Kritik: Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis

Großbritannien 2007
Start: 14.06.07

Hot Fuzz

Regie: Edgar Wright
Drehbuch: Edgar Wright, Simon Pegg
Darsteller: Simon Pegg, Martin Freeman, Bill Nighy, Robert Popper, Joe Cornish, Chris Waitt, Eric Mason, Billie Whitelaw, Nick Frost, Peter Wight, Julia Deakin, Bill Bailey

9/10 Punkte

Kritik: Etwas uneinsichtig skurril erscheint es bisweilen einem Film mit dem Untertitel „Zwei abgewichste Profis“ eine Kritik, einen Sinneseindruck abzugewinnen, der positiver, vor Spaß triefender nicht klingen könnte, der die komplette Freude über ein nichtsnutziges Kinojahr auslöschen könnte. Ausgerechnet im Reich der Action-Komödie findet sich solch ein kleiner feiner Aufschwung, ein Licht im dunklen Tunnel, weit weg vom faden Nachgeschmack aller Genre-Ausgüsse. Spritzend gibt sich Edgar Wrights „Hot Fuzz“ launig in einer Mischung purer Detektivität, Cop-Thriller, Splatter, Komödie, einem Sack parodistischer dramatischer gefriemelter Elemente und allerlei Blödeleien, abgeschlagener Hälse. Unentwegt pirscht er durch abgefahrenes Gelände auffindbarer Filmhits, schneidet sich bestes Brot ab, vermischt es knüppeldick mit auffahrenden Wagenrennen, groben Schnitten, fliegenden Fahrzeugen. „Zwei abgewichste Profis“ streuen ein Überangebot an übergewichtigen Gags und männertauglichen Maschinerien ein, strotzen so vor Selbstverstrauen und -überschätzung, dass der Käseschinken des Jahres nicht Piraten, klebrigen Spinnen oder stählerne Bauten enthält, nur zwei Kumpanen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der beste im Job, die höchste Verhaftungsrate, geradezu 400 Prozent Adrenalin, Vorzeige-Chief Nicholas Angel (Simon Pegg) hält die Platten in der Polizeifabrik zusammen, verbarrikadiert jeden Straftäter in gefügige Haft im Knast. Leicht genervt reagieren seine Vorgesetzten (Martin Freeman, Steve Coogan, Bill Nighy) abrupt auf den Erfolgswahn des jungen Kerls, er wird flugs strafversetzt ins kleine Country-Dorf „Sandford“. Sandig ist es dort weniger, besonders blutig allerdings ebenfalls nicht. Typisch als englische Siedlung, oftmals sogar ausgezeichnet „Dorf des Jahres“, schlägt die Turmuhr selten spannend Zwölf, halten sich Untaten und Verbrechen in Grenzen. Ein ausgebrochener Schwan wütet herum, Pubertierende trinken unbefugt Alkohol im Pub, ein goldener Witzbold hält stil, so liegt das Leben in Sandford ruhig daher. Doch sind die Unfälle tatsächlich mit Leichtsinn verbunden, oder steckt mehr hinter der Perfektionsidylle? Mit Partner auf Zeit, dem dumm- und ahnungslosen Danny Butterman (Nick Frost) soll Angel alles Hintertriebene abstempeln, ohne die geringsten Nachforschungen anzustellen. Nur hat man nicht mit dem gefrusteten Cop gerechnet, dem Gerechtigkeit auf höheren Kärtchen geschrieben steht.

Schussstark ist dabei nicht nur Protagonist Nicholas, der das Actionfeuerwerk auf blutspritzendes Splattergemeuchel ausweitet, oder umgedreht dem kranken Wahn des Massenmörders die Verfolgung anklebt, die Bande der Pseudo-Polizisten vom Lande verliert so langsam die Unschuld und beginnt dem strengen Glauben des Londoner Super-Cops zu folgen. „Hot Fuzz“ zeigt auf der einen Seite alles Gesehene in drakonischer Abhandlung und setzt dementsprechend eine solche barrierefreie Unterhaltung entgegen, die Blut und Lachtränen abfeuert, wie sie immer in Spaßfilmen oder Hollywoodabhandlungen entstehen sollte, doch nie gelingt. Gerade der spießige Angel, ein unwillkommenes Arbeittier, früher im Großstadturwald unterwegs, fegt starrköpfig, piekfein in das milde Sandford und haut die Vorstädter in die Pfanne. Diese verstehen nicht, was der Herr für ein groß angelegtes Problem hat, schließlich läuft der Marsch zum neuen Titelgewinn doch ganz hervorragend vonstatten. Mord und Totschlag sind nur das Synonym zum vermutetem ruhigen Bild dieser Auslese, einer Kulisse, die so in Perfektion vernarrt ist, dass der Weg zu abgetrennten Hälsen umso schneller vollführt wird.

