Kritik: Delirious

USA 2006
Start: xx.xx.07

Delirious

Regie: Tom DiCillo
Drehbuch: Tom DiCillo
Darsteller: Steve Buscemi, Michael Pitt, Alison Lohman, Marcus Collins, Kevin Corrigan, Joe D’Onofrio, Billy Griffith, Elvis Costello, Melissa Rauch, Richard Short

8/10 Punkte

Kritik: Aufschlag, Start-Ziel-Sieg. Lehr gezogen von halbgaren Komödien-Anwärtern ist das herrliche Land des Kinos immer auf den nächsten absurden Erfolg aus, schreibt Drehbücher im Fortsetzungswahn, bezahlt Millionen für teilnehmende Megastars und erzählt die witzigen Eigenarten und Tragödien seiner Hauptdarsteller. Die Komödie ist nicht mehr, was sie einmal war, sie amüsiert nicht mehr, sie bringt keine neuen Ideen, ihr Grundgerüst zur Unterhaltung ist verfallen. Erst die Mannen Tom DiCillo und Steve Buscemi bimmeln wieder mit den Lockstoffen einer kleinen, satirischen Komödienmischung, die von mehreren Regisseuren im unlauteren Wettbewerb entweder versauert oder tyrannisch missgestaltet worden wäre. Insgeheim bleibt sie beileibe immer die inoffizielle Nachfolge des größten Filmmacherfilms aller Zeiten „Living in Oblivion“, doch „Delirious“, der Titel ist Programm, schlägt außer sich vor Paparazzizorn, kratzt gewieft und ohne falsches Mitleid an der Oberfläche der Klitzerwelt im schreienden Bass seines Schnellfotofritzen.

Der böse Bube, der Hollywood seit Jahrzehnten unsicher machen möchte und immer an roher Erfolglosigkeit scheiterte ist Les Galantine (Steve Buscemi), von Beruf meist gefürchteter Paparazzi. Er schleicht sich auf Promi-Partys, legt gefälschte All-Access-Tickets vor, klaut beliebte Geschenktaschen der Stars und besitzt im wahren Besitzertum seit Neustem einen Assistenten. Ungewohnt ist es der vormals obdachlose Toby (Michael Pitt) plötzlich eingelassen in das fotografische Momentum, wohnt, großzügig von Les eingerichtet, in seinem privaten Raum, dem Schrank. Hinter verschlossenen Toren wandert er mit Les auf der Suche nach dem nächsten offenbarenden Schnappschuss nun aus, in dem Glauben bald ein berühmter Schauspieler zu werden und trifft zufällig Sing-Sternchen K’Harma Leed (Alison Lohman). Eine Liebe entbrennt in ihm und gewährt im Einlasse, in all die fernen Türen, die Les Zeit seines Lebens immer betreten wollte.

Absurd findet sich in DiCillos eigenartiger Vermischung von Komödie und Satire eine zweiseitige Parabel über Erfolg und Niederträchtigkeit des Showbusiness, von Opfern und Tätern, den kleinen Hinterwäldern und zu Ruhm Getriebenen. Geschickt werden hier groteske Einfuhren, enthält „Delirious“ alle Schöpfbögen der Fata Morgana des prominenten Daseins, verbunden, das armselige Popmäuschen in der immerwährenden kühlen Unterwäschekombination zum Singstarkalkül auf Sendergestalten im MTV-Hitwahn gezaubert, ihr Parfüm, ihr kaum menschliches Aschenputteldasein, DiCillo verbrüht diesen Paris-Hilton-Verschnitt ordentlich in den selbstlosen Facetten seines Deliriums. Kräftig kommen die Seitenhiebe auf das fanatische Äußerliche daher, obwohl eierig vermutet ist die bloße Vernichtung der Traumwelt ein satter Punktsieg und keine kleine nochmalige Verdünnung des wirklichen Echos, auf dem „Delirious“ aufbaut und zu stecken vermag.

