Kritik: Das Bourne Ultimatum

The Bourne Ultimatum
USA 2007
Start: 06.09.07

Das Bourne Ultimatum

Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: Tony Gilroy, Scott Z. Burns, George Nolfi
Darsteller: Matt Damon, David Strathairn, Joan Allen, Julia Stiles, Scott Glenn, Paddy Considine, Albert Finney, Edgar Ramirez, Tom Gallop

8/10 Punkte

Kritik: Abseits verschwörerischer Bösewichte, die skurrile Vernichtungspläne mit noch verrückteren Geheimwaffen entwickeln, schnell und sauber die Welt zerstören möchten, dabei leidig aber meist auf unsterbliche Agenten treffen, die ihre Pläne mit allerlei hochexplosiven Werkzeugen zackig in zwei Hälfte zerteilen, steht eine Reihe, die eine im Gegenzug recht banale Aufgabe besitzt. Jason Bourne, Hauptprotagonist der „Bourne“-Trilogie möchte schlicht seine wahre Identität, seinen realen Namen, wissen. Nunmehr im dritten und vermutlich letzten Anlauf ist der Held der Serie, dargestellt von Matt Damon, wahrlich aber kaum einen Deut weiter, als noch im ersten Teil „Die Bourne Identität“. Weiterhin auf der Flucht, weiterhin gejagt vom CIA, weiterhin gemeingefährlich, weiterhin Staatsfeind Nr. 1, weiterhin ein wechselndes Balg aus Feind und Freund. Ein anderes weiterhin fungiert in den Händen von „Das Bourne Ultimatum“-Regisseur Paul Greengrass. Jener in Hollywood beliebte Brite wirbelt die angestaubten Genregrenzen des Spionagethrillers zum wiederholten Male nach „Die Bourne Verschwörung“ gehörig und in unfassbaren Adrenalinstößen auf, beendet das Mysterium „Bourne“ gar mit einem Rätselkabinett für seine Gegenspieler.

Zwischen den Häuserfronten von Moskau, Turin, Paris, London, Madrid, Marokko und New York hangelt sich Jason Bourne (Damon) von Kontaktmann zu CIA-Agent, wertvoller Information zu unnötiger Blessur, von unbekanntem Freund zu allwissendem Feind. Telefonverbindungen werden überwacht, Kameras springen in jedem Erdteil herum, kein Schritt bleibt unbemerkt. Auf den Spuren der CIA-Attentäter-Einheit „Treadstone“, die Bournes wahre Identität weiterhin in der Versenkung belassen, trifft er in London auf den Journalisten Simon Ross (Paddy Considine), der angeblich neue Informationen über „Treadstone“ bereithält. Währenddessen überblickt CIA-Abteilungsleiter Noah Vosen (David Strathairn) die bourneschen Machenschaften von seinem New Yorker Hauptquartier aus und ist bereit ihn endgültig mithilfe des letzten „Treadstone“-Attentäters Paz (Edgar Ramirez) auszulöschen. Ebenfalls steht der „Treadstone“-Ersatz „Blackbriar“ in den Startlöchern, dessen Erfolg eng mit Bournes Eliminierung verbunden ist. Doch der Einzelgänger erhält unerwartet von CIA-Agentin Nicky Parsons (Julia Stiles) und der internen CIA-Ermittlerin Pamela Landy (Joan Allen) Unterstützung, die unerbittlich versuchen den Großmächten Parole zu bieten.

Jason Bournes letzter Einsatz ist schnell, stellenweise schneller als erlaubt, hart, dreckig, unerbittlich. Von einer charmanten James-Bond-Reinkarnation ist in ihm nach drei Hetzjagden kaum mehr eine Faser vorhanden, außer den jeweils zwei gemeinsamen Buchstaben von Vor- und Nachnamen vielleicht, keine Spur von Technikkniffen oder dummen Ausreden. „Das Bourne Ultimatum“ schlägt den Kern auf die zähe Grundgestalt des Bourne, einem Mann, dessen einziger Unterschied zur Gegenseite seine Verkörperung des einsamen Wolfes darstellt. Hartherzig zieht er gegen Gott und die Welt in den Kampf. Seiner Vergangenheit auf der Spur, die Zukunft mit jeder Sekunde der tödlichen Gegenwart aus den Augen verschwindend. Die Theorie eines haushohen MacGuffin steckt in dem Getriebe dieses Mysteriums „Bourne“, der einsame Ritter mit stählerner Rüstung, der rennt und rennt, sprintet, über Häuserschluchten springt, die Fenster zum Bersten bringt. Denn die Frage, welchem Bösewicht er gerade das Handwerk gelegt hat, welch schöne Stadt zu seinem Spielplatz wurde, warum seine Beine ihn immer weiter fort tragen, ploppt erbarmungslos auf. Das Ziel verschwindet spürbar aus den Augenwinkeln, gen Ende sogar überrascht die plötzliche Konfrontation mit Bournes Identität wahrhaft.

