Schubweise Depressivität

In die andere Richtung gehen viele, zurück kommen die wenigsten. Michael Ballhaus kehrt nach einer langen erfolgreichen Karriere in Hollywood als außergewöhnlicher Kameramann nach Deutschland mit vollen Koffern zurück. In seinen verstaubten Klamotten vermehrt eine große Prise an Anekdoten von fast hundert einmaligen Kamerafahrten, viel Schauspielerkontakt und den überdosierten Portionen von Martin Scorsese, Robert de Niro, Joe Pesci in einem wahnwitzigen Zusammenschnitt der „Süddeutschen“. Höhepunkte in Reih und Glied. Mafioso, bösartige Studiobosse, minderwertig bezahlte Regisseure, der Fünfzeilen-Rhythmus des Travolta, einzigartige Blicke hinter die Kulissen.

Fords Gegenspieler in „Air Force One“ war Gary Oldman, er spielt einen Terroristen, der den US-Präsidenten ermorden will. Ein großartiger Schauspieler, der aber als schwierig gilt.
Wir hatten bei „Dracula“ schon mal gemeinsam gedreht. Das war aber nicht so lustig. Oldman hatte eine Ehekrise und war mit Winona Ryder zusammen, die auch mitspielte. Irgendwann ärgerte er sich furchtbar, dass Winona mehr Geld bekam als er. Dabei war Winona damals einfach der größere Star! Das führte zu einer ziemlichen Spannung zwischen den beiden. Dazu kam, dass er damals zu viel trank. Der war einfach in einer Lebenskrise. Bei „Air Force One“ war das alles überstanden. Da war er ein Superprofi.

Der „Dracula“-Dreh hört sich kompliziert an: Gary Oldman mit einer Lebenskrise und Francis Ford Coppola führt Regie.
Und Coppola ist manisch-depressiv! Das kommt bei ihm in Schüben. Als er bei „Dracula“ wieder einen hatte, rief er uns alle zusammen und sagte: „Also, was wir bisher gemacht haben, ist alles nicht das, was ich eigentlich will.“ Das hat mich sehr erschreckt, aber ich habe gesagt, gut, dann vergessen wir das, schmeißen wir alles weg und machen es, wie du es willst. Wir haben dann viel rumprobiert, ein gigantisches Chaos – was er liebt!

Und dann?
Na ja, nach zwei Tagen haben die Antidepressiva gewirkt und er war wieder voll da. Wir haben vielleicht zwei Einstellungen von den zwei Tagen verwendet und den Rest des Films so weitergedreht wie vorher. Ist ein richtig schöner Film geworden.“

3 Responses to “Schubweise Depressivität”


  1. 1 Dr. T. Le Vision August 18, 2007 um 2:15 pm

    Sehr schönes Interview, Michael Ballhaus plaudert ja richtig aus dem Nähkästchen… Ich hab das gleich mal in meine delicious-Links aufgenommen.🙂

  2. 2 fernseherin August 18, 2007 um 2:43 pm

    Oh, ich habe nur die Überschrift bei der SZ gesehen und gedacht, das gibt es nur gedruckt! Muss ich gleich lesen, danke!

  3. 3 Soraly August 18, 2007 um 3:31 pm

    Allerdings schade, dass Ballhaus nun keinen Scorsese mehr machen wird.


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