Der Quotient aus Alt, Neu und Ausgeliehen

Das Literatur guten Stoff für Filme hergibt ist schon lange kein Geheimnis mehr. Mit der neusten Strategie der Studios allerdings, bisher nicht nur unveröffentlichte, sondern noch kaum fertig gestellte Werke an die Strippe zu ziehen, war unmöglich zu rechnen. Würde es sich um erfahrene Autoren, gute alte Schätze handeln, die mit jeder Veröffentlichung einen Kinofilm schon mit an Land zogen, wäre jenem Prinzip bei weitem nichts vorzuwerfen. Im Falle des Schriftstellers Jordan Cronin, der unter dem Pseudonym Jordan Ainsley den ersten Teil seiner Fantasy-Trilogie „The Passage“, ein futuristischen Märchen über die Insassen eines Todestraktes, die mittels eines Virus der Regierung in Vampire verwandelt werden, momentan schreibt, handelt es sich jedoch um einen Erstlingsautor, der einzig Verfasser einer Kurzgeschichtensammlung ist. Das Manuskript umfasst bislang 397 Seiten, vermutlich die Hälfte der endgültigen Fassung, und wurde laut der „New York Times“ geradezu unter dem horrenden Preis von 1,75 Millionen Dollar an den Verleiher „Fox“ versteigert.

Der Grund ist simpel: die Erfolgsmaschinerie der Fantasiefabeln muss bis ins letzte Detail nach dem Ende der „Herr der Ringe“-Trilogie und kommend der „Harry Potter“-Reihe weitergehen. Demnächst stehen bereits „Der Sternwanderer“ prominent mit Michelle Pfeiffer und Robert de Niro besetzt und Philip Pullmans „Der goldene Kompass“ in den Startlöchern, um den unglaublichen imaginären Welten eine weitere faszinierte Facette abzuringen. Der Gedanke, dass plötzlich ein gewaltiger Schicksalsschlag einen Zuschauereinbruch zur Folge haben könnte, scheint den Filmstudios dabei nicht zu kommen. Nach dem Motto „Was einmal läuft, läuft immer“ wird weiter eingekauft, produziert und vermarktet. Die Wiederauferstehungen längst verschollener Genres im Nirwana des sonstigen Einheitsbreis halten dabei selten, was ein großer Erfolg versprechen könnte. Unvermutet kommt die Erinnerung an Curtis Hansons Film-Noir-Thriller „L.A. Confidential“, keine Nachahmer, der bis in alle Zeit tote Western, der auch mit Kevin Costners „Open Range“ im Sarg verblieb, keine Nachahmer (außer man mag James Mangolds kommenden „3:10 to Yuma“ hinzu addieren), zu guter letzt der hocherfolgreiche Piratenfilm „Fluch der Karibik“, keine Nachahmer.

Welche Besonderheit liegt in der Fantasy? Welche Anziehungskraft verströmt dieses Genre? Können immerzu neu erscheinende Welten, die trotz allem eine alte Aura verströmen, noch ein großes Publikum anlocken? Jeder Boom hat irgendwann ein Ende, an dem der Zuschauer ausgelaugt ist und nach andersartigen Werken dürstet. Sollte in Zukunft ein Abschluss die Tore schließen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Köpfe der betroffenen Studios rollen und fliegend in Tim Burtons „Sweeney Todd“ freudig von Johnny Depp aufgefangen werden.

4 Responses to “Der Quotient aus Alt, Neu und Ausgeliehen”


  1. 1 fernseherin August 12, 2007 um 5:14 pm

    Ich glaube nicht, dass das so schnell ein Ende nehmen wird. Einfach deshalb, weil erst seit kurzem überhaupt einigermaßen glaubhafte Fantasyfilme möglich sind und es einen großen Markt gibt. Die Faszination zu beschreiben, ist wohl schwer, wenn man nicht schon früh einen Draht dazu bekommen hat.
    Wie soll man das erklären? In meinen Augen ist Fantasy eine Weiterentwicklung des „Go West“-Mythos, der ja auch für Star Trek verantwortlich war (die „final frontier“ verlagert sich hier nur in imaginäre Dimensionen). Das alles vermischt mit dem Drama des Erwachsenwerdens und einer Portion Entdeckerlust und Naturromantik, sicher auch Zivilisationsverdrossenheit.

    Ich gebe zu, dass ich die Entwicklung eigentlich (bedingt) begrüße. Vorausgesetzt, es wird auch auf filmische Qualität geachtet. Da bin ich dann aber ähnlich pessimistisch wie du. Wenn ich mir einen Großteil dessen anschaue, was in dem Bereich verlegt wird, und Kommentare in Internetforen lese, wie viele Teenager „Eragon“ für das Beste seit Erfindung der Höhlenmalerei halten … oje.😉

  2. 2 Soraly August 12, 2007 um 6:14 pm

    Das problematische und auch bedenkliche bleibt aus meiner Sicht die bisherige Unveröffentlichung der Stoffe. Es mag sein, dass der Fantasy-Markt viel Beliebtheit zur Zeit erfährt, daran sei auch gar nichts einzuwenden, schließlich würden solche Werke wie „Herr der Ringe“ sonst filmisch kaum existieren, aber nunmehr besitzen die Studios noch nicht einmal mehr die Eindrücke der Leser. Sie setzen auf Zugpferde, bei denen der Roman noch in der Mache ist. Sie haben keine Ahnung, ob genügend Begeisterung für eine filmische Umsetzung entstehen wird.

    Vorteilhaft ist es zumindest der verringerte Zeitraum zwischen Roman-Veröffentlichung und Film, da der Prozess aller Rechtsangelegenheiten schon im Vorhinein abgehandelt wurde. Doch keinesfalls wird dadurch die Qualität sonderlich verbessert. Alles muss immer schneller abgedreht werden, Drehbuch und Spezialeffekte werden hinten angestellt. Je mehr die Studios einkaufen, umso mehr wächst der Konkurrenzkampf untereinander, die Abstände zwischen einzelnen Fantasy-Filmen verkürzen sich und Qualität wird von Quantität abgewechselt.

  3. 3 fernseherin August 13, 2007 um 1:44 pm

    Mich wundert es auch, dass das jetzt so gehandhabt wird. Normalerweise geht man doch eher auf Nummer Sicher und verlässt sich auf eine große Stammleserschaft.

    Und L.A. Confidential hat doch noch einen Nachahmer gefunden. Die Serie The Shield hat mich teilweise sehr daran erinnert, vor allem Budd White scheint wiederauferstanden zu sein.🙂

  4. 4 Soraly August 13, 2007 um 8:06 pm

    Da muss ich dir allerdings Recht geben. Obwohl ich „The Shield“ zuletzt bei Pro7 gesehen hatte.


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