Kritik: Superbad

USA 2007
Start: 03.10.07

Superbad

Regie: Greg Mottola
Drehbuch: Seth Rogen, Evan Goldberg
Darsteller: Jonah Hill, Michael Cera, Christopher Mintz-Plasse, Emma Stone, Martha Maclsaac, Scott Gerbacia, Bill Hader, Seth Rogen, Stacy Edwards, Marcella Lentz-Pope, Pamella D’Pella, Kevin Corrigan

8/10 Punkte

Kritik: Der Held des neuen Jahrtausends heißt McLovin. Kein Vorname raubt ihm seine erdrückende Kraft, keine Gewehrsalbe könnte ihn in seinem altbackenen Streberaufzug aus den Socken hauen. Einfach McLovin, wie seine menschliche Inkarnation Fogell selbst zustimmt. McLovin, der besitzt ein Alter Ego, wie Spider-Man sein Universum mit Peter Parker teilen musste, wie Bruce Wayne in den Nächten als Batman um die Häuserschluchten schnellte. Dieser McLovin ist unsterblich. Und auch, wenn seine Verwandlung gar armselig leise daher kommt, schließlich benötigt er kein Superheldenkostüm, keine Schminke oder ein ulkiges Kopfband, kann er die Menschheit mit einem Paukenschlag retten und den Feind in die Knie zwingen. Doch das Problem des von Christopher Mintz-Passe gespielten Fogell alias McLovin ist ein wesentlich verheerendes. Statt Ruhm und Muskelkraft möchte der bald aus der High-School entlassene Knabe zuletzt schlicht eine Frau flachlegen und seine unbewusste sexuelle Erscheinung mit allen Kräften auf ein einziges Malheur der weiblichen Sippschaft lenken. Sein Scheitern wäre in Greg Mottolas würziger Komödienrumpelkiste „Superbad“ mit einbegriffen, hielte es sich um den größten Clou im Teeniekanal nach „American Pie“, wäre „Superbad“ der nächste alberne Vertreter einer glücklicherweise verstaubten, aber leider lange nicht beerdigten, Rasse an grauenvollen Jugendklamotten. Doch bekanntlich sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben.

All die Grundgerüste, vom grauen Drehbuch bis zu den gehaltlosen Vorschaufetzen, versetzen „Superbad“ in die Rolle einer höchst langwierigen und zur Genüge betrachteten Folge absurder Exzesse in der erinnerungswürdigen Schulzeit. Sie schließen ihre Fittiche um den kaum ahnungslosen Zuschauer, der bereits weiß, was ihn erwartet. „Superbad“, ein ungemein passender Titel für das anzutreffende Grauen, fruchtet nach Abartigkeit, Blödsinn und bescheuerter Unterhaltung. Dem nicht genug, ist er ebenso genau das. Abartig, blödsinnig und an bescheuerter Unterhaltung nicht zu überbieten, oder unterbieten, wie es denn gerne ausgelegt werden möchte. Die Überraschung, hinter der ganzen vermaledeiten Pampe doch noch ein Traumschiff zu entdecken, ist im Nachhinein nicht zu leugnen. Abseits bekannter Tatsachen erfüllt „Superbad“ durchaus den Bestand angenehmer Sprachlosigkeit. Unerfüllte Triebe treffen in einem charmanten Bombardement aus ausgezeichneter Charakterzeichnung und durchgehend plappernder Protagonisten ohne jedwede nervige Ausschweifungen aufeinander. Dabei sind es nur die ewig gleichen Verlierer, die ihren Gürtel für ihre ausgeprägten Macken wölben und den Weg in ihre Welt freigeben.

Sollte jemals das Wort Versager treffender erschienen sein, für Seth (Jonah Hill), Evan (Michael Cera) und Fogell (Christopher Mintz-Passe) müsste es dagegen glatt neu erfunden werden. Noch wenige Wochen High-School haben die drei hoffnungslosen Fälle vor sich, bis sie endgültig getrennt in Richtung College spazieren. Kurz vor dem tränenreichen Abschied allerdings nehmen sie gemeinsam an der letzten Party ihres Lebens teil, in der Hoffnung bei den Frauen wenigstens im besoffenen Zustand zum Zug zu kommen. Als Alkoholfänger auserkoren, sind die nicht nur jungfräulichen, sondern gleichsam nicht volljährigen Kerle, auf Fogells neuen gefälschten Ausweis angewiesen, der erfreulich einen gewissen McLovin aus Hawaii, zudem Organspender, ausgibt. McLovin, die letzte Rettung, begibt sich notgedrungen in den nächsten Supermarkt und trifft unverhofft auf sein Ticket zur Männlichkeit. Bereits mit einem Trog von Flaschen an der Kasse, wird der Inbegriff eines Nerds von einem Dieb niedergeschlagen. In der grenzenlosen Unmöglichkeit der Situation stürmen Polizisten (Seth Rogen, Bill Hader) den beraubten Laden, nicht ohne den mittlerweile vollkommen aufgelösten McLovin-Aufguss Fogell in die Mangel zu nehmen.

