Kritik: Amazing Grace

USA, Großbritannien 2006
Start: xx.xx.07

Amazing Grace

Regie: Michael Apted
Drehbuch: Steven Knight
Darsteller: Ioan Gruffudd, Romola Garai, Albert Finney, Benedict Cumberbatch, Michael Gambon, Rufus Sewell, Youssou N’Dour, Ciaran Hinds, Toby Jones, Jeremy Swift, Bill Paterson

7/10 Punkte

Kritik: In Jahren vor „Shakespeare in Love“, großen idealistischen Kostümschinken wäre die alte Schule von „Amazing Grace“ womöglich zu Ruhm und Prunk aufgestiegen, hätte einige Auszeichnungen gewonnen, Bekanntheit und ein Denkmahl für William Wilberforce, den Verfechter gegen Sklaventum, geschaffen. Heutzutage ist die Arbeit hinter werktreuen Geschichtsstunden schmal geworden und zu mühevoll und aufwendig, als das es sich in Hinblick auf Besucherzahlen rentieren könnte einen derartigen Film in die Säle und Häuser der bekannten Schauspielhäuser zu manövrieren. Ein Land ohne Rückzieher in dieser Beziehung wird bis in die morgigen Stunden Großbritannien bleiben, angereichert in altbekannten Traditionen und dem Willen die eigene Geschichte in allen Hinsichten auf die Leinwand zu beschwören. Vergangenheit beschwört Tugenden, gute und erwürdige, in die Köpfe der Menschen, so sollte das Kino tanzen mit den machtvollen Figuren, die ehemals wahre Helden repräsentierten, eigenes Leben und Tragen einer Gesamtheit opferten.

“Amazing grace, how sweet the sound
That sav’d a wretch like me!
I once was lost, but now am found,
Was blind, but now I see.”

Unerbittlich eine wichtige Figur für die gesamte britische Bevölkerung stellte William Wilberforce (getragen im Film von Ioan Gruffudd) dar, über Jahrzehnte kämpfend gegen den Sklavenhandel. Getrieben in der Westminster Abbey am 25. März 1807 gelang ihm hart zehrend mit einem Clou, getrickst der durchgesetzte Ruf nach Abschaffung der langwierigen und todbringenden Schifffahrten über den Ozean mit hunderten Sklaven an Bord. Pendelnd zwischen dieser siegreichen Zukunft und dem Beginn seiner vielseitigen und ernsten Story 15 Jahre zuvor führt Wilberforce andauernd seinen politischen Kampf gegen seine Gegner im House of Commons durch. Zunächst steigt er auf als beispielhaft begabter Sänger, ein erstes Aufbegehren in der Politik, ein Zwischengewinn und eine Popularität in den Kreisen der Parteien. Immer wieder kommt Wilberforce in der Zwischenzeit zum Kraftgewinn und –auftanken auf seinen alten Mentor John Newton (Albert Finney) zurück, der seinen Willen stärkt, genauso seine Freunde im Kampf gegen die politische Nebellichtung.

Humanität und Opferbereitschaft in den Reihen des Films sind kleinlich und unwichtig geworden. Heldentum stimmt für Übermenschen ein, Typus eines unangenehm verantwortungsbewussten Menschen, der in der Realität abnorm gehasst wird für seine Taten und Vermächtnisse abseits des bloßen Hinsehens. Der Held ist mit die nervtötendste Person im Weltgeschehen, weil er von der Norm abweicht und Schicksale verändern möchte. Dieser dröge Ritus verschafft ihm die Unmenschlichkeit zur Menschlichkeit, ein mitunter geahndetes Mittel, ein Kriterium zum Außenseiter. William Wilberforce hielt den Ruf eines Helden inne, ein Kämpfer in Worten und Taten. Der Kern hinter seiner Person aber ist die Verzweiflung, die unentwegte Erschöpfung, geplagt zudem von chronischer Erkrankung, die in den Jahren seiner Arbeit an ihm zerrten. Zerstört von seinem großen Ziel, eines, das selbst bis zu seinem Tod kaum erreicht ward, sind seine Freunde und Befürworter die Helden nebenan, erst sie machten die Weiterarbeit Wilberforces möglich und zu einem erfolgreichen geschichtlichen Fragment.

