Uwe Boll – zwischen Kunst, Kommerz, Kritik

Kritiker und deren Kritiker im Clinch. Heute: Uwe Boll auf der aggressiven Feuercouch. „Postal“isch vermerkt, ein Schreiben des Kulturgutes Boll nach einer vernichtenden Kritik von „Wired“:

„Your review shows me only that you don’t understand anything about movies and that you are a untalented wanna bee filmmaker with no balls and no understanding what „Postal“ is. You don’t see courage because you are nothing. And no go to your mum and fuck her … because she cooks for you now since 30 years … so she deserves it.

People like you are the reason that independent movies have no chance anymore.”

Raging Boll

Kann ein Regisseur tatsächlich solch eine Stellungnahme guten Gewissens abgeben? Nun, erstens ist nach Bolls Worten kaum noch von Wissen, Gewissen, oder jedem nennenswerten Intelligenzquotienten die Rede, geschweige denn von jeglichem menschlichen Einfühlungsvermögen, ebenfalls notdürftiger bis gar nicht vorhandener Bestandteil seiner bisherigen, und mit Sicherheit kommenden, Filme. Seine aneinander gereihten Buchstabenfolgen gleichen denen eines schreienden Kindes, das sein Lieblingsspielzeug nicht bekommt und hämmernd, fluchend auf der Trompete blähst. Schlimmer noch: Eine Attitüde mit der Kritik Hand in Hand, bestenfalls ignorant, in der filmischen Hochglanzwelt zu laufen, fehlt vollkommen. Der menschliche Reflex auf Angriff mit Gegenangriff zu wettern, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Uwe um Boll, ist dennoch gerechtfertigt, bis zu dem eingesetzten Maße. Nach dem Motto „Aktion, Reaktion“ bekommt der Feind einen Kommentar auf die Nase. Doch die Art des Gegenschlags ist diskussionswürdig.

Im Normalfall bleibt der typische „Geächtete“ mit geballten Fäusten, grimmigen Gesichtsausdruck, verzerrter Visage am Schreibtisch, der Illustrierten sitzen, verärgert, erzürnt, seine Arbeit in solch fahriger Ausdrucksweise zerrissen zu sehen. In seinen Gedanken spinnt er Rachegelüste, verschiedene Unfalltode, einen pathetischen Mafiaepos zusammen. Die Wut klingt ab, der Kritiker lebt bis in alle Ewigkeit, sondert vielleicht beizeiten für eine weitere desaströse Leistung des, im Normalfall gutmütigen, Regisseurs einen Kommentar ab. Ja, ja, der bekannte Kreislauf beginnt wieder. Mord, Todschlag, Versöhnung, freundschaftlicher Plausch. Feinde werden zu Freunden, rührende Geschichte. Der Regisseur ist natürlich beliebig austauschbar. Es könnte ein Arbeiter, eine Nonne, ein Büroangestellter sein, der nach einer, wie er durchaus einsehen muss, blamabel en Leistung vor der Einäscherung steht. Die höchst wichtige Frage bleibt weiterhin ungelöst.

Aber kann ein Regisseur tatsächlich solch eine Stellungnahme guten Gewissens abgeben? Hieße er Spielberg, Scorsese, Bay, Haggis, Eastwood, womöglich nicht. Er würde schlicht und ergreifend Herr der Ignoranz werden, weiter bunte Bilder in Leuchtschrift an die Wände zaubern. Es wäre ihm egal, welch stupider Kritiker der Meinung ist, seine Kunst in den Abfalleimer zu kippen. Kunst ist subjektiv, sie genießt den Status der Spaltung, sie muss sogar absonderlich unterschiedliche Gruppen ansprechen. Kunst ohne Kritik, wäre wie der Fall „Film ohne Bild“, ohne Ton, nur eine dunkle Wand vorne an. Kunst ohne Kritik ist Kommerz. Leichtsinnig ausgedrückt ist Uwe Boll Künstler. Anhand der eigenen Meinung wird klar: die Meinung eines Kritikers zu „Kunst“ ist nichts weiter als Kunst für sich, die Analyse eigener Gedanken, der sprachliche Ausdruck, sarkastisch, ironisch, geleckt, euphorisch. Kritik ist Kunst. Ohne Kritik keine Kunst. Alles im Bogen der Welt ist mitunter Kunst, Schönheit im kleinen und großen Maße. Subjektiv, aber wahrhaft und ehrlich, nun mal Kunst.

