Mogli und der Feuerfluch

„Überwinde. Überliste. Überlebe.“

In Prosiebens neuster Erfolg versprechender Reality-Show „Survivor“ ist alles super. Super scheiße, super ärgerlich, super doof, super bescheuert. Zumindest ein Teilnehmer spricht den Krux offen aus. Ebenfalls drücken die Kandidaten im südchinesischen Meer sich gegenseitig die super Klinke in die Hand und arbeiten mit super Feuereifer an einer zischelnden Flamme. Das dabei nicht alles ganz und gar super im exotischen Etablissement baden geht, ist vorbestimmt. Während Moderator Sascha Kalupke noch gelassen auf dem schaukelnden Kahn umher flipflopt und in sprießender Langeweile den Beginn des fünfzigtägigen Abenteuer-Trips bekundet, wetzt die Herde aus achtzehn mutigen Männern und Frauen auf dem Kutter herum und sucht die letzten notwendigen Habseligkeiten zusammen. Ein paar Reiskörner, Stricke, in einer morschen Holzkiste gebunkert und los, die zwei gestellten Mannschaften platschen in die schäumende Flut und paddeln wie verrückt in Richtung schöner Sandbank. Die Ruhe vor dem Sturm. Oder aber auch die Ruhe vor der Ruhe.

Nichts anderes ist „Survivor“: Langeweile, eine fortwährende belanglose Dokumentation über eine Gruppe Witzköpfe, die den Zug Richtung „Big Brother“ verpasst haben. Die Palmen wedeln, die Sonne pocht, die Dunkelkamera fängt düstere Pustelkämpfer bei der Arbeit ein. Mal scheitern sie beim Versuch eine passable Bleibe in den Urwald zu rammen, mal beginnt die Lästerstunde, mal das letzte Abendmahl vor der höchst wichtigen „Immunitäts-Challenge“. Erstaunlich schnell bekriegen die Gruppenmitglieder einander, kaum auf der Insel ist die erste Schlachtbank geboren. Spannend und amüsant könnte das ganze Gemetzel sein, der rohe Kampf mit Natur und unterdrückten menschlichen Bedürfnissen. Doch „Survivor“ dümpelt in einer kriegerischen Variante aus „Germany’s Next Topmodel“ und „Das Dschungelcamp“ dahin. Irrelevant, fahrig, armselig. Tiere und Sumpfgestalten finden einzig in den rüden und so erbaulichen männlichen Adonis-Gestalten Eingang, die im ersten Anschein schon eine kuriose Tätigkeit im wahren Leben besitzen: der eine Footvolleyspieler, der nächste Erlebnispädagoge, der andere Mental-Coach.

„Es kann nur einen Survivor geben.“ Die Heidi Klum des Camps ist Moderator Kalupke, und wenn der Strick nicht gerade fürs vermeintliche Feuermachen gedacht ward, Herr Kalupke hätte ihm gut baumelnd am Flugzeugwrack gestanden. Denn das gibt es in der realen „Lost“-Umsetzung ebenfalls: die blöde metallische Büchse nebenan, in der die Sitzungen des „Inselrats“ abgehalten werden. In erster Sendung muss das Team „Gunung“ ran an die Zettel und einen von ihren treuen neun Kameraden „rausfeuern“. Schuld daran ist, wie so oft im Überlebensbankett, ein in regelmäßigen Abständen, soll heißen einmal pro Folge, durchgeführter Wettbewerb. In Kürze wird zu den Anglizismen somit noch eine weitere Abkürzung oder vermaledeite Schöpfung neben den „Teams“, „Survivorn“, der knallharten „Reality“ hinzu stoßen: die „Immu-Challenge“. Ein umgedrehtes Konzept gibt den Gewinnern jener „Challenge“ Immunität, sprich die Freiheit mit dem Feuer einen Regentanz aufzuführen und der gegnerischen Gruppe im Handumdrehen ein Mitglied „zu entreißen“.

Am gestrigen Abend lautete das Stichwort „Abhängen“. Kein Unterschied zwischen dem normalen Tagesablauf beileibe. An einer Stange hängend durften die Kandidaten beider Teams so lange ausharren, bis die Knochen knackten oder sie in den Sand plumpsten. Der Gewinner, die Bande „Tasik“, erfreute sich nach der anstrengenden Disziplin einer Sonderbehandlung. Es wurde plötzlich Licht! Eine fröhliche Kerze ließen die Teilnehmer in ihrer Eile einen persönlichen Gegenstand mitzubringen aber vermissen. Alles von Fotos, Farbe und Pinsel, einer Freistaat-Bayern-Fahne, Hüftgürtel, Sahara-Dose, Kette, Tagebuch, Buddha, Kuscheltier, Guru-Ring, Schuheinlagen, Horus-Figur, Biochemie-Buch, einem Schal von Eintracht Braunschweig und Briefen dabei. Tohuwabohu für nichts. Waren die Zeiten im „Dschungelbuch“ von launiger musikalischer Untermalung erfüllt, kroch Mogli auf allen Vieren durch die Wildnis, ist es nun der schwerfällige Trab von scheinbar exotischen Frischehalteklängen und Zweibeinern auf lauer Achse, die das Fernsehgesicht von Gestern verkörpern. Im prasselnden Feuer dampft und mutiert Schein zu grünem Sein. Ach du liebes Schäferstündchen.