Explosiv geht es hoch her in dem mauen Kleinstadtanwesen, findet Angel die Ansätze für alle vorsätzlichen Morde, deren Aufschlüsselung im Flug. Rasend schnell fliegen die Fetzen im nun Action-Abteil der „Hot Fuzz“, ein peppendes Abenteuergerase, schnell geschnitten, unübersichtlich, hoch gezeugt, angelehnt an all die im Gegenzug fad erscheinenden Genre-Kumpanen „Bad Boys“, „Gefährliche Brandung“, „Speed“. Manches Mal kommt man kaum den packenden Verfolgungsjagden hinterher, blickt schon verwirrt drein, bei manch Flugszene. Anderswo Kritikpunkt bewirkt der mordende Soundtrack, überraschend knackig selbst im ruhigen Komplott verbreitet, ein überstilisierendes Ebenbild aller realistischen Actionfuhrwerke, zeigt verkrampfte Polizisten im Clinch mit ihrer eigens gewählten Berufung. Unentwegt wird im Enddrittel der Waffengürtel eingerückt, da fließen sekundengerecht Kugeln in bester „Stirb Langsam“-Manie. Gestorben wird noch ein wenig schneller, noch weniger fachmännisch, noch hochgradiger mit verschiedenem Marschbesteck ausgerüstet. Einen ganzen Berg an geklauten „Tomb Raider“-Ballerteilen fischt Angel einem Bauern ab, Schrotflinten, Maschinengewehre, Pistolen, nur fehlend die Granatwerfer auf den Rücken geschnallt.

Herrlich bekämpfen sich die beiden Köpfe Simon Pegg und Nick Frost aufs unerbittliche, der eine stänkernd, der andere als zu groß geratener Teddybär (respektive Affe). Stereotyp feilen sie unerbittlich einen Kampf nach dem anderen aus, obwohl sie doch am Ende spaßeshalber umarmend die Bäuche graulen. Fast untergehend steht die beste Hauptrolle am Rand mit Trolley unter den 007-Bratzen. Supermarktleiter Timothy Dalton erkämpft sich einmal mehr den Status als aufbegehrendes Raubtier und feiert eine Mischung aus Cameo und Erstklassencharme, der bis heute in Nebenrollen unterging. Bissig, tierisch gemein zeigt seine Fratze einmal mehr ungeheure Selbstironie, stiehlt er dem Cop-Duo sogar die hundsgemeine Show. Insgeheim versteckt wüten Peter Jackson in Rolle des tobsüchtigen Weihnachtsmannes und Cate Blanchett noch, in Totalität verschleiert in dem britischen Gewusel in Sekundenbruchtücken. Aufgabeln muss man diesen Darstellerteller erstmal, überzeugt jeder im Scharmützel in ungemeiner Absolution.

Gefährlich bluten „Hot Fuzz“ nach der Beginnhälfte dann alle gesammelten Gedärme aus. Herausgestellt als geheime Untergrundorganisation werden die bösen Buben und Mädel nach allen Regeln der Splatterkunst abgeschlachtet, Köpfe segeln schon mal ins Nirwana, Pfefferorgien der Gewehre werden verdrückt. In Kreativität verpackt holen die „Shaun of the Dead“-Macher wieder ihre Horrorkegel raus, eine Gaudi sondergleichen. Erinnernd an die prickelnden Gore-Verschnitte „Hostel“, „The Hills Have Eyes“, fließt an allen Enden trashig das Blut. Kein Wunder, wenn Köpfe auf der Straße übernachten, in heiler Absicht zermanscht, Heckenscheren in Hälsen geparkt werden oder mit großem Peng typisch Englisch das Haus explodiert. Leicht ekelerregend kommt die ganze Busbreite hervor, geniale Effekte, in unglaublich unterhaltsamer Manie präsentiert, finden sie sich hundertprozentig passend im Berg aus Wortwitz und Abenteuerlust wider. Einmalig muss der Zuschauer an diesem Reigen nach Luft schnappen, geht die Puste bei allerlei zerstreuten Dialogen, rüdem Action-Quark, abgeballerten Pfarrern in wahnsinnig schnellen Stunden aus.

Dem Stempel einer Parodie folgend begibt sich „Hot Fuzz“ mit umso genauerem Blick dennoch nicht in die Seitengassen einer milden Verarschungsstunde (zuletzt bemerkenswert dümmlich in „Fantastic Movie“ abgehandelt), stiehlt den freien Filmschnipseln, die eingearbeitet werden, nicht Inspiration, fügt soviel eigene Qualitäten hinzu, dass ohne die bekannte Referenz sogar die Parallelen abhanden kommen. Die Berserker wüten in diesem wunderbaren Dampfer der britischen Action-Komödie-Traumfabrik mit ungeahntem Elan, einer Spannungs- und Unterhaltungsgewalt, die in diesem Kinojahr einzigartig über die Leinwände flimmert. Ohne korrekte Artikulation, ein Faktum, dass nach dieser Meute sowieso abhanden geht könnte „Hot Fuzz“ auch ganz schlicht zusammengefasst werden: Verdammt geile Scheiße.

Autorin

3 Responses to “Kritik: Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis”


  1. 1 loewenzahn Juni 17, 2007 um 5:50 pm

    😉 Auf deutsch oder im Original gesehen?

  2. 2 Soraly Juni 17, 2007 um 5:54 pm

    Tatsächlich in Deutsch. Ich will nicht wissen, wie genial er im Original gewesen wäre 🙂 .

  3. 3 Twig Juni 23, 2007 um 9:48 pm

    Nachdem ich „Hot Fuzz“ auch so genial gefunden habe wie du, habe ich mir „Shaun of the Dead“ angeschaut.
    Ein wirklich gutes und lustiges Filmchen. Dennoch hatte „Hot Fuzz“ mehr lacher und war zudem besser. Viel besser.

    Dafür 7 von 10 untoten Zombies.


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