„Unterhaltung ist eine Beleidigung für die Kultur“

Sagt kein Akademiker oder Gelehrter, keiner der eine Revolution fechtet (schreie, wenn doch); spricht doch nur Renington Steele von den fünf Filmfreunden ein Wörtchen über Unterhaltung, Kunst und Kommerz. Ein Unterfangen das nur spalten konnte und in einem unermüdlichen Fluss kommentiert wurde. „Es ist doch nur Unterhaltung“, wie einfach gesagt, so leicht verhauen. So spricht ein Lehrender, der dem „lehren“ nach ist und eine subjektive Wahrnehmung objektiv zu ermitteln versucht, wie ein Detektiv dem Mörder auf der Spur, das Kaninchen auf der Flucht vor den emsigen Kugeln ist. Was ist Unterhaltung? Kunst, ein Modewort? Was unterscheidet sie mit der Ware, einem drögem Gut, bekannt und immer wieder hergestellt? Kein Artikel kann Aufschluss geben, doch wer nicht versucht, der nicht findet. Ein grenzwertiges Unterfangen: über Unterhaltung zu sprechen und schreiben, den Film in Worte zu fassen und dabei arglos wirken, so als wolle man nicht erklären, sondern in den eigenen Zeilen verstehen.

Kulturstätte

1. Was ist Unterhaltung?
2. Was ist Kunst?
3. Was ist Gleich?
4. Was ist Gut?
5. Was ist Film?

Was ist Unterhaltung?

Beginnen muss man mit der „Unterhaltung“; ein Wort lang und undeutlich und nichts sagend. Definiert wird sie zweierlei, 1. als „zwangloses, angenehmes Gespräch“ und 2. als „angenehmer (entspannender) Zeitvertreib, der geistige Zerstreuung bewirkt“. Von Zerstreuung ist die Rede, wenn schon ein Lachen den Alltag vorantreibt und das Herz erwärmt. Aber Film, ist das schließlich nur Zerstreuung? Es befähigt gleich negativ auf den Film zuzugehen: Zerstreuung, Verwirrung, Durcheinander, Chaos. Dann wäre der Mensch nicht fähig zu denken und einen Prozess (nämlich den des „Nachdenkens“ – Grübelns) einzuleiten. Doch Film ist auch Denken, selbst in seinen missglückten Versuchen, den Menschen nicht zu fordern, sondern ihm Spaß zu bescheren. Spaß, ist das Unterhaltung? Zum Glück: Nein! Er ist ein Teil des großen Universums der Unterhaltung, die wie eine Achterbahn an Stationen vorbei fährt und vielleicht an einem Punkt ausbricht und von der Bahn abkommt, in die Freiheit fliegt. Spaß ist der niedrigste Grundsatz. Er kann zu viel und gleichzeitig zu wenig bedeuten und besitzt dann auch keine Definition, die bei der „Unterhaltung“ ebenfalls fehl am Platz ist. Eine Komödie kann „Spaß“ bedeuten, ein Action-Film auch, ein Drama dann schon weniger? Aber kann letzteres nicht ebenso „Unterhaltung“ sein?

Was ist Kunst?

„Kunst – Film ist „lediglich“ eine weitere Form der Kunst – ist Unterhaltung, geschaffen um die Sinne zu fordern, zu überfordern und den Menschen an Grenzen zu führen. Oder auch nicht.“

