Kritik: 28 Weeks Later

USA, Spanien 2007
Start: 30.08.07

28 Weeks Later

Regie: Juan Carlos Fresnadillo
Drehbuch: Rowan Joffe, Juan Carlos Fresnadillo
Darsteller: Robert Carlyle, Rose Byrne, Jeremy Renner, Amanda Walker, Shahid Ahmed, Harold Perrineau, Catherine McCormack, Garfield Morgan, Emily Beecham, Idris Elba

6/10 Punkte

Kritik: Sie schlürfen mit eingeknickten Beinen durch die Straßen, blicken wirr aus toten Augen und wetzen blutsüchtig auf den nächsten Menschenhort zu. Ein Hoch auf die Zombies, die von Gift infizierten Menschen, nunmehr Tiere, ohne Sinn und Verstand, aber einer Mordlust, die seinesgleichen sucht. Unzählige Filme später könnte der Gedanke entstehen, die Kannibalen hätten ihren Geschichtsdrang verloren, mit ihm das Publikum die Neugierde. Doch im Hollywood der Moderne ist brauchbares Frischfleisch schon lange brach gelegen. Wir befinden uns zwischen infizierten Fortsetzungen, hungrigen Abklatschen bedeutsamer oder banaler Originale und in toten Lichtspielhäusern. In „28 Weeks Later“ sogar ist das Duplikat dupliziert, vom charmanten Ursprung „28 Days Later“ und den zombiatischen Grundgedanken geprägt. Die Flucht treten im Falle todbringender Malocher inzwischen nicht nur wahnsinnige Menschen an, sondern die Regisseure eben jener Blutbäder ebenfalls. Danny Boyle überließ Juan Carlos Fresnadillo ein gelecktes Ruder einer alten sterbenden Pest. In seiner Schwärze gleicht „28 Weeks Later“ gar der Seuche, von der Hoffnungslosigkeit, Getriebenheit eines eingenommenen Landes hin bis zu den fugenlosen Horrorelementen.

28 Tage später ist alles verloren, Großbritannien von einem Virus heimgesucht, der sich nur allzu schnell verbreitet und ehemalige Menschen in rachsüchtige und unkontrollierte Furien verwandelt. Das Szenario ist bekannt, „28 Days Later“ schuf es bereits. Doch die Protagonisten sind andere, obwohl kaum ein Zweifel an ihrer Gemeinsamkeit mit den verbarrikadierten Überlebenden des ersten Teils besteht. Verschanzt zwischen Wäldern und Seen kämpfen wenige Überlebende in einem kleinen Haus gegen den unaufhaltsamen Hungerstod und die schier greifbaren Infizierten. Ihre Vorsicht ist überdimensional, aber menschlich genug einem fremden Jungen Eintritt in ihr Quartier zu gewähren. Ein Fehler, für den sie bitter bestraft werden. Minuten später brechen Horden von Infizierten ein, sie fallen über die Überlebenden her, saugen ihre Münder voll vom menschlichen Blut. Einzig Don (Robert Carlyle) tragen seine Beine über Böschungen, weit davon in die Sicherheit eines Bootes. Er überlebt, steckt fortan in Quarantäne, geplagt von den Gewissensbissen, seine Frau Alice (Catherine McCormack) auf der Flucht zurück gelassen zu haben. 28 Wochen später kehrt endlich Ruhe ein. Die Infizierten liegen verhungert ohne weitere Fleischzufuhr in den Straßen, ihre Leichen verwesen langsam. Derweil werden die Tore in einem kleinen Bereich, District 1, für Überlebende wieder geöffnet.

London ist grau, kalt, seine Invasion unübersehbar. Ein Chaos von leergefegten Straßen, stillen Winden, die über Pizzakartons, stillstehende Autos, wehen. 28 Wochen später herrscht ein Nullpunkt, eine Farce zu einem Neubeginn, der bekannte Glücklichkeit erneut in die Herzen der Menschen beschwören soll. Unter den ersten Ankömmlingen stecken auch Dons Kinder Andy (Mackintosh Muggleton) und Tammy (Imogen Poots). Maßgeblich für „28 Weeks Later“ ist eine vereinnahmende Ruhe in den Grundminuten, in den jeweiligen Anfangstönen zwischen Beginn, zwischen Sicherheit und herannahender Gefahr und Kollision mit dem vollkommenen Sicherheitsverlust. Eine fast orientierungslose Regierung ist dem Wahnsinn eines Virus ausgesetzt, bemüht Ruhe zu waren, aber unfähig weit reichende Kontrolle zu schaffen. Die Bemühungen sind es im Endeffekt jedoch, die der Hölle wieder Einlass gewähren. Gerade Kinder, gleichzeitig Zeichen von Hoffnung und spielerischer Naivität, befördern die kurzweilige Ruhe ins erneute Nirwana einer unbarmherzigen Seuche. Natürlich suchen Andy und Tammy in den stillgelegten Ruinen außerhalb des Sicherheitsbereiches District 1 ihre alte Bleibe auf, wollen einen Neuanfang mit alten Erinnerungen, Gegenständen der Vergangenheit besiegeln.