14 Responses to “Mogli und der Feuerfluch”


  1. 1 fernseherin August 15, 2007 um 6:18 pm

    Ja, gebt mir doch alle das Gefühl, als hätte ich was verpasst. Super.😉

  2. 2 Soraly August 15, 2007 um 6:22 pm

    Nächste Woche biste dabei😉 .

    (Vielleicht ist es den Jungens dann zu warm und sie zaubern das Feuer mal wieder weg.)

  3. 3 Dr. T. Le Vision August 15, 2007 um 7:29 pm

    Ich kapier auch einfach nicht, wieso niemand zu Hause das Feuermachen geübt hat, wenn schon niemand eine Kerze dabeihatte. Generell waren die Personen schon von vornherein auf Krawall gebürstet, so schien es. Irgendwie waren die Ereignisse auch zu komprimiert. So lange man die Beteiligten noch nicht „kennt“, einschätzen kann, ist es noch nicht so sonderlich interessant, glaube ich, denn wenn es an solchen Formaten einen Reiz gibt, dann den, dass man ein paar Psycho-Studien betreiben kann.😉

  4. 4 Soraly August 15, 2007 um 7:38 pm

    Von Beginn an fehlt aber auch ein Identifikationscharakter, der mich mehr als nur einen Palmenwedel interessierte. Alle dermaßen gleichgültig aufgebaut und steril auf das Ziel „Survivor“ fixiert, dabei vollkommen unvorbereitet. Wer geht in solch ein Lager ohne Taschenmesser, Feuerzeug?

    Im Grunde blieb der Blick gestern standhaft auf Gruppe „Gunung“ (Hilfe, was für Namen sind das eigentlich?), die im blassen Dunst der Nacht genauso scheinheilig daher kam. Vielleicht bietet „Tasik“ eine leichte Verbesserung.

  5. 5 Dr. T. Le Vision August 15, 2007 um 8:13 pm

    Ich fand die Rausgewählte, Hadnet, eigentlich noch ganz positiv. Die ist als halbwegs vernünftig und „normal“ rübergekommen. Schade, dass die gleich rausgewählt wurde. Was muss die denn verbrochen haben, dass man lieber sie als die Kranke rauswählt?!

  6. 6 Soraly August 15, 2007 um 8:19 pm

    Einer der wenigen Lichtblick, allerdings. Wie war noch gleich der Spruch? „Sorry Baby, aber das hat wirklich genervt.“

    Wie dagegen ein Arno ohne Stimmen wegkommen konnte (schließlich ging die erste Kritiksalbe gegen ihn), Jasmin mit Krankheit (also vollkommen untauglich für die Gruppe), nicht Nummer 1 wurde, ist mir schwer begreiflich.

  7. 7 fernseherin August 15, 2007 um 8:30 pm

    Hadnet sollen sein.

    (Sorry, dämlicher Anfall von Albernheit, bin auf Fernsehentzug…)😉

  8. 8 Soraly August 15, 2007 um 8:36 pm

    Mein Lachen nach deinem Kommentar gehört noch mehr verboten, als der Kommentar selbst🙂 .

    Aber Fernsehentzug ist merkwürdig. Denn eigentlich (theoretisch) kommt immer etwas. Außer der Fernseher flog aus dem Fenster. Das wäre natürlich Pech.

  9. 9 Dr. T. Le Vision August 15, 2007 um 8:51 pm

    Wieso Fernsehentzug? Mein Fernseher war mal ein paar Wochen kaputt, ich habe alles aufgenommen, aber nur das gesehen, was ich wirklich sehen wollte. Eigentlich war das ganz gut, kein blödes Rumzappen und Schrott zur Überbrückung gucken und so was…

    Aber Arno, der Bestimmer, hätte nach dem Aufruhr eigentlich ein paar Gegenstimmen verdient. „Sorry, Baby“…

  10. 10 fernseherin August 16, 2007 um 12:59 pm

    Am Samstag kommt die Wiederholung, glaube ich. So um acht Uhr morgens. Ts. Mal sehen.

  11. 11 Dr. T. Le Vision August 16, 2007 um 1:53 pm

    Nein, das würde ich mir an deiner Stelle nicht antun. In Folge 2 reinzuschalten, reicht völlig.🙂

  12. 12 Soraly August 16, 2007 um 5:36 pm

    Wenn Frau Fernseherin Schlafstörungen hat, würde ich ihr zu einer Sichtung am Samstag raten. Ansonsten würden mir sehr viele andere Zeitvertreibe einfallen.


  1. 1 Die Reise ins wilde Schwein « CeReality Trackback zu August 22, 2007 um 4:07 pm
  2. 2 Die Prophezeiung III « CeReality Trackback zu September 8, 2007 um 12:23 pm

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