Oder auch doch. Film ist Kunst. Dafür braucht kein „Basta“ am Rande kleben, seine Flügel ausstrecken und drei Wörter unterstreichen. Film ist Kunst. Immer und zu jeder Zeit, in der er entsteht und von ihr, der Kunst getragen wird. Die beiden sind schon immer eng verknüpft und werden noch lange zusammen gemeinsam leben. Ein Fehler liegt hier einzig vor: ein Film möchte manchmal nicht „fordern, überfordern“ und „an Grenzen führen“. War sein Grundsatz nicht ehemals die Unterhaltung? Aber Unterhaltung ist nicht an seinen Vetter Verlangen gebunden – während einer immer fordert, qualmt, wenn ihm der Kopf raucht vor lauter Folter, bleibt der andere ruhig in der Ecke und beobachtet leise das Geschehen. Die Unterhaltung ist ein Begriff voller Selbstverständlichkeit, der eben nicht fordert, er ist nur die Oberabteilung eines Schrankes, auch wenn man ihn schwer atmend herunter wuchten muss. Ganz ohne Kraft und Schweiß geht sie dann doch nicht voran, die holde Unterhaltung.

Was ist Gleich?

Ein paar Beispiele des diesjährigen Filmkarnevals (schließlich spielen wir doch im Heute; die Zukunft mag noch genügend Diskussionen dieser Art zu Dutzenden beschwören): „The Fountain“ ist gleich „Das Bourne Ultimatum“, „Transformers“ ist gleich „Shrek der Dritte“, „Pans Labyrinth“ ist gleich „Inland Empire“. Einige werden stöhnen. Der Rest sollte seine Augen aufsperren, 1. beim „Gleich“, 2. bei den Zusammensetzungen. Gleich bedeutet nicht gleich. Sie sind im Grunde ähnlich, in ihrem Sinn „Film“, „Kunst“, „Unterhaltung“ zu sein, aber sie sind nicht identisch oder dasselbe. Schon gar nicht wollen sie gleich behandelt werden und einen Nenner finden, auf den sie zu reduzieren sind, außer zu einer kunstvollen Filmunterhaltung. Werden Arthouse und Blockbuster verglichen, Arthouse und Arthouse, Blockbuster und Blockbuster liegen sie entfernt voneinander und schwingen vorbei. Die Kunst als enormer Himmelskörper, der das Geschehen überwacht zwischen den Stränden des Films, Theater, Malerei, Lyrik, immer weiter führt und leitet und waltet wie ein Gott, der seine Schafe ihrem Treiben überlässt und seine eigene Wenigkeit neuerlich stimuliert.

Was ist Gut?

Wir können nicht bei jeder Gelegenheit in der Vergangenheit buddeln und die Sterne betrachten, wie schön früher die Landschaft doch war, wie frei und großartig. Einen Scorsese nennt man freilich „großartig“, über „Der Pate“ darf kein schlechtes Urteil gefällt werden, wo oder wer wären wir denn, „Meisterwerke“ (sind dies etwa Werke von Meistern – Was sind Meister?) der Geschichte in Schutt und Asche zu diskutieren. Aber das Gute, das Geniale und Meisterhafte schlägt in den Köpfen der Menschen, die es betrachten. Schwächen und Stärken, so offensichtlich sie für den einen sind, so unsinnig werden sie für den anderen, der munter und frohen Mutes über sie hinweg sehen kann. Schwäche besteht auch aus Stärke. Sind jene Protagonisten, die wir anblicken, schwach und unnatürlich, weil sie ihre Emotionalität nicht zu bändigen wissen? Ist Schwäche nicht genauso menschlich wie die Stärke? Auch in einem Film, der seine Marotten und Furchen besitzt, die seinen Genuss trüben, kann diese Schwäche ihn ein Stück weit lebendiger und auch menschlicher gestalten.

Was ist Film?

Der Regisseur ist Künstler. Seine Filme: Kunst. Warum auch nicht? Keinem Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautoren kann allen Ernstes Sorglosigkeit vorgeworfen werden, wenn der Blick hinter die Kulissen verwehrt bleibt. Mit Kunst ist Film nahe, mit Film Unterhaltung, mit Unterhaltung nur noch der Mensch, der liebt, was er sieht und keine Definition zu kennen braucht. Wohin mit Freude, mit ehrlichen Worten, mit wahrhaften Aussagen, knallbunten Effekten, wenn nicht in den Film – und in die Unterhaltung.

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