Kritik: Black Snake Moan

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USA 2006
Start: 05.07.07

Black Snake Moan

Regie: Craig Brewer
Drehbuch: Craig Brewer
Darsteller: Samuel L. Jackson, Christina Ricci, Justin Timberlake, S. Epatha Merkerson, John Cothran Jr., David Banner, Adriane Lenox, Kim Richards

5/10 Punkte

Kritik: Eine raue, prüde Fährte bläht sich in den abgeschlagenen Wüstensand, ein gesungenes Orchester auf den düsteren harten Blues, den wilden Stilismus von Schlaghammer und Peitsche. Knallend schlagen Stahlriemen in das blutjunge Fleisch der Nymphomanin Rae (Christina Ricci), zerren an ihrem Körper, fest angekettet an der einzigen Wärmequelle, einer Heizung in Lazarus’ (Samuel L. Jackson) abgelegenem Haus. Die Pflanzen der Moderne sprechen an diesem verlassenen Ort nicht, es sind die Ohren der Musik und die Töne Gottes, die leiten und der Lebensgeschichte einen Sinn zu geben vermögen. Klein-Tennessee lebt in der Vergangenheit, lebt in Farm und freier Natur. Unverwunderlich prallen in Rae und Lazarus zwei grundverschiedene Welten aufeinander, einmal der rasselnd von seiner Frau verlassen und betrogene Bauer, im Gegenzug die verwundbare Sexsklavin, die rüde in Fieberträumen ihrer Vergangenheit begegnet. Sie stecken in der „Black Snake Moan“, schwarz, dunkel, hart andeutend im Rhythmus herzhafter Bluesgesänge und bösen Farmern draußen in der Prärie, sie stecken fest in Romanze und triebhafter Religion.

Halbnackt, im bloßen Leibchen von verkommener Unterwäsche räkelt und quiekt Rae im stoischen White-Trash-Marsch daher, wird aus dem Auto geschmissen, verprügelt und zerbeult auf dem kalten Asphalt liegend. Ihr verzweifelter Ruf, ihren zum Militär geschickten Freund Ronnie (Justin Timberlake) kurz zu vergessen, geht in Dummheit und Schmerz über. Der Retter, dem Zweifel zum trotz nicht der weiße, strahlende Held, der sie aus der Misere befreit, kommt ungewohnt und begegnet ihr mit der einzig richtigen Maßnahme. Stark eine Eisenkette um die Hüften legend ist sie befreit von ihren Peinigern, dennoch eingesperrt in seinem Haus. Täuschend verzerrt „Hustle & Flow“-Regisseur Craig Brewer die Exploitation in der ersten Schweinwand, den loslösenden überraschenden Tarantino-Voyeurismus, der geballt und tragend in Poster und Schriftzug einfällt, der harten Mischung aus rot und gelb, der hämmernden Hintergrundmelodie von Gitarren und Trommeln strotzend. Beeindruckend innovativ, unkonventionell, schließt sich die erste nahende Hand um „Black Snake Moan“, bestens präsentierend den Edeltrash Marke Kettengerüst.

Gewunden in dem kuriosen Wechselbad ernsthaft vermarkteter Handlung, den schwierigen und angsteinflößenden Stimmungen aller Protagonisten, stehen die obskuren Verfahren von Lazarus, die Begegnung mit viel Western-Charme in einem offerierten Exorzismus trüglicher Sexspiele. Übertrieben albern stellt „Black Snake Moan“ sich dem Titel als Geschichtenvetter entgegen, atmosphärisch dicht, einen guten Reiz zur Unterhaltung abgebend, in seiner Gabe als Werkzeug zum Witz kaum verfänglich. Spielend mit dem Publikum benötigt eigens Samuel L. Jackson nur mit der Zunge zu schnalzen, Christina Ricci einen kleinen Hüftwackler, genügend an allen Stellen auffindbar, aus ihrem Körper zu schütteln, um schnelle Begeisterung walten zu lassen. Brewer lenkt sie direkt zum Zuschauer, blickt tief in deren Seeleninnenleben und macht in seiner Zeichnung das wahre Talent seiner selbst erkenntlich, ein beachtliches Casting beider Hauptprotagonisten. Ihre Beziehung zueinander, das erzwungene Band von Zuneigung und überrollender Abscheu blickt über typische Stereotypen hinaus, ihre unbeschwerte gemeinsame Symbiose der Freundschaft schlägt entgegen aller Ketten mit voller Wucht ein.

Pulverisierend klingen die Gitarren, die elektronischen und altgediegenen, in den kraftvollen Händen Jacksons, sie stimmen randvoll und stark für das mächtigste Instrument in „Black Snake Moan“ ein. Es vibriert und knarrt rund um Lazarus verquertes Leben, sein Haus, seine Persönlichkeit, sie sind der Blues, sie sind altes Werkzeug und letzte Rettung. Rae wird gezwungen die Ansichten des Farmers zu übernehmen, sie stemmt und stemmt sich dagegen, kann dem machtvollen Sog nicht entgegen, so besitzt der Zuschauer ebenfalls nicht die satten Fuhren all die Melodie unter den Teppich zu kehren, will die Töne nicht missen. Abseits des Wegesrandes treibt dennoch ein verweichlichtes Bübchen umher, und sucht nach seiner Pirsch nach einem Weg seine eigene Gewalttätigkeit allen Tatsachen ungeachtet an den Mann zu bringen. Justin Timberlake schlägt wild um sich, offenbart eine wichtige Tatsache am Rande: Schauspielschule ist nicht gleich Sängerstunden. Geschickt zum Militär ist seine Glanzstunde danach abgelaufen und ein Trauerspiel für Christina Riccis perfekte Nacktperformance, die in sich verkeilt keine Ruhe finden kann, unter Timberlake dem Zusammenbruch nahe ist.

Eine Schrittlänge zu weit sprintet Brewer voran in die psychotischen Welten seiner Protagonisten, drückt seinen Schwamm heißer und unerbittlicher Säure aus, verschwindet aus der Exploitation hinein in pures Drama. Lobenswert, seinem Werk die Ernsthaftigkeit auf die Säbel zu kratzen, lobenswert, wäre es abseits der vorangehenden zündenden Stahlkraft, die sich jedweder Grundsatzdiskussionen entbehrt. Seine Suche nach einem Ende, es vermag in „Black Snake Moan“ nur ein gutes zu geben, endet in einer schmalzigen Passage mit allen Fehler, die in dieser Art von Wendung geschehen könnten und in seinen Händen gänzlich ausgetragen werden. „Black Snake Moan“ wälzt zunehmend in der biblischen Tragödienmorgana, stellt letztes Abendmahl und allerlei weiteres Gottesgedöns zunehmend blamabel und langweilig dar. In seiner Nervtönigkeit fehlen gelinde gesagt nur die Tierkreise um Noah, um dem Blues seine großräumige bunte Spielwelt zu nehmen und im Predigen die Aussage dahinter vergessen zu lassen.

Den Südstaatengeruch noch in der Nase bleibt ein zweifelhafter Nachgeschmack, ein teilweise aberwitziger Heißgenuss von Trash und Exploitation, von Tarantino, der zugedeckt und erstickt wird von lieblichen, gefühlvollen, ganz und gar unpassenden, Herzlichkeiten. Feurig brennt der Blues zweifelsohne in den Ohren, eine Hitze und Härte ausstrahlend, die gerne nachhallt, „Black Snake Moan“ aber noch einen kleinen Funken mehr zur Vergessenheit antreibt, lieber den Soundtrack, als die gesamte Mischung zwingt, aus dem Staub ans Licht zu wandern.

Autorin

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