Kritik: Stirb Langsam 4.0

Live Free or Die Hard
USA 2007
Start: 27.06.07

Stirb Langsam 4.0

Regie: Len Wiseman
Drehbuch: Mark Bomback
Darsteller: Bruce Willis, Timothy Olyphant, Justin Long, Maggie Q, Cliff Curtis, Jonathan Sadowski, Andrew Friedman, Kevin Smith, Yorgo Constantine

6/10 Punkte

Kritik: John McClane mag niemals, zu keinem direkten Zeitpunkt, in Mode gewesen sein, mit Feinrippunterhemd ausgestattet, dreckig im Schlamm wälzend, später die Pistolen ziehend, zwar der absolute Superheld, aber die Frauen, die ließen seine Präsenz und Arbeitsbereitschaft nicht in ungeahnte Höhen wandern. Als Kämpfer für die Weltbevölkerung ging ihm ein Licht auf, erstmals in lauten Fetzen fliegend des Jahres 1988, seine Lebens- und Leidgeschichte des untertriebenen New Yorker Cops würdigte sich in Gegenspieler Alan Rickman, später im dritten Anlauf unter Jeremy Irons. Die Jahre zogen dahin, der Ruhestand kehrte langsam ein. Ungeschlagen hantiert Bruce Willis jedoch immer noch, selbst Rollstuhl oder Krücken würden seine verquerte Sicht wohl nicht zu ändern vermögen, die Knarren gezogen, Hubschrauber von Autos einschlagend im technischen Zeitalter von Hackern und Supercomputern. Original „Live Free or Die Hard“ groß vertönend, sprintet Teil 4 der Supersaga nunmehr 19 Jahre nach dem barbarischen Bang-und-Bong-Festival erneut in die Kinosäle, um das letzte Huhn des Kinosommers zu rupfen und Brucy einmal mehr in Dreck und Blut ertrinken zu lassen.

Schwache Erinnerungen kehren bei den mutig gewählten Szenarien der Vorgänger auf, Hochhaustrakt, Flughafen, Großstadtjagd, das Ideen sprießende Ideal verzapft den Weg in der Reise um Computer, technischen Schnickschnack und den Multiorganismus, der durch einen genialen Wimpernschlag einbrechen könnte. „Fire Sale“ nennt sich der Bomberpunkt für die neuen Bösewichte, ein akkurates Nacheinander-Ausschalten von den wichtigsten Lieferanten, für den Menschen lebensnotwendig, Strom, Gas, eine nächtliche Ruhe in vollkommener Dunkelheit, ohne das elementare Handynetzwerk, Internet, Spaß und Sperenzien fallen in den Schlund gemeiner Wichte. Ein Mann kommt in dem totalen Chaos, einer massentauglichen Apokalypse, gerade richtig geflogen aus der Mulde seiner unwillkommenen Rente, John McClane (Bruce Willis) im vollen Leibanzug. Spät in der Nacht wird er noch flink abkommandiert um den Hacker Matt Farrell (Justin Long) an die Regierung auszuliefern, ein kleiner Nebenausflug, der sich schnell von normaler Routine zu einem radikalen Tötungstrip wandelt, in seinen bahnbrechenden Minuten sogar McClanes Tochter Lucy (Mary Elizabeth Winstead) zum Ziel nehmend.

Sag niemals nie, posaunt Bruce Willis mit stolz geschwellter, schweißnasser und von blutigen Wunden übersäter Brust in dem vierten Erguss der langsamen und kaum für seine Gegenspieler erträglichen Mordreihe, basierend heutzutage ungewohnt auf dem Artikeldrehbuch „A Farewell to Arms“ („Abschiedsgruß an die Waffen“) von John Carlin. Fremd und neumodisch wirbt jene Grundidee für das grundsolide altertümliche „Stirb Langsam“-Mysterium bereits in den Anfangsschuhen auf die zu erwartende Modernisierung der alten Action-Pantoffel, deutet in klaren und feinen Strukturen auf Gemetzel und Schusskraft in hinlänglicher Perfektion. In den Prangen des Technikgefriemels eifert ein ungemein geladenes Weltuntergangsszenario, steuert geradewegs auf einen nahe liegenden Ballungsraum zu. Die Apokalypse schlägt ein, wuchtig, übertrieben, bescheuert, jedoch ohne vergleichbare Werke, die ähnlich viel Testosteron und Adrenalin ausgestoßen hätten. Kopflos ist Len Wisemans Actionfurunkel in allen Ecken und Kanten, auf aberwitzige und selten in diesem Masse gesehene spannende Weise. Einbrechende Brücken, Kampfjets, fliegende Kraftfahrzeuge, Willis baumelnd an allerlei Geräteteilen, „Stirb Langsam 4.0“ offeriert Chaos und ungemeine Zerstörungswut in gut gemeinter Unterhaltungsphilosophie.