Deformiert, einsam, abgebrüht, die Wortspiele für Steve Buscemi lassen sich in seiner endlosen Filmkarriere noch in alle Enden variieren, in seinem miesen und miefigen Les vereint sich gar all die horrende Anziehungskraft, die der schmierigste Paparazzo in seinem Leben aufbringen könnte. Es agiert ein überschraffiertes maßloses Vieh, bestenfalls ein Comicrelief, ein sündhaft verlassener Kerl, ohne verstehende Freunde, Familie. Stillschweigend ängstlich, ein kleines Kind, öffnet Buscemi tragische Wahrheit in dem hintergangen Fotografen, der so gerne ehrwürdig sein Geld verdienen würde. Eine Heidenfreude bereitet seine verzweifelte Freundessuche, sein Spiel des akribischen Schreiens. Augenrollend auf der Leinwand prädestiniert Steve, die Rate, Buscemi, den echauffierenden Les zum Publikumsliebling, dem Fänger allen Witzes im Zusammenspiel mit den lieblichen und freundlichen Bettlerpupillen eines Michael Pitt.

Vergessen darf die Kitschdroge in „Delirious“, in einer vollwertigen Satire, nicht fehlen, nestelt der Umhang von Blüten und wunderbar herzlichen Fly-Away-Momenten immer wieder kleinlich und gnadenlos an. „Delirious“ scheffelt genügsame Ruhepausen für seine Darsteller in der merkwürdigen Freundschaftsphase, lässt in dem Wall aus schwarzer Buscemi, als neues Kunstwort durchaus annehmbar, viel Raum und Platz charakterliche Hintergründe zur Einführung zu verleiten. Ganz klar, die Abstände gen Ende für jene Schulpausen nehmen rasend zu, die Spaltung von Les und Toby dürfte zumindest für DiCillo als Erklärung genügen. Doch, es besteht weiterhin ein Wechsel zwischen knallhartem Witz und dreckiger Tragödie im unliebsamen Leben des Les. Feurig kann auf die Langzeit „Delirious“ unglaublich sprühend und liebevoll überzeugen, für DiCillo einmal mehr ein gutes Zeugnis seiner ausgefeilten Schreibertalente abseits von dumm und dümmeren Hollywoodprodukten.

Poppig und vereinnahmend in den schnellen Rhythmen der fetzigen Soundtrackanlage stößt Buscemi bis zum, ein einziger Makel, selbstverliebten und unvermutetem, wirklich die Kitsch-Anlage auspackendem Schluss, alle Hörner von sich. Leicht von Hymnen benebelt, gesprochen auf all die feinen Darsteller, Dialoge, die in „Delirious“ eine übertriebene, nicht besonders rundum neue Anstalt der Satire ablieferten, ward das sülzige Endgerüst bald im Mülleimer, arbeitete bis dato ein Feuerwerk der laut lachenden Spaßmomente in einem gewaltigen und schlauem Drehbuch.

Autorin

2 Responses to “Kritik: Delirious”


  1. 1 fernseherin Juni 30, 2007 um 1:53 pm

    Ich habe ein dickes Grinsen im Gesicht, wenn ich das lese. Kommt der auch irgendwann in D auf die Leinwände? 🙂

    Und ich nehme an, du hast Living in Oblivion mittlerweile gesehen (vielleicht habe ich das anderswo überlesen) und dich genauso kaputt gelacht wie ich? Ich sage nur: Traumsequenz. 😉

  2. 2 Soraly Juni 30, 2007 um 2:03 pm

    Die Möchtegern-Verleiher bekommen von mir eins mit der Klatsche, wenn der nicht bald auf die Leinwände springt 😉 .
    Ich könnte noch immer schreiend vor Lachen vom Sofa fallen, wenn ich an „Oblivion“ denke, der ist noch ein Stück besser als „Delirious“. Ansonsten fall ich ja eher so in die Kategorie „Unbewegliche Miene“, ganz gleich ob Komödie oder Thriller, aber für die beiden mach ich gerne eine Ausnahme.


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