Kritik: Beim ersten Mal

Knocked Up
USA 2007
Start: 23.08.07

Beim ersten Mal

Regie: Judd Apatow
Drehbuch: Judd Apatow
Darsteller: Katherine Heigl, Seth Rogen, Paul Rudd, Leslie Mann, Jason Segel, Jay Baruchel, Jonah Hill, Martin Starr, Harold Ramis, Iris Apatow

8/10 Punkte

Kritik: Die Ausgangssituation von „Beim ersten Mal“ (im Original akkurater mit „Knocked Up“ betitelt) erinnert in seiner Konstellation an eine erweiterte Fassung der Fernsehmisere „Das Model und Freak“. Der idiotische Ben Stone (Seth Rogen), dessen Verhaltensweisen eher denen eines Kindes, als einem Erwachsenen, ähneln, trifft auf einer Party die bezaubernde Alison Scott (Katherine Heigl), mit der er nach einer feuchtfröhlichen Nacht in die Kiste springt. Der Schock folgt natürlich am nächsten Morgen. Bens vormals charmante Spritzigkeit offenbart in nackten Tatsachen eine stattlich ausgepolsterte Hautummantelung und ein äußerst schockierendes Mundwerk. Hier läuft einiges aus dem Ruder, vielleicht auch der Hauptgrund warum Judd Apatows „Beim ersten Mal“ als eine neuartige Form der Reality-Sitcom ganz besonders effektiv eine gelungene Mischung aus herber Komödie und intelligenter Lebensparabel präsentiert. Fehlerbeladene Protagonisten zwei grundverschiedener Menschenstämme treffen einander und zeugen urplötzlich neues Leben, wie in einer Komödie üblich, bis zum Start-und-Ziel-Sieg der Geburt, unterbrochen von pubertären Witzen und sonstigen albernen Ausbrüchen, die im Raum von Genitalien bis zum Herzen alle Körperregionen abdecken.

Es verbleibt kein Wunder, gerade Alison eher in den Funktionsraum Herz, Kopf und Schönheit einzuordnen und den unbeugsamen Schmusebären Ben in Richtung Müllsack zu degradieren. Weder erfüllt er jedwede Position im Leben, keinen Job, keine Aufgabe, die ihn prädestiniert mit solch einer Frau ein Leben zu führen, noch ist er die Art von Zeitgenosse, der tauglich für Kindererziehung wäre. Doch es sind jene Rollen, die zu Beginn den Eindruck von Widerwärtigkeit entstehen lassen und im Endeffekt doch die beste Kombination ergeben. Das ist die unliebsame Bekanntschaft, der Fehler, der irgendwann von schlichtweg jedem begangen wird. Manchmal sind Fehler dazu da, schnell vergessen zu werden. In Alisons Fall kaum möglich, schließlich wird schöne acht Wochen nach dem „Unfall“ offensichtlich: ihre Entgleisung hat sie geschwängert. Ans Abtreiben denkt sie nicht, stattdessen teilt sie Möchtegern-Papa Ben die erfreuliche Nachricht bei einem romantischen Abendessen mit. Die Freude hält sich in Grenzen, so auch die Freude mit der neuen Vaterrolle umzugehen und über-hundertseitige Bücher darüber durchzuarbeiten.

Der offensichtliche Gewinn an Apatows konkurrenzloser Komödienfabel „Beim ersten Mal“, die genauso gut „Die Schöne und das Biest“ heißen könnte, ist mitnichten seine Witzigkeit. Zwar mit einer erstaunlichen Trefferquote auf den Großteil der Laufzeit verteilt, hätte Apatow ebenso eine leichtere Handlung um das Gebilde spannen können und trotz allem die Spritzigkeit nicht verloren. Es ist wie eine schöne Kugel Eis, umrandet von der knusprigen Waffel. Das Knuspergebäck allein mag schmecken, mag vielleicht mit einem Schokoladenrand versehen sein, aber der Hauptbestandteil ist nun mal der Kern, die Kälte des Eises, die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, kleine Splitter und Fruchtstücke. Es ist die Verfeinerung und der eigentliche Grund, warum Eis gekauft wird. Nicht etwa der Waffel wegen, sondern wegen dem Aroma darin, der Frische des Wasserzeugs. In „Beim ersten Mal“ ist die Handlung die Waffel, eine Beilage, dagegen die Charaktere die Erfrischung, die ehrliche Umwandlung von „nur Wasser“ zu „einfach Eis“. Apatows Komödie spricht im Gegensatz zu den peinlich rudimentären Halbvorbildern „American Pie“ und anderen Teenieklamotten, denn Teenie und Jugend liegen in „Beim ersten Mal“ auf einer Bahn mit Erwachsensein, eine frühere Fassung von Woody Allen aus, dem Mann, der schon „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ gewagt hatte und nicht zimperlich in die Fassung Film schwang.