Verschollen reagieren altbackene Zusammenwürfe mit den neuartigen und hypermodernen Gerätschaften, Bruce Willis leicht verwirrt und bleibend der alte Kalauer, der sein Verfallsdatum längst überschritten hat. Spartanisch auf der einen, überladen auf der anderen Dunstwolke mischte Wiseman zwei Teile, zwei Legenden ineinander, nicht immer akkurat, nicht immer passend, nicht immer die Abwechslung stiftend, die vorgesehen war. Knarren bilden den Übergang zu schwerwiegenden Gerätschaften, Winzräume gehen in Straßenkämpfe über, Brände, Feuer überall, Vernichtung türmt sich auf. Der Untergang des Abendlandes wedelt in düsterer Atmosphäre durch die gemeinsamen Hallen der New Yorker Stadtteile und schlägt mit schwarzen Fäusten in den Magen des Unholdes. Parallelen aus den Vorgänger-Schinken finden ihren kleinen Zwischenweg durch die eingenommene technische Festung, prickelnd und den Mut beschwörend, dass es möglich wäre den Computerkram tragbar fallen zu lassen und möglichst nicht an dessen Schwachsinnigkeit und die unfähige Präsentation des bösen Buben denken zu müssen.

Konzeptlos barrikadiert Timothy Olyphant äußerst anbiedernd die fetzigen Flotten des Gangsterflagschiffs in seine kalt, kältere Mimik. Bösewichte, „Stirb Langsam“ ging großzügig den ersten Schritt dieses Aufbegehrens, erschuf genialistische, sarkastische Hintermänner, müssen vor Sympathie sprießen, sich zu Publikumslieblingen etablieren, finster blicken und in ihrer Gemeinheit dem wahren Gutmensch die Schau stehlen. Qualitativ ist die Erwartung auf einen zweiten Alan Rickman oder, bei Gott, eine Jeremy-Irons-Mischung nicht notwendig, allerdings wenigstens der kleine Hoffnungsschimmer oder ein Geschmack auf mehr hätten Olyphant eine mittelmäßige Thronfolge beschert. Ein Poker-Face schlechten Glaubens blickt über die sprechenden Banden der Ahnung, seine Augen in purer Gleichgültigkeit im Gleichnis mit seinen Armen verschränkt, karge einfältige und billige Monologe des doch eigentlich angedeuteten superschlauen Thomas Gabriel. Letztendlich fehlt noch der restliche Ausfallschritt in eine von Grausamkeiten getränkte Performance, stattdessen bleibt er blasser und biederer als sein mondäner weiblicher Seitenhieb Maggi Q, die mit losgelöster Eleganz schlagkräftig die Guten vermöbelt, gar dazu keine Technik nötig hat.

In seinem vollkommenen Blödsinnigkeit, eine fortwährende Tradition der überdrehten und natürlich, so sollte es beileibe auch sein, „Stirb Langsam“-Reihe, geht der Größenwahn wieder auf das altgediegene Mittel der Neuzeit die Computer sprechen zu lassen. Mit schnellen Tastenwechseln, fixen Hackerkniffen, eingeschneiten Benutzeroberflächen, packt Wiseman eine nervtötend langweilige Abfolge auf den Monitor, die gefühlte dreitausend Mal zuvor schon in gleicher Drögheit gesehen ward. John McClane kann mit dem Stoff keinen Deut anfangen, das Publikum ebenfalls nicht. Willis natürlich, ein weiteres Klischee der langsamen Implosion, ist in seiner nicht besonders fordernden Allzweckrolle graziös zum vierten Marsch gut wie eh und je, kann kämpfen, rollen, wenden, schießen, zwar älter und leicht gebrechlicher, aber am Ende darf er ruhig blutend zusammenbrechen, wie Helden das so machen. Anti-Heldenstatik setzt sich in manifestierter Rolle bei Knirps und Co-Kämpfer Justin Long fort und fest, solide, kooperierend, ohne nervende Hintertöne, aber die Hackerrolle, das Genie, mag auf seinem Körper nicht Platz tragen oder den Fuß richtig anpacken.

Im gelinden Anfassen mach sich das Spaßwerk „Stirb Langsam 4.0“ sowieso in gesunden One-Linern breit, mistet extra geschlossen die Mottenkiste in der Bumm-Balla-Balla-Rolle aus, schmeißt Kumpane Rambo aus dem Sack und furzt gelassen auf Realismus und herrlich würzig gebratenes Action-Filet. Leicht blutig kommt es noch in seinen technischen Stelzen und krudem Fiesling daher, genügend im Sommer der enttäuschten Fortsetzungen reicht es durchaus zum Unterhaltungsbrei für kurze Stunden mit McClane.