Vermerkt bleibt: Uwe Boll stellt Kunst her. Eine machtvolle Diskussion über diese Tatsache ist zwecklos. Es gibt jedoch ebenfalls kein Faktum, wie Kritik handfest aussehen muss. In ihrer Subjektivität ist sie gar von allen Regeln losgelöst, gar wie die Kunst selbst. Sie unterstützen, necken einander, treiben einander hoch. Ist die eine Kraft von belangloser Langeweile durchflossen, fließt ein Hauch auch durch die andere. Kritik ist eine Aufarbeitung der Kunst. Die Theorie ist nicht der entscheidende Punkt, der Uwe Boll angeprangert werden könnte. Theorie kann nicht nachgewiesen werden, nur die Praxis und Umsetzung jener. Ohne Umstände scheitert Boll daran. Er scheitert an einer differenzierten Äußerung seiner Gefühle. Die Gedanken wandern zu Papier. Keine Umschweife, keine Verlängerungen, nur ein Klappern der Tasten, Finger, die über Plastik wandern und sich tief eingraben, hoch und runter fliegen.

Wut und Hass sitzen in den Rillen aller Worte. Wut und Hass, die als Reaktion auf eine Aktion des Kritikers gelten. Doch der Kritiker ist die Persönlichkeit mit der absoluten Meinungsfreiheit, seinen Standpunkt beileibe auch übertrieben ausdrücken zu können. Eine Stellungsnahme dagegen, so wie die von Herrn Boll eine sein wollte, aber ein Lumpenpack des Egoismus ist, kann höchstens als Werk innerliche Unruhe angesehen werden. Angegriffen von den Worten des Kritikers reißt Boll die Kunst seiner Kreation „Postal“ über den Haufen, zerfetzt sie und setzt Schritt, zieht gleichauf, hinweg, in eine Reise seiner kranken Melodramatik. Unterstrichen mit den Worten eines Filmwissenden, der Independent-Film würde durch solch Kritiker wie der von „Wired“ aussterben, verlangt Boll eine seriöse Sicht, eine Kritik, die seinem „Postal“ würdig ist. Dennoch, sein Wirken hängt steril und armselig in der Verkörperung des großen Regisseurs, den keiner verstand. Eine Kritik, die „Postal“ würdig ist, die erschuf „Wired“.

3 Responses to “Uwe Boll – zwischen Kunst, Kommerz, Kritik”


  1. 1 CineKie August 18, 2007 um 11:55 am

    Ich bin mir gar nicht so sicher, ob dieses Schreiben, so es denn wirklich in dieser Form existiert, nicht evtl. nur ein weiterer Marketing-Gag von Boll ist. Nehme ich das als Grundlage, was ich bislang über „Postal“ gelesen habe, würde dieser Stil auf jeden Fall zum Film passen.

    Eines steht auf jeden Fall fest: Boll polarisiert. Und das absolut perfekt.

  2. 2 Soraly August 18, 2007 um 12:01 pm

    Ich stimme dir vollkommen zu. Allerdings ist meine Einschätzung über Boll auch so weit fortgeschritten, dass ich ihm auch ohne jeglichen Gag dahinter dieses Schreiben zutraue. Doch eines weiß und nutzt er: Publicity, ob gut oder schlecht, bringt Heerscharen von Zuschauern in die Kinos.

  3. 3 CineKie August 18, 2007 um 12:30 pm

    Boll ist einer der wenigen Filmemacher, die ich gerne mal persönlich kennenlernen würde, um mir ein eigenes Bild von der Person zu machen. Seine Filme liegen zwar irgendwo zwischen Schund und Belanglosigkeit, aber auf den Audiokommentaren kommt er immer äußerst sympathisch und vorallem direkt rüber. Und seine Box-Aktion mit den Kritikern fand ich auch grandios.

    Mal schauen: Vielleicht komme ich ja irgendwann einmal in den Genuss…


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