Ob von Greengrass, den Drehbuchautoren Tony Gilroy, Scott Z. Burns und George Nolfi in diesem Maße angedacht, die fortwährend spannungsgeladenen Action-Abfolgen mit mehr Endspurts und Telefonkontakten als überschaubar bleiben könnte, befördern das fehlende Tohuwabohu um Meister Bourne zu einem noch größerem Strang an Unordnung. Dabei ist die fehlende Übersicht kein Manko, keines von „Das Bourne Ultimatum“, keines der gesamten „Bourne“-Trilogie, es der Clou in den bekannten Sequenzen, die bis zur Unkenntlichkeit von einem dutzend Kameras ein Drehen und Wenden finden, am Ende statt altmodischen Tastengeklimpers viel eher das Gefühl einer Neuerung versprühen. Bestmöglich gesehen ein geordnetes bewusstes Chaos. Böswillig eine Farce alle Unlogik hinter toten Agenten zu verstecken. Nicht anders als sein britisches Pendant „James Bond“ ist „Das Bourne Ultimatium“ ferner in seiner Rolle als Spionagethriller an manch Ecken einfach hanebüchener Unsinn. Bourne, der die Welt bereist, aber nie auch nur einmal an Flughäfen mit Metalldetektoren abgetastet wird, Bourne, der einige wenige Kratzer auf der Brust zurück lässt, selbst bei Manövern, die unser normales Eins mit dem Leben bezahlt hätte, Bourne, der überall abgehört, aber nie gefasst wird. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Auffallend bleibt neben grenzenloser Dummheit, obwohl nie dem hilflosen Niveau eines Bond nahe, aber die unwillkürlich ruppige Dramaturgie, die Greengrass überwältigend einsetzt. Der Faktor des Nachdenkens verbleibt im Hintergrund, er tritt geradewegs erst nach reißerischen zwei Stunden bester Action-Mentalität hervor. Bereits nach dem superben, anderswo wäre er als Showdown durchgegangen, Beginn durch die Kältemeere Moskaus, über Turin und Paris hinweg, in die Waterloo-Station von London, schießen alle Adrenalinpegel übers Ziel hinaus. Etliche Kameras bewegen sich neben Matt Damon, fangen die Menschenmassen von oben ein. Sie fliegen in dem großflächigen Areal umher, Damon, der mit Ohrstöpsel und Knarre im Anschlag den journalistisch tätigen Kontaktmann und seine Wenigkeit vor übereifrigen CIA-Hintermännern schützen muss. Knappe zwanzig Minuten dauert die rasende Verfolgungsjagd, die im Anschluss bloß eine weitere Hast an anderer Stelle bietet, und sie ist das schlichtweg Beste in unzähligen Jahren Action-Kino. Eine Symbiose aus perfektem Schnitt und kerniger skrupelloser Männerkämpfe in einem überwältigenden Setting.

