Kritik: Hairspray

USA 2007
Start: 06.09.07

Hairspray

Regie: Adam Shankman
Drehbuch: Leslie Dixon, John Waters
Darsteller: Nikki Blonsky, John Travolta, Michelle Pfeiffer, Christopher Walken, Amana Bynes, James Marsden, Queen Latifah, Brittany Snow, Zac Efron, Elijah Kelley, Allison Janney

8/10 Punkte

Kritik: Sie lechzen dem Pophimmel der sechziger Jahre entgegen, bunten Wolken, die in den verlassenen Straßen des Nachts untergehen. Sie beäugen die grauen Mattscheiben, noch verzerrt und blass, ganz wie das Bild, dass die in schwarz und weiß gemeißelten Fernsehstationen vorgeben. Sie blicken auf in die Bühnenbilder, bestickt voll opulenter Festanzüge und den protzenden grellen Stoffen des gesungenen Prunks. 1962, in dem hinteren Fetzen der Kleinstadt Baltimore laufen die Kinder Amok für eine Sekunde der „Corny Collins Show“, einem wuchtigen Fernsehklassiker zwischen Tanzeinlagen und Lebensweisheiten, der beeindruckt und vereinnahmt. Besonders die pummelige Tracy Turnblad (Nikki Blonsky) schwingt ihre Hüften, wallt die Haarkrone, um dem Ebenbild von Schön und Reich ein beleibtes Pendant anzubieten. Sie will zeigen, welch Qualitäten in rund und klein stecken; wie der Puls der Zeit ein modernes Märchen vom Mädchen mit den Wunderfüßen und der Wunderstimme spinnt. Für eine toupierte Kopfespracht, die schwungvoll den Takt anstimmt, ist viel „Hairspray“ nötig, ganz zu schweigen vom grellen Hintergrund der Tapete und vielleicht ein wenig Glück im Spiel, neben unförmigem Talent. Warum reden, wenn singen einen Wahn des Publikums erzeugt? Warum träumen, wenn träumen die letzte Ausflucht aus dem korrupten System bedeutet? Warum Stillschweigen bewahren?

Fernsehen in den sechziger Jahren bedeutete dreierlei: Manipulation, weiße gutmütige Bürger, fröhliche Musik im Takt rassistischer Unkenrufe. Einmal im Monat kam der Negertag in die Stadt, ein Tag – wohlauf in ganzen dreißig Tagen des Monats der quotenschwächste – beseelt dem faschistischen Treiben ein Ende zu setzen. Die ruhelose Spaßparade des Show-Titelgebers Corny Collins (James Marsden) verschwindet für eine kurze Demonstration der schwarzen Gemeinschaft in den Händen von Motormouth Maybelle (Queen Latifah). Für Tracy Turnblad spielt schwarz oder weiß keine Rolle; Musik ist ihr Domizil des Lebens, abseits aller Hautfarben, nur von den Rhythmen lebend. Ihr Kampf neuen Wind in das populäre Horrorkabinett „Corny Collins“ einzuschleusen ist ein Kampf mit Mutter (John Travolta) und Vater (Christopher Walken) und einer Horde blinder Nichtsnutze, deren Verstand von Talent an der nächsten Puderdose endet. Sie will in diese Show, sie will den Aufhänger in ganz Baltimore stürmen und sich zu Eigen machen; den Traum des wundervollen Amerika leben. Doch wiegt ihre Gewichtung mehr, als das sterilisierte Publikum empfinden könnte?

„Good Morning, Baltimore“, ein Ausruf voller Naivität wirft den neuerlichen Tagesbeginn in das knallbunte Angesicht Tracys. Stimme, Charme, Beinarbeit, „Haispray“, bis die Scherzartikel im Laden ihres Vaters brennen. „Hairspray“ ist der Wunschkredit, das große Oho und Markenzeichen in den steifen Armen der Stadt, gleichsam Aufhänger für Adam Shankman in der Adaption des Broadway-Musicals – vorhergehend eigens eine Umsetzung des unverwechselbaren Films von John Waters – „Hairspray“, die frohlockenden Tanzflächen zu sprengen. Ein Beben plumpst durch die Bühne und der Hebel kippt um, Dialoge verwandeln sich urplötzlich in Gesangestexte. Lieder erzählen Geschichten, Scheinwerfer drehen verwirrt ihre blitzenden Runden auf der Suche nach dem nächsten Superstar. „Hairspray“, ein Wort, wie die Namen seiner Hauptprotagonisten Tracy Turnblad, Corny Collins, Penny Pingleton, Velma von Tussle und Motormouth Maybelle stereotyp und neumodisch, als wenn der Schnick-Schnack mit jeder endlosen Gesangszeile weiter eindringt und kitzelt; als wenn der Rauch des dampfenden Haarfestigungsmittels zeitnah den Tod verkündet. Etwa wie die Furcht vor „Hairspray“, einem personifizierten musikalischen Donnerwetter, dem ein Gesang nachläuft, der 100 Minuten andauert und noch immer die Ohrmuscheln verstopft.