Autorin

12 Responses to “Kritik: Stirb Langsam 4.0”


  1. 1 Twig Juli 3, 2007 um 6:51 pm

    Der Film ist ja mal verdammt cool.

    Habe dann doch erwartet, dass er schlechter wird.

    Die bezaubernde Maggie Q, coole Sprüche und bombastische Action. Was will man(n) mehr?

    Bruce Willis rockt die Leinwand.

  2. 2 Soraly Juli 3, 2007 um 7:49 pm

    Tja, Frau wollte mehr Mann aber weniger Technik, weil sie auch so viel zu viel Technik ertragen muss. Und für Brucy hätte sie allgemein noch mehr Augen offen gehabt 😉 .

  3. 3 Dr. T. Le Vision Juli 3, 2007 um 8:37 pm

    Da darf man auch nicht so streng sein, finde ich. 😉 Die Hauptelemente für gute Action und einen anständigen Helden sind ja da. Richtig spannend war es auch, als der Film schon zu Ende war, kam es mir vor, als hätte ich mich gerade hingesetzt. Aber deine Kritikpunkte sind schon richtig: Das Setting war jetzt nicht soo spektakulär und der Bösewicht war ziemlich mau. Macht aber nix: Ich werd ihn mir demnächst noch ein zweites Mal ansehen… 🙂

  4. 4 Twig Juli 3, 2007 um 8:40 pm

    @ Dr. T. Le Vision:

    Da hast du Recht. Die Kritik ist angebracht, aber wie gesagt: Was will man(n) mehr?

  5. 5 Soraly Juli 3, 2007 um 8:44 pm

    Frau wollte auf jeden Fall den Rickman noch mal haben. Aber den könnte sie sich ja jetzt auch gleich reinknallen 😉 . Mit seinem schönen Deutsch, das waren noch Bösewichte.

  6. 6 Twig Juli 3, 2007 um 8:49 pm

    Tja, Frau kann auch nicht alles haben. Dafür hatte Sie den verdammt coolen Bruce.

  7. 7 Soraly Juli 3, 2007 um 8:54 pm

    … und den Mickerknirps Justin Long 😉 . Ach, das Duo Rickman-Willis bleibt immer Nummer 1. Teil 4 bekam auch nur 6 Punkte, da der Dritte bei mir auf 7-8 hängen bleibt und den coolen Irons bot.

  8. 8 Dr. T. Le Vision Juli 3, 2007 um 9:00 pm

    Frau hätte aber auch zu Jeremy Irons nicht nein gesagt… Bruce ist aber noch immer der Hauptgrund. 🙂

  9. 9 Twig Juli 3, 2007 um 9:09 pm

    Tja, ich bin mit Maggie Q voll zufrieden.

  10. 10 Soraly Juli 4, 2007 um 12:36 pm

    Ach, geh weg Mann 😉 .
    Wir wollen doch alle Irons oder Rickman zurück. Wer war eigentlich der Bösewicht in dem faden zweiten Teil? Letztens erst gesehen und gleich wieder vergessen. Beim Olyphant war die Leistung so nichtssagend, dass der eher hängen bleibt.

  11. 11 jamiz Juli 20, 2007 um 3:46 pm

    Du verkennst leider, in welchem Genre der Film spielt. Sicher: es mag auch intelligentere Action-Streifen geben. Doch Strib Langsam ist seit je her eine Reihe, die einen ganz bestimmten Typ Zuschauer bedient. Gemessen an dem, was ich von dem Film erwartet habe, hat er meine Ansprüche voll erfüllt:
    Es ist ein kurzweiliger Streifen, mit netten Action-Einlagen und einer aktzeptablen Handlung. Sicherlich kann man den Charakteren mangelnde tiefe ankreiden. Aber in meinen Augen sind die Profile der Hauptdarsteller für das Genre absolut ausreichend.

  12. 12 Soraly Juli 20, 2007 um 4:16 pm

    Der erste Teil der „Stirb Langsam“-Reihe allerdings funktionierte ganz und gar hervorragend, und auch wenn die Messung von 4 zu 1 nicht stattfinden sollte, ja, eigentlich nicht glatt gehen kann, dieser Vergleich kommt auf.

    Übertrieben sind sie beide, doch die Machenschaften in der Moderne, auch der weitläufige Komplex gefielen mir persönlich wenig, das Kammerspielartige, auch in den Fortsetzungen 2 und 3 schon verloren, bleibt ein Klassiker. Dementsprechend kommt „Stirb Langsam 4.0“ altmodisch, dennoch, und für mich ein klares Minus, in der Computerära angekommen daher.

    Und mein Lieblings-Actionfilm bleibt „Stirb Langsam 1“, der durchaus intelligent das Tanktop zeigte.


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