Clint Eastwood – Müde dem Spiel

Das Tier im Manne ruht. Zumindest muss man bei Ikone Clint Eastwood in kürzerer Vergangenheit vermehrt an das schon von Sean Connery eingenommene Altersquartier denken. Sein kauerndes Wolfsgesicht, der stoppelige Dreitagebart, ausgefranste Hemdsärmel und lässig die angekaute Zigarette im Mund wippend, der Vorzeigeschwiegersohn war perfekt. Einzig die damals hervorstechenden Furchen und verkniffenen Lippen besitzt der mittlerweile magische 77jährige noch, und eine ganz Hand voll Dollar mehr. Während Jack Nicholson dem Haarausfall keinen Blick schenken mochte und lieber gleich zur freien Matte griff, wechselte Eastwood ins Charakterfach, zu den Künstlern der Sippe, denen die Titel Erfolg und Publikumsliebling unlängst egal geworden waren. Eastwood ist jener Kerl, der eigentlich keinen Deut auf die lebendige Außenwelt gibt, dennoch auf all den wichtigen Veranstaltungen, berühmt für Entbehrlichkeit, auftaucht, mit einem Blitzen in den Augen, und Filmen im Gepäck, die andere Altmeister blass aussehen lassen.

Clint Eastwood

Das nebenher die europäische Creme de la Creme immer mehr dem Zeitraffer zum Opfer fällt, mit Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni geradewegs Revolutionäre dahinschieden, tangiert die Vereinigung der „New Hollywood“-Welle augenscheinlich wenig. In Wahrheit ist der Verlust ein wahrscheinlich größerer, als heute noch der Verstand zulässt. Besonders Bergman, Verfechter menschlicher Destruktivitäten, der Graus aus Psyche und Leben kalt, aber dennoch menschlich umzusetzen vermochte, ist ein fehlendes Grundgerüst des modernen Kinos, dass er einst noch genial mitgestaltete. „New Hollywood“ erpichte sich während seines Höhepunkts in den 70er Jahren in den Fängern berühmter Namen, Francis Ford Coppola, William Friedkin, Martin Scorsese, Milos Forman, Robert Altman. Letzterer bereits tief schlummernd, ist beileibe aus der erfolgsverwöhnten Reihe nicht allzu viel Leben mehr übrig, um althergebrachtes Geschunkel neu in die Hälse der Zuschauer zu strecken. Friedkin lange nicht mehr auf der Höhe, Forman verkannt, Coppola zurückgezogen, wenn auch alle Jahre wieder mit einem Film am Start (zuletzt „Der Regenmacher“ 97, kommend Ende des Jahres „Youth Without Youth“), Scorsese einer der wenigen lebendigen Arbeitstiere.

In all die Schienen konnte Clint Eastwood dagegen kaum fallen. Als Schauspieler der so genannten Spaghetti-Western wusste Sergio Leone wohl von der kauzigen Art Eastwoods, genug um die Rolle des knarrenschwingenden Knochens mehrere Male an ihn abzutreten. So hießen die Scheine für die große Bühne dann schließlich auch „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) und „Zwei glorreiche Halunken“ (1966), engstirnig, verbissen, kratzbürstig, im Nachhinein: typisch Eastwood. Seine Menagerie von teuflischen Jungs kam in seiner Nach-Western-Spätphase noch einmal zu tragen, im ausgezeichneten „Erbarmungslos“, davor jedoch, eine Sternstunde des John-McClane-Vorgängers „Dirty Harry“, Harry Callahan, und Eastwood, zwar in der Prärie stecken geblieben, nahm sich knorrig des Großstatttenors an. Er blieb der Stange treu, bis die letzten Staubkörner seine alte zerfressene Weste endgültig den Hunden zum Fraß vorwarfen. Besiegelt 1997 mit der stoischen Kriminalschöpfung „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“ aber war Eastwoods langer Leidensweg auf Ground Zero getrimmt, der Vorwurf des vorbeiziehenden Alters wuchs, Kassenflops die Folge.

Ob die Rentnerreise „Space Cowboys“ den letzten Hauch seiner Schaffenskrise enthüllte? Mitnichten, er verstand sein eigenes Manko der Vorgängerwerke und lieferte leicht anspruchsvolle Kost, parodistisch auf die alten Männer getrimmt (Tommy Lee Jones, James Garner und Donald Sutherland spielten auf Selbstunterhaltung) und … kehrte wieder in sein beliebtes Alt-Krimi-Milieu. „Blood Work“, simpel, „Mystic River“, empfindlich, altmodisch, stringent. Plötzlich der Oscar. Plötzlich der letzte Streifen des charismatischen Meisterschützen. Sein offenkundiger Rücktritt vom Schauspielfach ist nur das letzte Vehikel die Grenzen von Eastwoods Können ein Denkmal zu setzten. „Million Dollar Baby“, ein Abschluss mit Folgen, mit guten. Clint Eastwood macht das endgültig Beste zum Aussichtspunkt auf eine Reise voller Löcher, gestopft mit kantigem Lächeln und einer Prise John Wayne. In einer Villa mit Paul Newman und Sean Connery.

„Well, I was in retirement, I came out of it to do Million Dollar Baby. I don’t think I can go out better, do you?”

Letzter Schlag des unbarmherzigen Kauzen.

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2 Responses to “Clint Eastwood – Müde dem Spiel”


  1. 1 Dr. T. Le Vision Juli 31, 2007 um 8:18 pm

    Ach, Clint Eastwood… Eine der ganz coolen Säue. 🙂 Deinen Text finde ich toll, aber ich hatte kurzzeitig Angst, dass womöglich auch Clint Eastwood gestorben sei… Bloß nicht!

  2. 2 Soraly Juli 31, 2007 um 8:26 pm

    Die Angst hab ich jetzt jeden Tag, wobei die durchschnittliche Halbwertszeit bei ihm ja noch nicht eingetroffen ist (Bergman war ja schließlich auch schon 89) 😉 . Und Clint hat noch ne ganze Palette an verfilmbaren Stoffen. Und noch keinen Ehrenoscar. Weil die Leute in letzter Zeit immer nach diesem sterben (huh, die Academy hat Prophezeiungen in ihrem Keller liegen – Freiflug, Voldemort).


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