Eine raubeinige Frühsaison voller Vorahnungen

Oscar

Und der Oscar geht an … Wenn sich die Frage aller Fragen ein jedes Jahr aufbläht, schalten amerikanische Journalisten auf Autopilot. Sobald die Ungewissheit im frühen Herbst die noch kleinen Schlagzeilen beleuchtet erbeben die selbsternannten Oscar-Experten und senden Favoriten und Tipps in alle Winde. In den meisten Fällen beläuft sich das Ergebnis auf eine, im Nachhinein, erschreckend geringe Trefferquote. Zum ersten Paukenschlag setzt nun „USA Today“ an, deren Vormarsch oder prinzipielle Erscheinung im Auszeichnungshimmel gleich in drei absurde Spalten gegliedert ist. „Hot Film“, „Split decision“ und wahrlich das schöne Nebenstück „Other Oscar bait“ teilen sich die Fronten, wobei ein Kampfplatz offensichtlich hervor sticht. „Hot Film“ lautet der erste Fehltritt des frühzeitigen Buddelns bislang nicht veröffentlichter, oder nur auf Filmfestivals prämierter, Wettkandidaten. Es ist „Juno“ von Jason Reitman, weitläufig als „schwarze Komödie über Schwangerschaft bei Jugendlichen“ bekannt und doch tatsächlich ein Independentfilm (auch wenn man über „Independent“ grübeln mag – schließlich spricht unabhängig heute für ein verfälschtes Bild – in der Allgemeinheit lautet ein Film mit niedrigem Budget und unbekannten Schauspielern nun einmal „Independent“), den die „USA Today“ aus dem Boden stampft.

Keineswegs will die Autorin dem bestimmt absolut putzigen Filmchen den Atem vereisen, aber ernsthaft kann selbst ein Unwissender kaum behaupten, „Juno“ hätte außer im Bereich des Drehbuchs eine erkenntliche Chance. Hauptdarsteller Michael Cera („Superbad“) mag im Zuge der Komödien von Judd Apatow wahrlich keinen Unbekannten offenbaren, klebt jedoch geradezu an einer prädestinierten Erscheinung eines Kindes. Seine Augen stechen, ähnlich den großen Glubschern der zweifellos fantastischen Abigail Breslin in der letztjährigen Tragikkomödie „Little Miss Sunshine“, hervor, doch ihre Mandelform verrät einiges mehr. Nicht erst elf Jahre hat der Knirps auf dem Buckel, sondern seine Wege gehen hinein in den Kanal der Erwachsenen. Wenn von „Coming of Age“ die Rede wäre, würde „Juno“ ab sofort einen unabsichtlichen Stempel tragen, der jedweden Oscar, geschweige denn eine Nominierung vereitelt.

Von „Hot Film“ steigt der Adrenalinspiegel unaufhörlich in Richtung der Unterabteilung „Split decision“, die in Wirklichkeit genau diejenigen Kandidaten verdeutlicht, die in eben jener Kategorie der „Hot Films“ hätten hängen bleiben müssen. Von dem erneuten Aufschlag der Coen-Brüder „No Country for Old Men“ ist die Rede, von einer lange vergessenen Ermordung des Jesse James (ein elend langer Titel: „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“) und natürlich bleibt weiterhin die Spucke in undefinierten Kategorien kleben. Die Aufzählungen stehen sprachlos in ihren Zeilen und fürchten den Kampf um einen Oscar gleich vor der Verleihung; in einem Kampf mit ihrer mausgrauen Schriftfarbe. Den wichtigsten Stoff trägt beileibe überraschend „Other Oscar bait“. Endlich klingen Titel wie „Elizabeth: Das goldene Königreich“, „Atonement“, „Eastern Promises“, „I’m not there“. Endlich leuchten die Darsteller des Jahres; Tommy Lee Jones, Cate Blanchett, Brad Pitt, Javier Bardem. Allerwenigstens drücken sie sich in diesem unverhohlenen Bockmist gegenseitig aus den Zeilen. Ein Bardem kämpft gegen Brad Pitt, obwohl in allen Fasern deutlich ist, dass beide in unterschiedlichen Kategorien (Bardem „Bester Nebendarsteller“ für „No Country for Old Men“, Pitt „Bester Hauptdarsteller für „Die Ermordung des Jesse James“) antreten, somit der Kampf eher ein Kampf mit dem eigenen Schatten ist.

Kritiker David Poland zieht mal hier, mal da, seinen Hut, gefüllt mit belang- und zusammenhangslosen Zitatfetzen, die nur ein schlecht recherchierter Artikel bieten könnte. Es ist Gewäsch und zeigt lediglich grob den Standpunkt der diesjährigen Award-Session, die Jahreszeit, die mit Ende der Oscars im Februar schlägt und erst im kommenden Februar endet. Wir wissen, dass wir nichts wissen. Denn außer Experten kann einzig die Glückskugel entscheiden, gefolgt von tausenden Acadamy-Mitgliedern, die wild Kästchen ausfüllen. Nach ihrem Belieben wohlgemerkt. Ein Experte im Oscarzirkus wäre der, der eine Massenwahl voraussieht. Punktgenau und immer treffsicher. Ohne einen Fehltritt oder auch nur den Gedanken daran. Wollen Favoriten aufgezählt werden, es geht schnell, in einem Satz: „In the Valley of Elah“, „Eastern Promises“, „Sweeney Todd“, „Youth Without Youth“, „No Country for Old Men“, „Atonement“, „I’m not there“. Ohne Gewähr natürlich. Und dabei wären wir wieder beim Lottospiel. Anders läuft kein Huhn beim Oscar. Malen nach Zahlen. Ratespiel vom Winde verweht.

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