Kritik: You Kill Me

USA 2007
Start: xx.xx.07

You Kill Me

Regie: John Dahl
Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely
Darsteller: Ben Kingsley, Tea Leoni, Bill Pullman, Luke Wilson, Philip Baker Hall, Scott Heindl, Dennis Farina, Aaron Hughes, Katie Messina, Marcus Thomas

7/10 Punkte

Kritik: Es muss sich schon um eine seelische ganz und gar zerklüftete Person handeln, die den Gehweg einzig nur vom Schnee im schönen Buffalo, New York befreit, weil die Alkoholflasche nach jedem Nippen ein Stück weiter gen Richtung Straße fliegt. Frank Falenczyk (Ben Kingsley) ist Auftragsmörder und Alkoholiker in einer Person. Und er hat ein schwer trabendes Problem: seine Sucht macht die schnöde Arbeit schier unmöglich. In seiner Trunkenheit verschläft er Ermordungen, kann dem eigentlichen Geldeintreiben schwerlich und selten ernsthaft nachgehen. Für seinen Boss (Philip Baker Hall) ein Mittel zum Zweck. Frank soll endlich die Nase von der Flasche hängen und setzt ihn zwecks Entsaufungskur in den nächst besten Flieger nach San Fransisco. Verfolgt von Pate Dave (Bill Pullman), der als Aufpassermutti fungiert und Frank strickt bei den anonymen Alkoholikern und im neuen Berufszweig der Einbalsamierer sehen möchte, gibt es keine Wahl oder einen Ausweg aus der Misere. Frank muss sich unterstellen, während in New York die Fette steigt.

„You Kill Me“ fügt sich voll und ganz in die Perspektive einer unwichtigen, vermutlich leidlich erfolgreichen, zudem billig produzierten amerikanischen Thriller-Komödie-Liebesschnulze, gespickt mit ausreichenden Schauspieltalenten, frohlockender Regie und allerlei sympathisierenden Charakteren und launigen Einfällen. Wohl zu Recht gerückt als das, was „You Kill Me“ wirklich darstellt, kein neuer Schnickschnack, alte Tricks, alte Schauspieler beschäftig das gut gehütete komödiantische Talent in der Feder John Dahls für lebendige, wenn mitunter nicht perfekte, Minuten in kompletter Spielzeit. Effekthascherisch und Hollywood-Like sind die wenigsten Schnipsel im Old-School-Marsch dieser proletarischen Killer-Stunde, die hinreißend erfrischend sich im Sumpf der Komödien profiliert. Den größten und wegweisenden Clou bildet „You Kill Me“ am Allermeisten in der Riege prickelnder Schauspielkombinationen, eigentümlich am Rad drehend Kingsley, Tea Leoni, Pullman, Luke Wilson und Baker Hall.

Als nunmehr halb so grobe Augenweide bildet Ben Kingsley charmante und kaum zu glaubende nicht-regie-feindliche Schauspielkunst aus. Altersweise, in Falten und tiefen Furchen eingerahmt ist seine Leinwandgabe nach mehreren Jahrzehnten rundherum herzlich erneuert und liebenwürdiger als in bisherigen Stücken jemals zu sehen. Mehr denn ist jede Sekunde seines spöttisch trockenen Charakters aussprühend und belebend für „You Kill Me“, so kraftvoll und stärkend, dass Szenen ohne seine Person leer und einfallslos dahin tröpfeln. In Kooperation mit seiner starken Gegenspielerin Tea Leoni bildet sich eine freche, eigensinnige Gemeinschaft, ausschlaggebend in den perfiden und tölpelhaften, für Frank unsagbar peinlichen Zusammenkünften der anonymen Alkoholiker, in denen ihre Beziehung neue Höhen erreicht. Sinnbildlich für Kingleys abnorme Zurschaustellung seines kruden Witzes ist tatsächlich gerade eine der ersten AA-Stunden, voller schockgeweiteter Augen, pulsierender Adern, verschränkten Armen, die Frau auf dem Podium, die genuschelte Namensbekenntnis („Hi, my name is Becky and I’m an alcoholic.“ – „Hi, Becky.“), ein atemberaubend choreographierter Augenblick.

Bekanntermaßen ist die rührende Liebesgeschichte um Kingsley und Leoni ein Stück weit unvorstellbar und im Altersunterschied auf mehreren Bahnen wenig nachvollziehbar. Ein Funken schlägt bei beiden über, die volle Love-Story-Droge ist im Falle von vollkommener Liebe allerdings an falschen Strängen angelegt. Der Flirt packt und funktioniert, ihre Wortreibereien schlagen durch, Sympathie ist nicht zu leugnen. Warum sie später unbedingt in die Kiste hopsen müssen ist Angelegenheit typischen Hollywood-Schnickschnacks, auch beileibe dem Ausbleiben an Gegenalternativen zuzuschreiben. Das Couple sitzt in der puren stoischen Männerfeindlichkeit Leonis zusammen, übt sich ab der schnellen Arbeitsbekenntnis Franks als Killerduo, Parade für ein verflixt gutes Pärchen. Ehrlich besteht eine Anziehungskraft zwischen Kingsley und Leoni von Beginn an, geleitet „You Kill Me“ zur bestandenen Führerscheinprüfung, überschäumenden kleinen Bolzenwitzen, die kurios gut verpackt ankommen.

Funktionsuntüchtig teilt Dahl schließlich „You Kill Me“ in zwei Handlungsstränge, genial den Kingsley, nervtötend, eine Fehlleitung auf gesamter Spur die Buffalo-Episode um die untergehenden Hinterhofgangster Papa-Pate Philip Baker Hall und Sohn Marcus Thomas ausstreckend. Eine Ernsthaftigkeit ohne Ironie und Sarkasmus, geschweige denn interessante Personen im Mörderumfeld wird leider gelegt, die Kingsley die Leichen aus dem Keller rollen lässt. Verzweifelt ist der Wunsch, bestätigend für seine Klasse zudem, Alkoholiker Frank wieder in den Krug aus Wodka und Leoni sehen zu können. Zur Gute halten darf man dem Buffalo-Engpass einzig die krude Liebesbekundung für die beiden Turteltauben Kingsley und Leoni, die geleckt und fantastisch aus der Messerdose neben den Keksen gehopst kommt. Nastrovje!

Vergleichbar mit der vollkommenen „Oceans“-Reihe bretzeln die Stars, eine wunderbare und eigensinnige Mischung in kleinen Nebenrollen, den kleinen feinen, aber dennoch dreckig daher kommenden „You Kill Me“ auf. Schmunzelnd, erleichternd, sympathisch trifft er schmerzlos die Töne auf der alkoholisierten Kingsley-Fahrt, nicht immer hundertprozentig adäquat, manchmal an Fahrt verlierend oder dröge daher kommend, bis die nächste Ben-Kingsley-Szene wieder „You Kill Me“ die Krone aufsetzt. Fehlend für die Perfektion witzelt er zumindest so sympathisch und wenig allmächtig umher, „You Kill Me“ muss dafür einfach gemocht werden, für unterhaltsame Spiellaufzeit. Danach kann auf die kleinen Fehler allemal eingegangen werden.

Autorin

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