da sie einfach kaum als Gesprächsthema dienen können. Einzig genügend Stoff würde „2001“ bieten, der immer sehr gern als langwieriges Sci-Fi-Werk ohne Aliens gesehen wird. „Braveheart“ gehört da schon viel eher rein.

    „Living in Oblivion“ steht noch nicht in meiner Buscemi-Kartei 🙂 .


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