Warum Ang Lee kompliziert, der Löwe verwildert und asiatischer Stäbchenschmuck sexistisch ist

Ein Resümee des abgelaufenen Filmfestivals in Venedig, des Siegers Ang Lee und seiner Chancen in amerikanischen Girlanden.

Filmfestspiele Venedig

Sollte der Binsenweisheit „Sex sells“ nach Ang Lees proletarischen Spiel mit der offenherzigen Zurschaustellung menschlichen Fleisches in „Lust, Caution“ („Gefahr und Begierde“) Recht gegeben werden? Oder sorgt der erotische Spionagethriller für eine frische Prise im politischen Dschungel von Venedig? Denn eines ist gelaufen: die 64sten internationalen Filmfestspiele am Lido flogen im Winde des laufenden Festivals im kanadischen Toronto davon. Unsereins bleibt träge hinter den leise Ausgezeichneten zurück, auch mit neben liegender Tatsache, Venedig zwischen Cannes und Berlin trabend vorzufinden. Für Filmfreunde aller Welt sinken die drei europäischen Felder mehr und mehr zu einen Nebenkategorie amerikanischer Partner zusammen. Nicht der „Oscar“ oder „Golden Globe“ spurten haushoch davon, die kleineren Vertreter in dem von Robert Redford organisierten „Sundance Film Festival“, den Freunden in Chicago mit dem „Chicago International Film Festival“ und Robert de Niros „Tribeca Film Festival“ sind es, die Relevanz erzeugen. Vielleicht spielt ihr Beiname „Film Festival“, „International Film Festival“ die ausschlaggebende Rolle, dass ihre Gewinner weiters Gewinner bleiben und nicht im europäischen Filmsumpf untergehen.

Nackte goldene Männer (Oscar, Acadamy Awards) schlagen demnach Palmen (Palme d’Or, Cannes), Bären (Berlinale) und Löwen (Leone d’Oro, Venedig). Eine unfaire Bestimmung der Natur. Der Mensch wählt den ihm am nächsten stehenden Preis zum wertvollsten Objekt. Klar, dass Männer die Zielleiter früher erklimmen, als königliche Wedel oder haarige Wesen, schließlich sieht das Publikum grundsätzlich lieber nackte Gestalten; Fußabtreter sind ihrer Bedeutung nach recht unnützer Beischmuck. Sozusagen die Creme auf dem Dessert. Oder auch das Dessert auf dem Dessert, das den Hauptgewinn verdeckt. Ang Lee nun, der zum zweiten Mal in drei Jahren nach „Brokeback Mountain“ den Preis der siebenköpfigen Jury mit nach Hause nahm, kann stolz sein, oder gelangweilt auf den Goldjungen schielen. Denn „Lust, Caution“ fällt im Rennen des begehrtesten Filmpreises der Welt (ein Superlativ, der nur so vor Verlogenheit leuchtet) in die Sparte „Ausländischer Film“. Kenner wissen: „Bester Film“ ist Unkenjahre entfernt, wie das politische Prädikat „L. A. Crash“ dem Schwulenwestern (ein weiteres Superlativ, wieder verlogen) „Brokeback Mountain“ auf die Pfoten tappte. Amerikanisch ist in.

Politisch ganz besonders, in Verbindung mit ein bisschen Sexgestaltung dann noch mehr. „Lust, Caution“ spielt bis auf zwei Kleinigkeiten in der höchsten Liga: 1. er ist asiatisch, 2. er bringt eine NC-17-Freigabe mit. Ersteres ist nicht minder wichtig, als letzteres. Denn das Hauptproblem vieler Kinobesucher, die mit chinesischen, koreanischen oder sonst (seien wir sarkastisch) schlitzäugigen Filmen konfrontiert werden, ist folgendes: sie können sich weder Namen, noch Gesichter merken. Da Asiaten bekanntlich alle gleich aussehen und ähnlich abgehackte Namen besitzen (Wong Chi Wau und Chi Wong Wau – sie heißen doch alle gleich) … Pech für Ang Lee. Ihn versteht keiner. Überspitzt wahrlich, aber die Masse bringt bis heute nichts in asiatische Filme. Die angesprochene NC-17 (entspricht einer Mischung der deutschen FSK 16 und 18, wie auch immer die Sexszenen bewertet werden) ist dann höchstens ein Problem der Academy. Scorseses diesjähriger „Bester Film“-Gewinner „The Departed“, eine reißerische Verfolgungsjagd zwischen gutem Cop und bösem Spitzel, zersetzt die Theorie in ihre Grundfeste. Doch Scorsese ist nicht Ang Lee. Und Ang Lee vielleicht ein ähnlicher Wunderschütze mit seiner Filmdatenbank, aber noch lange kein reicher Mann in Hollywood, oder ein ebenso angesehener.

Das politische Scharmützel des diesjährigen Filmfestivals in Venedig konnte kein George Clooney retten, der mit der massentauglichen Politdrossel „Michael Clayton“ eben jenen Alltag in Toronto aufbauschte. Stinklangweilig und wie üblich eher rentnerfreundlich bescherte das Programm eher einen flauen Hintergedanken: Künstlerisch wertvoll, aber ebenso eine Spaßbremse. Und präsentierten die Standpunkte andersartige Kunst, abseits von Brian de Palmas Mockumentary (fiktiver Dokumentation) „Redacted“, für die er den Regiepreis annahm, und Paul Haggis Melodram „In the Valley of Elah“, beide über den Irakkrieg, wurden sie in Händen von Woody Allens neuster Thrillersymphonie „Cassandras Traum“ von Kritikern in die Pfanne gehauen. Nicht nur die Jury des Wettbewerbs entpuppt sich mit einem Altersdurchschnitt von 53 Jahren1 als altbacken, das Programm ist passend hinzu gestaltet. Von Frühpensionierten, für Frühpensionierte. Der Oscar bietet allemal mehr. Klitzer, Glitter und viel Hokuspokus. Aber dieselben fragwürdigen Entscheidungen. Nur im besseren Packet.

Die gesamte Liste der Gewinner
• Kinostarts im Überblick:
– Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (Start: 25.10.07)
– Gefahr und Begierde (Start: 18.10.07)
– Cassandras Traum (Start: 03.01.08)
– Michael Clayton (Start: 15.11.07)
– I’m not there (Start: 10.01.08)

1 Zhang Yimou (55), Catherine Breillat (59), Jane Campion (53), Emanuele Crialese (42), Alejandro Gonzalez Inarritu (44), Ferzan Ozpetek (48) und Paul Verhoeven (69).

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