Die vorgesetzte Handlung ist keine, die Deppen vom Lande spinnen wie eh und je, und viel zu oft gesehen, umher, die Witze verschwinden in Sphären der unteren Gürtellinie, die nie zuvor betreten wurden. Eine alberne Tortur ist „Superbad“ und wahrscheinlich wäre sie dies auch geblieben, wenn nicht Judd Apatow („Jungfrau (40), männlich, sucht …“, „Beim ersten Mal“) im Produzentenstuhl Platz genommen hätte, hinzu die damals 13jährigen Drehbuchautoren Seth Rogen und Evan Goldberg. Deren verfasste Autobiographie wirkt auch tatsächlich aus jungen, unbedarften Händen, sie macht den Unterschied zwischen dämlicher Spirituosenjagd und hirnrissiger Popmaschinensuche. In „Superbad“ dagegen werden nackte Brüste genauso wenig benötigt, wie explizite Sexdarstellungen. Im gleichen Zug kann aber kaum behauptet werden, er zeige keine Genitalien, würde milde Dialoge anstimmen und stillschweigend die Fahrtrichtung auf Tragikkomödie ändern. Denn alles gibt es genügend, sei es den Faktor Männlichkeit in Seths originellen Penisgemälden ausreichend schraffiert vorzufinden, Menstruationsblut, das nach einer wilden Tanzeinlage unerwartet auf der allerbesten Hose landet oder den blutrünstigen Säbelschlag des Supermarkt-Wachmanns.

Funktioniert „Superbad“ bereits übersinnlich gut als einfache kauzige Außenseiter-Komödie, wächst der Reiz mit jeder Sekunde das quirlige Trio weiterhin in allerlei Kadaver fallen zu sehen. Denn die Gemeinsamkeiten zur eigenen Schulzeit sind, nicht nur für die männliche Bevölkerungsschicht, die mit einem haushohen Vorteil im Bereich der unteren Extremitäten in den Film startet, kaum von der Hand zu weisen. Übersprießende Hormone, Saufduelle, kochende Nervosität, Versagensängste, und die weiteren natürlichen Nebeneffekte werden zur Schaubude einer ganzen Generation, und jener, die längst vergessen hatte, welch Gräueltaten aus der Vergangenheit noch im Gedächtnis hängen geblieben waren. Das hinter der rauen matschigen Bierfassade weitaus mehr Realität schlummert, kann bereits an dem übergewichtigen Lockenkopf des sarkastischen Seth abgelesen werden, dem schüchternen Dunstblick von Evan und verirrten Schritten einer neuen komödiantischen Spezies: dem McLovin. Christopher Mintz-Passes Eintritt in die Schauspielerei ist kultverdächtig zu nennen, er ist die perfekte Verkörperung eines Freak, einer unverständlichen tickenden Zeitbombe, einer Waffe gegen jedes Lebewesen.

Der andauernde Witz schlägt den warmherzigen Protagonisten ein Schnippchen. Mit seinen groben zwei Stunden ist ein Apatow-Werk ein weiteres Mal über dem Exodus seiner Laufzeit angelangt und fasst den Fuß fälschlich viel zu sehr bei den Kind gebliebenen Cops, anstatt die Helden seiner Zunft mit Ruhm zu bekleckern. Seit langen Tagen der bestialischen Verseuchung jedoch, entsteht endlich ein Stern im Blödelhimmel für Teenie-Filme, die jegliche Teenie-Mentalität vermissen lassen. „Superbad“ ist der Vorreiter unter den superguten banalen Komödien, die ähnlich geschmacklos nur von Quentin Tarantino gemacht werden könnten.

Autorin

5 Responses to “Kritik: Superbad”


  1. 1 Dr. T. Le Vision August 28, 2007 um 10:44 am

    Mit diesem Film geht es mir wie mit „Knocked Up“. Es hört sich alles ganz schrecklich an, aber die Filme kommen in den Kritiken gut weg… Trotzdem macht mich das misstrauisch, weil an diese Filme vielleicht nur mit allerniedrigster Erwartungshaltung herangegangen wurde? Ich kann mich noch immer nicht damit anfreunden, zumal die Trailer schon so schrottig waren…

  2. 2 Twig August 28, 2007 um 2:12 pm

    Ich bin mit hohen Erwartungen in „Superbad“ gegangen. Ich wurde nicht enttäuscht. Eine sehr gute und lustige Komödie. Sehe es genauso wie Soraly: 8 Punkte.

    In „Beim ersten Mal“ hatte ich auch hohe Erwartungen – die sogar übertroffen worden. Sicherlich die beste Komödie des Jahres.

    Gehe in beide Filme, und du wirst begeistert sein 🙂 .

  3. 3 Soraly August 28, 2007 um 3:49 pm

    Wenn die Kritiken im Vorhinein nicht gewesen wären, hätte ich den Kinobesuch ausgespart. Allerdings ist Apatow momentan (egal welche Sprache die verunstaltete Vorschau spricht) der König der Komödien. Derb, aber majestätisch.

  4. 4 Dr. T. Le Vision August 29, 2007 um 12:12 pm

    Na gut, auf eure Verantwortung werde ich das mal testen. Und weil ich Michael Cera mag. 😉

  5. 5 lostpictures September 4, 2007 um 10:44 pm

    Der Trailer ist wahnsinnig gut und durch die dauernden positiven Filmkritiken bekomm ich nur noch mehr Lust auf den Film, endlich mal wieder eine nette Teeni-Komödie.


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