Alles an „Hairspray“, gesprochen sei von dem Film, der John Travolta in die übermächtige Edna Turnblade verwandelt, strotzt nur so vor Protz, Glimmer und vielen Sternchen, die eine Fassade des übermächtigen Hollywood befördern und verwandeln, wer oder was Verwandlung bedarf. Die Mutation – sie mag an „Pleasantville“ in seinen marmorierten grauen Tönen und dem äußerlich freudestrahlenden, aber trägen Dasein erinnern – von schöner Attrappe und Gaukelspiel die heile Welt vorzugeben, bleibt in „Hairspray“ sowohl an Ober- und Unterfläche. Kritik will das poppige Festspielzeit nämlich keineswegs offensichtlich nehmen, sondern Spaß in den Vordergrund setzen und Wind in die Musiksegel blasen, am Besten soviel wie nötig. Soviel wie nötig, mehr als pompös und für den ein oder anderen zu viel des Guten. Nicht umsonst nennt es sich „Musical“, in dem die Musik mehr als hauchzart innewohnt. Wer anderes erwartet ist schon in den überwältigenden Anfangsminuten fehl am Platz. Da ertönt die helle Stimme von Tracy Turnblad auf dem Weg zur Schule, ihr Singen und die fröhlichen Texte schwimmen mit, selbst als sie den Bus verpasst, aber gewohnt des amerikanischen Mottos „Alles ist möglich“ ein Müllauto als Gefährt missbraucht.

Bewohnt ist dieses, mitunter für heutige Verhältnisse, armselige Dorf Baltimore von einer einzigen TV-Station. Wer dort der Masse abtrünnig wird, hat schnell verloren. Oder würdigt die Glotze keines Blickes. Unter vollkommener Kontrolle stehen die Bürger in einem unüberwindbaren Tal, in dem Politik auf einem Kanal (sofern überhaupt) blitzt, Zeitungen liebend gern Ruhe vermitteln und ansonsten die Party einzig in dieser verrückten „Corny Collins Show“ stattfindet. In den sechziger Jahren ist „Corny“ frisch, bunt und eine würdevolle Vertretung des jugendlichen Pubertätsgefühls, auszubrechen. Sie flüchten in die Musik, fort von Eltern und Schule, die beide mehr an ihrer Autorität verlieren und die Jugendlichen wenig bei der Stange halten. Das Leben spielt die Musik. Musik stimmt das Leben ein. Heute allerdings spricht die Show für eine verkalkte Kultur, aus nostalgischen Gründen noch von einer kleinen witzigen Erinnerung, die geradezu platzt vor knalligen Kostümen, Tänzern, die hüpfend die Bühne stürmen. Wenn „Hairspray“ abseits der Sechziger, abseits der Eigenarten und politischen Situation spielen würde, er wäre katastrophal. Wo besser, als in die Kennedy-Ära passt Tracy, das übergewichtige Mädchen, die Amerika und der extravaganten Show-Chefin Velma von Tussle (Michelle Pfeiffer in einer Paraderolle) ein Schnippchen schlägt und einfach den Thron erklimmt? Wie gelungener könnten die scharfzügigen und spritzigen Texte sein, die mit Leichtigkeit Vorurteilen an den Kragen gehen? „Hairspray“ mag wie ein überzuckerter Alkopop wirken, fasziniert aber in Wirklichkeit mit größerem Kino, als „Dreamgirls“ mit seinem Schick und überzogenem Stil jemals sein könnte. Schlicht charmanter würft Adam Shankman Musik in das parodistische Musical.

Nie halbgar oder wehleidig an seine Vorbilder geklammert, pulverisiert eine in dem fantastischen Schauspielkader ganz besonders. Ihr Name: Nikki Blonsky. Auch wenn sie rein namentlich ähnlich schräg wie ihre Leinwandinkarnation Tracy Turnblad einschlägt, sie ist neben den jungen Landläufern Amanda Bynes, James Marsden, Brittany Snow und Zac Efron – allesamt bekannt und im Musical zuhause – der Knackpunkt von „Hairspray“. Ihre frische Eleganz sticht zwischen etlichen Kilos zuviel heraus, wie John Travoltas Unfähigkeit Tracys Mutter Edna die Lächerlichkeit zu nehmen. Wen kümmert’s? Christopher Walken glänzt in dem bezaubernden Duett „You’re Timeless to Me“ mit Travolta und spaziert dabei gelassen wie eh und je durch die weiße Wäsche, Queen Latifah schüttelt ein weiteres Tanzgut aus dem Ärmel und Elijah Kelley als wendiger Seaweed gibt Spontaneität mit ausgefeilter Sangeskraft neuen Atem. Sowieso bleibt in all dem quietschbunten Gesangesmarsch eines triumphierend in der Höhe: Neues muss keineswegs aus neuen Stoffen gewonnen werden. Es genügen Stil, ausufernde Choreographien, poppige Gesänge und Kitsch und Schmalz aus allen Löchern. „Hairspray“ bändigt dunkle Untertöne zu einem leicht verdaulichen Musical-Cocktail, der schwerherzige Geschichte mit beschwingenden Rhythmen mischt.

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