„Was Sie schon immer über kommende Eltern wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ stände bereitwillig als Titel herum und würde doch immer noch nicht die wahre Essenz von „Beim ersten Mal“ erfassen. Viel mehr als die hauptsächliche Überleitung von Eltern-Werden zu Eltern-Sein, mehr als das ungleiche Paar, dass Ying und Yang schlussendlich in eine komplette Form bringt, mehr als Komödie, sind es die dramatisch angehauchten Sequenzen, die überraschen. Apatow vereint Witz und Ernsthaftigkeit. Die lockere Fassade belässt Freiraum für die feinen Emotionalitäten darunter, so auch einen Spalt für all die angenehm herausgearbeiteten Nebencharaktere, die ein ums andere Mal durchs Bild schneien. Besonders bemerkenswert fällt die Karikatur des, auf den ersten Blick, perfekten Ehepaares Debbie (Leslie Mann), Alisons Schwester, die alle gemeinsam unter einem Dach leben, und Pete (Paul Rudd) aus. Der äußere Schein trügt, wie so oft. Zwei herzallerliebste Kinder am Hals, verkommt die Ehe der beiden zu einer Farce des amerikanischen Traums, von Eigentumswohnung und glücklicher Großfamilie. Pete muss sich dem Verdacht der Untreue stellen, obwohl er nur mit gleich gesinnten Männern eine imaginäre Baseball-Liga an den Abenden zum Leben erweckt. Debbie steckt in der Frustration des Alters fest, die ihren unfreiwilligen Höhepunkt vor dem Einlass einer Party findet.

Als „zu alt“ befindet der Türsteher Debbie, Alison als „zu schwanger“. Kein „zu derb“, „moralisch fragwürdig“ bildet dafür Judd Apatow. Mit allerlei unverblümten Dialogen, besonders in Bens Freundeskreis aus alteingesessenen Hippies und kiffenden Jesus-Karikaturen, schockiert Apatow, er ruft Entsetzen und Bestürzung, deren Gipfel in dem Nachfolgewerk „Superbad“ (Kinostart: 3. Oktober), bei dem Apatow als Produzent fungiert, erreicht wird, hervor. Mit Unmengen Humor gesegnete Situationen dienen allerdings nicht der bloßen oberflächlichen Unterhaltung, der tiefere Sinn, die charakterliche Entwicklung, bleibt in jedem Falle immer präsent. Katherine Heigl und Seth Rogen profitieren von der losgelösten Eloquenz ihrer redseligen Rollen. Heigl, deren Gesicht seit den Arztausflügen in der Erfolgsserie „Greys Anatomy“ für schöne Sympathie steht, bleibt der Part von intelligenter Anmut überlassen, die bar aller Postergirl-Allüren im Fernsehbusiness Hochglanz und Esprit, neben dem dauergelockten Frisur-Pappbecher von Rogen, ausdrückt. Lieblichen Blödsinn muss schließlich Rogen überbringen und seine tapsigen Beine von einer Misere in den nächsten Brüstefund, bei seiner Berufung des filmischen Nacktszenensuchens, stürzen.

Aber auch in „Beim ersten Mal“ lauert neben dem strahlenden Weiß die dunkle Epoche, das Schwarz in der Geschichte. All die hervorragenden Eingeständnisse ans Leben, Katastrophen, die ihre Wandlung zu den besseren Erzählungen im Ruhestand bilden, helfen über die eine oder andere Länge oder Schläge über die Grenzen der Gürtellinie, nicht hinweg. In einer über zweistündigen Komödie ein minderwertiges Problem neben vielerlei kultverdächtigen Momenten von belebender Natura. Was noch von „Harry und Sally“ in guter Erinnerung schwebt, tritt in „Beim ersten Mal“ nach langer Wartezeit endlich wieder ein. Ein ungewöhnliches Paar treibt zusammen, auseinander, zusammen und erlebt eine befreiende Entfaltung ihrer selbst, was wirklich in der Phase von Kind in den Erwachsenenstand vor sich geht. Nicht viel, eigentlich. Genug für Judd Apatow ein Baby hinten an zu pflanzen und mit viel Geduld dem Treiben eine längere Kamerafahrt zu schenken. Eine amüsante, lebensfrohe Achterbahnfahrt mit wenig Geplärre, aber umso mehr lichterlohem Grinsen.

Autorin

3 Responses to “Kritik: Beim ersten Mal”


  1. 1 lostpictures September 4, 2007 um 10:43 pm

    Die Qualität der Komödie sind jedenfalls nicht beklagenswert, Superbad scheint ja uachn icht schlecht zu sein. Ich freu mich auf beide Filme.


  1. 1 Lister Lichtspiele Trackback zu August 26, 2007 um 12:09 pm
  2. 2 Beim ersten Mal » CineKie Trackback zu September 16, 2007 um 5:56 pm

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