Kritik: Hostel

USA 2005
Start: 27.04.06

Hostel

Regie: Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth
Darsteller: Jay Hernandez, Derek Richardson, Eythor Gudhonsson, Barbara Nedeljakova, Jan Vlasak, Jennifer Lim, Jana Kaderabkova, Keiko Seiko, Rick Hoffman, Petr Janie, Takashi Miike

6/10 Punkte

Kritik: Eine Gesellschaft im Stil des unterhaltenden Schmerzes perforierte sich in den vergangenen Jahren, angezündet früh im Jahrtausend von den Genrewerken „Saw“, „The Hills Have Eyes“, einer Multikultibewegung, die in Blut, abgetrennten Gliedern, zerhackten Leichen, einen Neubeginn, eine neue Rasse im Hollywood-Entertainment fand. Die Restauration des Horrorgemisches fand den erhobenen Anklang bei Teenager, jene die den Kinobesuch mit einer Mutprobe verglichen und sich verharkten in Gewaltexzessen, dem skurrilen Gruppenzwang preisgaben. Kontrovers in Medien diskutiert kam in der Welle Eli Roths „Cabin Fever“, blutrünstig und dreckig, in dieser Genregruppe allein schon einer der „härtesten“. Nachfolgefilm „Hostel“ belegt Roths Gewalten, sein feines Gespür für kreative Tötungsdelikte, seine kleinen Inszenierungsmacken und das abstoßende Schaubild einer labilen Generation, die den Spaß in Leid und Blut sehen. Zumindest letzteres schleppte sich in der umfassenden PR, unzähligen Previews, Medienberichten zutage. Überraschenderweise ist „Hostel“ nicht nur pure Gewaltorgie, gen Ende vielmehr spannender Thrill, untersetzt in skurrilen Einlagen, hinzu einer willkommenen Zurschaustellung jugendlicher Abenteuerlust.

Angepriesen, in großen Plakaten aufgebläht mit Bohrer im Mund, stößt „Hostel“ in erster Linie, dem genialen Marketingschachzug, gegen schwache Nerven, den typischen Auslandsimporthorror aus Japan die ausgeklügelte Gespensteratmosphäre weniger imitierend, als die Subtilität stehlend für puren Bluthorror. Das eigentlich der vermarktete Bohrerangriff auf andere, im Vergleich mit dem sensationsgeilen Poster eher „lasche“ (in anderem Sinne allerdings immer noch genügende), Weise ausgeführt wird, gar die Wahl zur, von den Designern gewählte, Art nie zur Diskussion stehend ist, steht für die erste Wahrnehmungsillusion in den Tagen vor Kinostart. Bezeichnend für „Hostel“ ist skrupellose Gewalt, jawohl, doch ihm haftet keine Diskussionsfähigkeit an, kein grundsätzliches Fabrikat „Kontrovers“. In jedem Falle wird er in dreckigen, erbarmungslosen Farbcollagen bebildert, arbeitet mit Kettensägen, Scheren, einfachen Messern. In dieser Welt sind es nicht mehr die wahren menschlichen Hände, die Knochen umdrehen, mit Handschuhen bedeckt töten sie, ohne das verschlissene Blut kleben zu haben.

Beginnend als schnöder Teenie-Porno-Film strafft Roth knapp einstündig die banale Grundhandlung um die zwei amerikanischen Rucksacktouristen Paxton (Jay Hernandez) und Josh (Derek Richardsson), zwei Reisende im, für sie aufregend neuen, Kreis Europas. Begleitet vom auf der Fahrt zustoßenden Isländer Oli (Eythor Gudjonsson) suchen sie in der jungfräulichen Welt sexuelle Abenteuer, wilde Partys vor dem letzten Endes vorstehenden Unialltag. In Amsterdam einen Tipp für schnelle Gelüste erhaltend führen sie ihre Fahrt fort, weit in die Slowakei hinein, angepriesen als billige Goldmiene im Prostituiertenkabinett. Flirtend genießen sie die Zeit, die prickelnden Empfindungen. In einer Nacht nicht zurückkehrend minimiert sich plötzlich ihre Truppenstärke um eine Person. Zwar mit einer SMS abgemeldet verwischen die Spuren um den Isländer Oli, der von zerschechten ins Nirwana verschwindet. Bald nicht mehr der einzige vermisste gerät als letzter Paxton in die Hände mysteriöser Möchtegern-Chirurgen. Auf der Suche nach Ausflucht, Desillusionierungsbeseitigung, Begründungen stößt er auf stößt er auf Schmerz, und seine Freunde.