Auszeichnungswürdig ist „Amazing Grace“ für seinen unbedingten Willen dem Mann Wilberforce eine gerechtfertigte Würdigung zu bescheren und sich nicht um die Gunst danach zu kümmern. Dem Risiko entgegen entsteht in „Amazing Grace“ ein typisches Bio-Pic, ein machtvoller Historienfilm über einen Wirtschaftler a la Napoleon, der im Grundsatz der heutigen Verfassung namentlich unterging, obwohl nicht minder unwichtig die Geschichte prägte. Intelligent und prägnant ist Michael Apteds Werk, eine Rückerschließung zu alten Grundsätzen und Nahtpunkten, typisch britisch und loyal den Gesetzten des Films gegenüber gestellt. Exemplarisch steht eine breite Fülle an Männern des vereinigten Königreiches auf den Schotten des House of Commons, ungemein viele fröhliche Bekannte geben sich in „Amazing Grace“, ein weiteres Mal typisch britisch, die Klinke in die Hand. Ungemein charmant, mit Adrenalin im Blut Ioan Gruffudd („Fantastic Four“), vielseitig tragend, rau und schwungvoll zugleich in den Spuren als Wilberforce, ein Gewinn und eine Gunst in den Reihen seiner Nebendarsteller. Namen der Vergangenheit und Zukunft finden sich hier und dort, einige bei denen die Namensnennung allein für ausreichend qualitätsbewusste Aufarbeitung sprechen würde.

In größter Obacht entstehen die wahnsinnig und stärksten Szenerien im trockenem Bau des House of Commons, dem Unterhaus des britischen Parlaments, genau genommen der Austragungsort für allerlei verbale Hetzschlachten unter den Ehrwürdigen. Schimpfend, ins Wort fallend ist es weder Meinung, noch kraftvolle äußere Erscheinung, die Stimmkraft allein entscheidet über Sieg und Niederlage. Krächzend bekehren Ciaran Hinds und Gruffudd Genossen und Feinde, schlagen auf die Tische, treten aus, geladen und entfernt aller langweiliger Schauspielgüte trompeten sie launig herum. Stimmungsvoll unterstützend gibt die historische und ideenreiche Ausstattung ein gefühltes, plastisches, aber nie zunehmend klinisch reines Bild der alten Städtemauern wider. Regen tröpfelt ungewohnt in Strömen entlang der Dächer, kalt herab schüttend, oft im Bunde mit Wilberforce’ depressiver, verzweifelter Miene. Perfektionismus ließ den Historienfilms in prunkvoller Güte erstehen, „Amazing Grace“ schnappt altes Klientel gelungen aus den Fächern und lässt es weiters wedeln und sprühen.

Verständlich geschieht die Aufarbeitung unterhaltsam, mit Witz untersetzt und manchmal im Trugbild einer britischen Komödie von leichten Dialogen unterlegt. Bestenfalls kommt die Beschreibung einer „unterhaltsamen Geschichtsstunde“ nahe, eine, die in der Schule gefallen und zu moderaten Diskussionen angeregt hätte. Ein Faktor, das liegt vollkommen nahe, der aus dem Dickicht vieler anderer Filmexkursionen in die Vergangenheit herausspringt und zuschauerweisend seine Wirkung entfaltet. In seinem ganzen traditionellen Faktor ist Apteds Fassung mitunter dennoch so altbacken und grundlos ohne jegliche Neuerungen, dass eine besondere Spezifikation, der muntere Ausweg aus der Vergangenheit und ein modernes Gewand entfällt und auf den dreckigen, verschlissenen Boden fällt. „Amazing Grace“ besitzt Idealismus, einen Umhang von Stärke, Macht, ein Verständnis für die kraftvolle Sprache der Worte, entgegen aller körperlicher Gewalten und Zwangnaturen. Leicht unentschlossen zwischen Politiker und Mensch Wilberforce, seinem Heldentum steht in dem Kontext eines traditionellen Dienststücks das wahre Naturell eines Historienfilms auf, erklimmt bildlich herbringend Gefühl und Verstand im Herzstück seines Kalibers.

Autorin

Advertisements

3 Responses to “Kritik: Amazing Grace”


  1. 1 fernseherin Juni 29, 2007 um 10:39 am

    Schon wieder Ciaran Hinds – der Mann verfolgt mich. Ich habe mir gestern noch Clips der Jane-Eyre-Verfilmung angeschaut, in der er den Rochester spielt, bin dann gestern nacht im Fernsehen über sein Gesicht gestolpert, und hier schon wieder!

    Aber der Griffith-Junge ist sehr schnucklig, das könnte was werden mit mir und dem Film. 😉

  2. 2 Soraly Juni 29, 2007 um 10:47 am

    Vor allem ist Hinds im Original einfach göttlich, wenn er den ganzen Film über nur schreien darf 🙂 . Wobei der Gruffudd jetzt bei mir auch so seine Reize entfacht hat.

    Ich hoffe doch „Amazing Grace“ bekommt auch mal einen Deutschlandstart. Aber das hoffe ich bei sehr vielen Filmen dieses Filmfestes auch noch („Delirious“ mit Buscemi gestern gesehen – zum Brüllen komisch, ganz klasse).


  1. 1 Ausgelaufenes Revue in den letzten Säbeln des Filmfest-München « CeReality Trackback zu Juli 2, 2007 um 2:38 pm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: