Das Model und der Nicholson

In einer kurzen Zwischenschaltung auf die neue Prosieben-„Erfolgsshow“ des makaberen Grauens, der genauso in Tim-Burton-Filmen, nur prachtvoller und mit Charme und Aufrichtigkeit daherkommen könnte, werden angebliche Freaks, allein diese Begrifflichkeit lässt schlucken, zu wahren Womanizern modelliert. Tatsächlich ist jenes Format (würdig betitelt: „Das Model und der Freak“) eine weitere abtrünnige Zurschaustellung andersartiger Individuen, die nicht der Norm entsprechen. Welch Teufel nimmt den Männern die Entscheidung ab, in dieser Sendung mitzuwirken? Stellt Prosieben etwa gar so viel Bezahlung bereit, dass es sich lohnen würde? Ist die Gesellschaft von den beiden Schnapsdrosseln, die das ganze Unterfangen „moderieren“ oder „leiten“, tatsächlich die Scham (denn etwas anderes ist es nun mal nicht) wert, einer breiten Zuschauerzahl im Fernsehen Unterhaltung zu spendieren?

Weiters sind die immer jeweils zwei Kandidaten von ihrer eigenen Abnormalität überzeugt, was natürlich kein Wunder ist, bei derart gewaltigen Grundängsten. Die Sorge, und das ist das wiederkehrende Motto der Show, keine Frau jemals abzubekommen ist größer als der Verlust der eigenen Persönlichkeit. Ein Mann, der in der heutigen Zeit keine Frau an sich hält, ist laut „Das Model und der Freak“ entweder homosexuell oder verrückt. Beides ist jedoch auch möglich. Wiederholt ist ein und dasselbe Schema in jedweder Sendung anzutreffen, die kurze obskure Videobotschaft, das Treffen mit den Models, der Eindruck herbeigeholter Frauen, diverse Schauläufe, Sprünge vom 10-Meter-Brett, Besuche im Fitnessstudio, zuletzt der interessanteste Punkt: die äußerliche Veränderung. Bei dieser bleibt es beileibe auch. Der so genannte Wandel findet in Form leicht abgespülter Unsicherheit und dem aufgezogenen Geltoupet statt.

Den Höhepunkt bot das gestrige Spektakel aber in einer filmischen Referenz. Der als knuddeliger Teddybär bezifferte Mathematikstudent (Sorte Bauer mit Mähdrescherfrisur) lebt auch in der Realität in Zahlen und Strukturen. Nun hält er ebenfalls den Gehweg für eine Form der Hölle, in der seine tapsigen Füße auch ja nicht direkt auf den Steinplatten landen dürfen, sondern gewollt auf den Zwischenräumen balancieren. Schlau und kulturell gebildet wie die Models sind, erkannten sie sofort den Zusammenhang mit Jack Nicholsons Verhalten als Melvin Udall in „Besser geht’s nicht“. Intellektuell mag das für die Zielgruppe der RTL-Liebhaber durchaus genügen, jene die den Film weder gesehen haben, noch jemals sehen werden. In Wahrheit ist Nicholsons Persönlichkeit der des Bauernsohnes aber direkt entgegengesetzt und für eine Psychoanalyse folgend untauglich.

Der Typus Nicholson wandert auf den Platten, nicht Rillen, seine Monologe triefen vor Sarkasmus, nicht stupider Zugeknöpftheit, sein Auftreten stinkt vor Arroganz, nicht altertümlicher Trostlosigkeit. Am Ende des Liedes ist Nicholson für seine Außenwelt kein Stück menschlicher oder zutraulicher geworden, vielleicht ein wenig zahmer den paar wertvollen Menschen in seiner Umgebung gegenüber, die seinem zynischen Gebrabbel mit ähnlichen Kommentaren entgegen kommen. Herr Freak aber bleibt Freak mit moderner Mainstream-Locke und dem Gefühl plötzlich ein neuer Mensch zu sein. „Das Model und der Freak“ ist für die Illusion und den Zuschauer ein ganz nettes Unterhaltungsprogramm für den Augenblick zwischen Bettgeh- und Schlafphase, in der im Grunde die Gehirnaktivitäten schon soweit abgeschaltet sind, dass im Skurrilitätenkabinett die Schafe ruhig über Zäune springen können. 10 Sekunden später ist man allemal eingeschlafen. Die Pille für jede Schlafstörung.

10 Responses to “Das Model und der Nicholson”


  1. 1 Dr. T. Le Vision August 10, 2007 um 6:55 pm

    Ich wurde gestern genötigt, mir etwas von DMudF anzusehen, bisher sträubte ich mich erfolgreich dagegen, weil ich schon ahnte, dass das übel ist. Aber die Szene mit den Gehwegrillen habe ich auch gesehen und genauso gedacht: Nö, bei Melvin war’s genau anders herum. Die beiden Hohlbratzen würde ich als „Freak“ keine 2 Sekunden aushalten. Und woher nehmen sich dahergelaufene Ischen das Recht, die Freaks zu „bewerten“? Typisch fand ich auch, dass dem Freak, der dem weiblichen Urteil widersprach, quasi Geisteskrankheit vorgeworfen wurde…. Unglaublich. Und irgendwie fast schon gefährlich, solche Sendungen.

  2. 2 Soraly August 10, 2007 um 7:20 pm

    Meine Fußnägel wölbten sich schon beim „Gesang“ von diesem einen Gamaschenträger gefährlich.

    Welch „erwachsener“ Mann (ganz Unrecht hatte eine der Kritikerinnen mit „pubertierendes Kind“, auch wenn es für den Anderen gedacht hatte, nicht) bitteschön holt eigentlich seine Magic-Karten hervor, um die Mädels zu beeindrucken?

  3. 3 Dr. T. Le Vision August 10, 2007 um 8:11 pm

    Aber es gibt bestimmt auch Mädels, die Magic-Karten nun einmal beeindrucken! Das ist doch sein gutes Recht. Okay, der Gesang war schräg, aber Briefmarkensammeln ist auch schräg und trotzdem ein anerkanntes Hobby.

  4. 4 Soraly August 10, 2007 um 8:18 pm

    (Kennst du welche?😉 )

    Diese bloße Zurschaustellung war einfach schrecklich und wie man sieht auch wirklich gefährlich. Sendungen mit diesem Konzept versetzen den Zuschauer unwiderruflich in die Lage, durch ihre „gut“ begründeten Aussagen, dem Gefasel zuzustimmen.

  5. 5 fernseherin August 11, 2007 um 3:37 pm

    Ich muss mir das auch mal ansehen, habe bisher nur einmal durchgezappt.

    Aber mal ne Frage: Langhaarige Rockfans, Rollenspieler und Computergeeks gelten heute noch als Freaks?

  6. 6 Soraly August 11, 2007 um 3:42 pm

    Scheint so. Ich fürchte, wenn sie dieses Konzept auf Frauen ausweiten würden, wäre ich hundertprozentig ebenfalls dabei. Computer-Fachtante, Filmnerd, und die Musik erst. Wer hört schon „Sigur Ros“, „Sufjan Stevens“ und „Bright Eyes“😉 .

  7. 7 fernseherin August 11, 2007 um 3:51 pm

    Hier gibt es übrigens eine ausführliche Beschreibung der Folge mit dem Kartenspieler.

  8. 8 fernseherin August 11, 2007 um 3:54 pm

    Bin ich jetzt schon zu blöd, um einen Link einzufügen? Meine Güte. Ich sollte nachts nicht so lange Filmquizzen.

  9. 9 Soraly August 11, 2007 um 3:57 pm

    Frau Soraly macht das schon, wenn’s mal wieder schiefgeht😉 .


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