Geradezu abstrus ist die Anleitung für Roths Gore-Werk, die Einschätzung von Heftigkeit und unnötiger, teilweise nie gesehener, Blutattentate. Die einfache Tatsache: „Hostel“ ist weiß Gott nicht so „hart“, „pervers“ oder „grobschlächtig“ ausgestattet, wie in aller Breite angepriesen. Natürlich, Roth steckt allerlei ausschweifende Ansichten in sein Packet, benutzt den menschlichen Körper als teuflisches Tier, schlachtet ihn ab, zerteilt, wirft ihn in flammige Holzöfen. Er präsentiert viel, sicherlich mehr denn je abschweifend vom psychologischen Grundprofil eines „Sieben“, dem intelligenten begründeten Serienmörder, aber trotz allem geht er nicht in die Vollen, schweift im entscheidenden Augenblick ab. Dabei wirkt dieser Schwenk keineswegs ängstlich, auf Jugendfreigaben spezifiziert, viel eher notwendig ins Konzept gegliedert. Roth verwandelt bloße Gewaltakte nicht zur wahllosen Abhandlung grausiger Anwendungen von Werkzeugen, schürt die Spannung auf diese Weise, schafft den notwendigen Raum zwischen Vorstellung und gezeigter Abfolge.

Lediglich 4,5 Millionen Dollar genügten „Hostel“, um mit losen „Laiendarstellern“ die erforderte malträtierte Verkörperung optischer Blutlust artgerecht verkörpern zu können. Herausragend sind die Schreikrämpfe der Protagonisten dem Genre entsprechend kaum, eine nennenswerte Last auf ihren Körpern besteht lediglich in den Szenarien der Angst, sie spielen die ohnehin stupiden Charaktere so wie es sich gehören sollte, in Einfachheit, Dümmlichkeit. Anders wäre das ganze Lied auf beschränkte Amerikaner unmöglich erklärlich ausgestattet. Noch in jugendlichen Schuhen versammelt ist der eingespielte Surrealismus aller Filmmomente ein Bann, der „Hostel“ vollkommene Narrenfreiheit einräumt, von der Realität weit entfernt arbeitet. Allein dieses Merkmal beschert ihm die Fähigkeit abseits von Wirklichkeiten zu funktionieren, den Zuschauer faktisch anzusprechen, den Horror aber auf Fantasiewelten umzulenken. Obwohl die Grundidee in ihrer Banalität exakt Teenagergelüste bebildert, Gore-Elemente hautnah dargestellt sind, Hilflosigkeit, Rachegelüste thematisch nicht von der Wirklichkeit abweichen. Den entscheidenden Unterschied wagt Roth im Schlussviertel, die blecherne Flucht aus dem Horror-Quartier.

Brennend schnell hintergeht der überlebende Hauptprotagonist (einer muss es schließlich sein) alle Triaden der mordenden Stümper, reißt intelligent, unfassbar aus. Insgeheim Höhepunkt sind weder Mörder noch Gejagter weit voneinander entfernt, beide im Platze der Gesellschaft, die sie als niedrig behandelte, gefangen. Roths Wege sind nicht immer prickelnd gezüchtigt eingearbeitet, wirken anfangs banal und gehaltlos. Vollständiges Spannungspotential entfaltet „Hostel“ erst lange nach Beginn, gar entsteht der Eindruck, der „harte“ Kern werde außen vor gelassen, nur um den Zuschauer noch Minuten länger bei der Stange zu halten. Sicherlich in mancher Weise ist die Mutprobe für „Hostel“ bezeichnend, Zartbesaitete sollten ohnehin Abstand wahren, Genre-Kennern werden allerlei trockene Unterhaltungsblutungen beschert, nur der ganz große Wurf, ein fleischgewordenes Grauen, für das steht Roths „Hostel“ auf keinen Fall.

Autorin

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