Hollywood, die Rabenmutter aller Dramen

Reservation Road

Vergrößerte und vor allem komplette Darstellung auf den Klick.

Oh Graus, welch emotionale Schmäh nur betreibt das Plakat zu „Reservation Road“? Köpfe treiben dahin, drei an der Zahl zwischen den anbiedernden Farbtönen, und so geschlachtet, dass man kaum wagt ein weiteres Bildnis zu betrachten. Sie baumeln lose in den warmen Winden von Orange, sie sprießen dahin in ihrer kopflosen Weise. Sie, die Köpfe, unkenntlich vermacht, von der damals so schönen Gesamtheit. Das Kinn – hinfort. Die Haare – zerrupft. Ein Blick, nur gestaucht und nach der einen Prise Wahrheit suchend.

„To find the truth you have to find who’s hiding it.”

Ah, die Geheimniskrämerei schlägt zu, sie wölbt den Magen. Tatsächlich offenbaren drei Köpfe ein Maß aller Dinge: die Suche nimmt am Auge des Zuschauers ein Ende. Joaquin Phönix blickt mit trägen Augen und Bartwuchs tief in die vermutete Seele des Gaffenden und erkennt: „Hey, ihr da, ihr besitzt alles, was ich wissen muss. Ihr führt ein Geheimnis herum. Ihr seid die Truhe des Schicksals.“ Alle anderen schauen vorbei, Mark Ruffalo und Jennifer Connely gehen mir ihren Blicken mal nach rechts, mal nach links, sofern es in statischen Plakaten möglich ist. Vermutlich dachten die Damen und Herren der Marketingabteilung: Wenn nicht ganz, dann nicht halbiert, wenn nicht halbiert, dann nicht im Viertel, wenn kein Viertel, dann lieber sogleich ein Achtel. Wie das Amen in der Kirche beschwichtigt „Reservation Road“ ein weiteres Mal den Status einer voraussehenden Auszeichnungsfee, die alles zeigt, viel verspricht, aber wenig einhält. Ein Trailer von zweien (letzterer zeigt 90 Prozent der Handlung) wurde tatsächlich mit allen Informationen inklusive Ende ausgeschmückt, die das vorliegende Buch (natürlich ein Bestseller) enthielt. Mord bot es, Totschlag, Fahrerflucht, Liebe und Intrigen.

„Reservation Road“ wäre der Knüller des Jahres, würden die Hauptbestandteile nicht alle Nase lang nach einem typischen Drama schreien. Färbt die ungenannte Weisheit „Bringe das Kinde zum Heulen und du wirst ganz sicher siegen“ auf all die Vor-Oscar-Kost ab? Warum muss das Publikum jedes Jahr in den Monaten Januar bis März (September bis Dezember in Amerika) Tränen frühstücken? Warum steckt die Komödie so offensichtlich zurück und landet in pompösen und augenscheinlich herzerwärmenden Stoffen? Hollywood sagt, der Mensch brauche Leid, besonders wenn es schneit und nieselt, wenn die Wolken dunkel und die Märchen grau werden. Ohne Fantasie wäre das Märchen ein Drama. Ein Drama jedoch bleibt ein Märchen ohne Fantasie oder den guten Glauben einer besseren Welt, die irgendwann hervor quillt, solang Märchen am Himmel wallen. Ein Drama kann eines schrecklich gut: Grauen und Ängste lebendig formen. Aber ohne Fantasie erstickt die beste Vorlage an den geschwätzigen oder rumpelnden Wörtern eines Drehbuchautors.

Der Film im Stakkato-Effekt prallt auf ruhige Schuhe alter Umsetzungen. Heute muss ein jedes Stück den Knall vorneweg besitzen, nur um den Zuschauer nicht gleich öde von der Seite zu berieseln. Doch wie soll ein Drama, feinfühlig wie es immer war, Paukenschläge formieren? Wie kann Tragik tosend eintreten, sei es nicht mit einem Schwall an Hoffnungslosigkeit und seelischer Qual? Warum steht ein Mord als Erstes, dann erst das Leben? Warum kein Leben markieren vor dem grellen Lockruf des Todes? Ist der Zuschauer des Heute tatsächlich so wenig gewillt, einen Film länger als fünf Minuten zu passieren. Der Fernseher mag verlockend mit seiner Fernbedienung und den vielen Knöpfen sein. Immer ein Druck mehr und schon entsteht Spannung. Im Kino kann den Automatismus niemand einschalten, außer mit dämlichen Kommentaren und dem lautstarken Kauen des halbgaren Popcorns. Im Kino darf geraschelt, munter gequatscht werden, im Fernsehen herrscht Stille und ein Klick. Dieser Klick um Leben und Tod ist den Entscheidungen in den Marketingsparten der Filmverleihe ähnlich.

Besser keinesfalls. Denn „Reservation Road“ stirbt an merkwürdigen Bestimmungen. Ein Trailer, der alles zeigt, ein Poster, das seine Stars heillos ins Bild klatscht, eine Kampagne, die erhitzt und sprudelt, bevor der Siedepunkt überschritten ist. Klischees wieder und wieder. Offenbar muss erst Sam Mendes mit dem gleich verlautenden „Revolutionary Road“ beweisen, warum Drama noch immer subtil sein kann. Wenn es denn ein Drehbuch mit Konsistenz geben sollte.

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