Sie rechnen nicht mit ihrer eigentlich toten Mutter Alice, die eine natürliche Immunität gegen das Wut-Virus aufgebaut hat, dafür aber unbekannt als Wirt fungiert. Dieser Hoffnungsschimmer ist neu, er ist im Horrorfilm weitgehend fremd und erscheint eigenartig in „28 Weeks Later“ zwischen den Fronten von Krieg und Zerstörung eingekesselt. Ein Virus, der besiegt werden kann, dessen Ursprung in einfachen medizinischen Praktiken Aufschluss über die unerschöpfliche Blutgier der Halbzombies gibt. „28 Weeks Later“ belässt den aufleuchtenden Stern dennoch in einer althergebrachten Symbiose aus späteren Splatteranzügen und rasanten blitzgewaltigen Kamerafahrten, deren Schnelligkeit die ungestümen Totengräber inklusive aller Opfer rasch und nun doch endlich ohne falsche Hoffnung vergessen oder gar nicht bemerken lässt. Angetrieben von einer hochtreibenden affektierten Actionschlacht führt die etwas andere Einleitung, die furiose schwungvolle Fahrt durch die, in den Filmminuten, ersten Horden von halbmenschlichen Gestalten, eine umso enttäuschender anmutende dunkle Effektorgie fort. Nach Ladenschluss befällt London ein weiteres Mal eine unaufhaltsame Prise herrenloser Menschen, die Don, der in einem entschuldigenden Kuss von Wirtin Alice infiziert wurde, munter meuchelnd anführt.

Finstere und endlos erscheinende Tunnel später sitzt der Fluch weiterhin auf, bis er, wie die Folgen von „28 Days Later“ schon bewiesen, in „28 Weeks Later“ vielleicht nach „28 Months Later“ in einer verlassenen Welt mündet und bis „28 Years Later“ eine totalitäre, von Zombies beherrschte Gesellschaft entstanden ließe. Der Raum besteht voll von merkwürdigen, aber in filmischen Wegen unbestritten interessanten, Zukunftsvisionen, die Sinn und Zweck von Fresnadillos „28 Weeks Later“ jedoch mit jedem Schritt in seine Anlagen zusammenfallen lassen. Ein Übergangswerk platzt in die Runde, das in den vorteilhaften Grundgerüsten von Danny Boyles „28 Days Later“ zwischen krachenden Lauten, aber wenig charmanten Protagonisten, deren Leben im kurzzeitigen Überleben und späteren Sterben besteht, baden geht. Für eine typische Horror-Splatter-Maschinerie prangert „28 Weeks Later“ ebenso ein Stück weit zu provinziell und gestellt die von Ruhe und Kontrolle beseelten Militärkräfte an, deren Code Red in einem reinem Schlachthof mündet. Scharfschützen sondern Gewehrsalbe gegen alle lebenden Ziele ab und verlieren, die Parallele zu den Machenschaften der amerikanischen Streitkräfte in Krisenregionen ist unübersehbar, jegliche Menschlichkeit. Ob infiziert oder nicht spielt in jenem Moment keine Rolle mehr, es geht nur noch ums nackte Töten und die Herrschaft über den Virus.

Mit atmosphärisch dichter Authentizität pokert Fresnadillo geradezu in „28 Weeks Later“ bis zum lärmenden Schlussknall, der den geplanten Nachfolger „28 Months Later“ nunmehr auf französischem Grund einläutet. Von Rotorblättern zerrissene Infizierte, düstere Horrorvisionen und beengte Raummaße spielen in dem neuerlichen Ausflug ins Schwarzlichtmilieu eine groteske Rolle und zerren den stringenten Beginn in eine lauwarme und leider allzu typische Fressorgie vernarrter Zombiependants. Fressen oder gefressen werden, heißt es noch so schön. „28 Weeks Later“ offeriert beides: blutrünstigen Stumpfsinn und verschollene Originalität.

2 Responses to “Kritik: 28 Weeks Later”


  1. 1 Maddin September 20, 2007 um 3:37 pm

    In diesem Film fand ich die Schockmomente so klasse. Ich habe mich mehrere male dermaßen erschreckt (ich hasse es so sehr, wenn im Film alles still ist und man genau weiß, gleich kommt irgend was fieses)! Das übertrieben blutige Massaker konnte mich zwar nicht besonders begeistern, aber großartig gestört hatte es mich auch nicht. Insgesamt ein gelungener Film, auf dessen Fortsetzung ich schon sehnsüchtig warte.


  1. 1 28 Weeks Later » CineKie Trackback zu September 8, 2007 um 9:43 am

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