Fast nebensächlich dokumentiert Greengrass den grenzenlosen Aufzeichnungswahn der Briten, die mittels ihres berühmt berüchtigten CCTV eine Kameraflut an jeder Straßenecke offenbaren, sogar Plakatwände zur Deckung von Scharfschützen umfunktionieren. Der Gegner verbleibt nicht in der Gestalt des kaltschnäuzigen David Strathairn, die eigentliche Gefahr verströmt das dauerhafte Technikarsenal der Geheimorganisation, das überall unsichtbar Leben und Tod präzise und haargenau in Zeitpunkt und Ort einfängt. Der gläserne Mensch ist seiner Freiheit beraubt. Identität, Herkunft spielen keine Rolle mehr in einem System der dauerhaften Überwachung, das in seiner Komplexität und vor allem Genauigkeit den Methoden der Stasi gleicht. Matt Damons Jason Bourne ist die Wiederbelebung eines eingesperrten Widerstandkämpfers, der mit aller Kraft, mit rauen Tritten und zunehmend immer weniger Menschlichkeit, Unabhängigkeit unbedingt erzwingen will und muss. Die Worte Bournes sind spärlich eingesetzt, Matt Damon ereilen grob zehn banale Textzeilen. Sie zeigen auf, dass technische Intelligenz nicht mit menschlicher besiegt werden kann, dass Gewalt eine Notwendigkeit in der harten kalten Welt dort draußen darstellt, um der überwältigenden Maschinerie aus Stahl und Drähten allen Kräften des Körpers zu begegnen, Muskelkraft, Schnelligkeit, Reaktionsvermögen.

Eines zeigt Paul Greengrass’ Abschluss „Das Bourne Ultimatum“ mit sicherer Bestimmtheit auf. Tod ist unüberwindbar. Für die bösartige Realität mag dieser Leitfaden gelten, für die „Bourne“-Trilogie jedoch ebenfalls. Und sei es mit bahnbrechenden Kamerafahrten, einem leidgeplagten Hauptdarsteller, außergewöhnlichen Schnitten in einer groben und überschwappenden Weltreise von Moskau nach New York.

Autorin

6 Responses to “Kritik: Das Bourne Ultimatum”


  1. 1 Dr. T. Le Vision August 20, 2007 um 6:40 pm

    Das klingt ja ziemlich furios. Ich habe richtig Lust bekommen, den Film sofort anzusehen, werde mich wohl aber noch bis zum 6.9. gedulden müssen…

    Ich schließe aus deinen Worten mal, dass Julia Stiles eine etwas größere Rolle spielen darf in diesem Teil? Sie hat mir nämlich in den letzten Teilen, wie meistens in ihrem Filmen, sehr gut gefallen.

  2. 2 Soraly August 20, 2007 um 7:14 pm

    Nein, ihre Rolle ist in etwa so klein wie die 3-Sekunden-Szene von Daniel Brühl. Schade, aber umso mehr Raum für Damon und Strathairn.

    Und ich mag Matt Damon plötzlich. Fast genug, um ein Poster aufzuhangen. Aber fast …😉

  3. 3 Kaiser_Soze August 20, 2007 um 9:55 pm

    Freu mich schon auf den Film. Die Kritik macht Lust auf mehr.🙂

    BTW Habe deinen Blog mal in meinen Blogroll aufgenommen.😉

  4. 4 Dr. T. Le Vision August 21, 2007 um 3:13 pm

    Oh schade, dass nicht mehr von Fräulein Stiles zu sehen ist. Aber Matt Damon? Der ist nicht so posterwürdig, finde ich. Ich mochte ihn früher, zu Good Will Hunting-Zeiten, irgendwie lieber. Heute ist der so geleckt… Aber jedem das Seine.😉

  5. 5 Soraly August 21, 2007 um 3:48 pm

    Nun, ich mochte Herrn Damon noch nie🙂 . Und sein Gruschelpart Affleck ist an Schleim dann kaum zu überbieten. Kerniger könnt’s aber schon ein Stück sein😉 .

    @ Kaizer_Soze. Da sage ich doch vielen Dank😀 .

  6. 6 Astloch Dezember 29, 2010 um 1:38 am

    Dieser Streifen wirkt wie eine niemals endende Zusammenfassung dessen, „was vorher geschah“ (wie bei der Lindenstraße – nur hektischer).

    Man wartet die ganze Zeit darauf, wann der (eigentliche) Film endlich anfängt.

    Langweilige drittklassige pubertäre Action-Trivialität, bei der Hektik und Stress großgeschrieben wurde.

    Wer noch nie Kopfschmerzen hatte, das Gefühl aber kennen lernen möchte, kommt an diesem Film nicht vorbei!

    Hier meine Inhaltsangabe:
    Bumm, Crash, Whomm, Smash, Donner, Doing, Zisch, Rumms, Krawum…


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