Kritik: Hallam Foe

Großbritannien 2007
Start: 30.08.07

Hallam Foe

Regie: David Mackenzie
Drehbuch: Peter Jinks, David Mackenzie
Darsteller: Jamie Bell, Sophia Myles, Ciaran Hinds, Jamie Sives, Maurice Roeves, Ewen Bremner, Claire Forlani, Ruth Milne

7/10 Punkte

Kritik: Normalität mag oft nicht genügen, um einem Film den nötigen Hintergrund zu verschaffen, und einen eigenen Ton zu kreieren, der dem Zuschauer noch lange im Kopf schwirrt. Dann und wann muss er ausbrechen, mit solch erbarmungsloser Aggressivität feuern, dass er einen harten Biss in den Nacken verursacht. Hinlänglich schon eine Spur zu bemüht der Besonderheit wegen ist David Mackenzies vierter Erguss „Hallam Foe“ allerdings. In der gewohnten Form der Tragikkomödie konzipiert ist es ein leiser Film, der Bewegungen dokumentiert und in die Seele eines verstörten Menschen blickt. Nun ist „Hallam Foe“ aber keineswegs direkt in die Gruppe jener zurückgezogenen Allerweltsdramen einzuordnen. Seine Launen pendeln geradewegs zwischen Sturm und Drang und sanfter Sorge seiner Protagonisten wegen. In streng pochenden Soundtrack-Einlagen führt eine Stimmung des Thrillers den Zuschauer an der Nase herum, der dem offensichtlichen Ausgang in einer undefinierten Stimmung aus Wärme und Zerrissenheit begegnet.

Den herzlichen Anteil trägt Titelinhaber Hallam Foe (Jamie Bell) bei. Ein bestenfalls verrückter, eigensinniger, einsamer 17-Jähriger, der mit dem Verlust seiner Mutter schwerlich umgehen kann und in Folge dessen seine Stiefmutter (Claire Forlani), nun mit seinem Vater (Ciaran Hinds) zusammen, des Mordes beschuldigt. Streit und Hassgefühle ziehen durch die Tage im alten Landhaus in freier Wildbahn, umzäunt von feinen Wäldern und kahlen Steinbänken. Als Pendler zwischen den Welten streift Hallam in der Wildnis um das Haus herum, übernachtet hoch auf den Bäumen in seinem Baumhaus und lauert so manch Nachbar und seinen Eltern mit dem Fernglas heimlich auf. Er lebt, wie sein ungeschliffenes rohes Wesen es ihm befiehlt, wie sein Dasein ihn weiter trägt. Nach einer ungewöhnlichen Konfrontation mit seiner Stiefmutter, dem gesagten Wunsch, Hallam solle endlich ein eigenes Leben beginnen, zieht es den Jugendlichen in das grau melierte Edinburgh. Die neu gewonnene komplette Freiheit von seinem Elternhaus treibt ihn, von der Erscheinung der Personalmanagerin Kate Breck (Sophie Myles), die seiner toten Mutter ähnlich sieht, geblendet, zu einem Job als Küchenhilfe. Fortan verfolgt er Kate unbemerkt auf Schritt und Tritt.

Hallam Foe ist kein lieblicher Charakter, der mit Leichtigkeit seine Umgebung bezaubern könnte. In seinen durchaus perfiden voyeuristischen Grundzügen, ausgelebter Aggressivität, führt er zwar das pubertierende, an der Erfahrung wachsende, Leben eines Jugendlichen, verzagt bis gen Ende allerdings Verständnis für seine Umwelt, für seine eigenen Neigungen, aufzubringen. Er lebt egoistisch seine Träume aus, ohne geringsten Gefallen an seinen Mitmenschen zu äußern, die mehr als einmal von seiner grobschlächtigen, verantwortungslosen Art, hart in den Magen getroffen werden. Doch Hallam ist Mensch, mehr als denk- und vorstellbar, ein herzerbebender Genosse, tief in seinen Tälern des Verlusts eingesperrt. Eine ungemeine Sympathie überstrahlt sein Wesen, die überdeutlichen Macken, von Jamie Bell („Billy Elliott“) in aller Trostlosigkeit hoffnungsvoll dargestellt. Charmant und frisch erzeugt Bell den offensichtlichen Eindruck einer leichten und lebendigen Prise von Film. Frei und voller wahrer Lebensphilosophie weht er sanft und voller Wucht als liebliche Tragikkomödie.

Personifiziert in rohen Bildern wandert „Hallam Foe“ über karge und kalte Häuserschluchten. Ein mehr als ehrlicher Blick, kein verschöntes Wesen auf der Suche nach der nächsten fliegenden Plastiktüte. Alles stemmt sich gegen die herbe Dramatisierung des Drehbuchs und der Buchvorlage „Über roten Dächern“ von Peter Jinks. In dem Versuch mit bemühter Leichtigkeit zu obsiegen, springt Mackenzie nach „Young Adam“ jedoch wieder auf eine merkwürdige Sexualisierung seiner Charaktere. Durch einen übermäßigen Gebrauch menschlicher Annährungsversuche und gelungener Fehlschläge, obliegt seine Devise einer verschwenderischen Offenbarung der charakterlichen Innenleben. Der Fluss des Films, in seiner ruhigen ehrlichen Art wird in wilden obskuren Fantasien untergraben, die mehr als einmal den Hauch einer Lächerlichkeit innehaben. Auf einen sanften Hauch „Garden State“ stapelt sich somit eine Platte „Secretary“, ein holpriges, fast überschwappendes Gebilde, dass in jeder Sekunde zusammenzufallen droht.

Teilweise wird der Wahrheitsgehalt der Handlung geradewegs von der vereinnahmenden Wirkung des hervorragenden Soundtracks überzeichnet, der in seinen wilden Britpop-Bahnen nicht bereit ist, dem Zug des Films unterwürfig am Rande beizuwohnen. Selbstsicher und egozentrisch, wie seine Hauptperson selber, trifft er in grellen Tönen sicherlich den ramponierten Pfad Hallams, nicht aber die herrschende Gelassenheit, die er ausdrücken sollte. Und er ist gelassen, er spielt gelassen, er ist leicht und locker, eine Creme Fraiche, härter und kälter zwar als jene, aber nicht minder sympathisch. Jamie Bell ist ein haushoher Gewinn für vieles in Mackenzies „Hallam Foe“, die Dunstabzughabe über dem verheerenden Dampf, über dem Gefahrenherd, der lodert und doch nie zur Katastrophe führt.

Autorin

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