Kritik: Disturbia

USA 2007
Start: 20.09.07

Disturbia

Regie: D. J. Caruso
Drehbuch: Christopher B. Landon, Carl Ellsworth
Darsteller: Shia LaBeouf, Sarah Roemer, Carrie-Anne Moss, David Morse, Aaron Yoo, Jose Pablo Cantillo, Matt Craven, Viola Davis, Brandon Caruso, Luciano Rauso, Daniel Caruso

5/10 Punkte

Kritik: Eine Idee, so stümperhaft wie das Klischeebild einer dunkelgrauen Tapete voller Melancholie im Hause Hollywoods: Da nehme man einen alten Klassiker und schustere Fußfesseln, wilden Rock’n’Roll und halbnackte Jungfrauen hinein in eine Welt, die dem Voyeurismus zugetan ist. Dem hinzu gebe man ihm inoffiziell die Signatur Alfred Hitchcocks, dessen Markenzeichen so offensichtlich kreisen, als dass der Gedanke entstehen könnte, jedermann müsse den Vergleich zugleich abschreckend und von einer stattlichen Perversion getrieben erkennen. Lauteten die Grundzüge auf den Titel „Das Fenster zum Hof“, führt in „Disturbia“ ein ähnlich subtiler Kragen der Spannung zu einem Mast für unschuldige Unterhaltung Jugendlicher, die in einer drögen Vorstadtidylle schnell den unruhigen Massenmörder nebenan erkennen lässt. Sie lauern überall: die Abnormalen; vom Spießbürger, zum Schläger, zur Rabenmutter, zu den verzogenen Teenieflausen im Kopfe der nach Spannung gierenden Mittelklassenkinder. Kein Wunder, wer die Polizei in D. J. Carusos verspieltem „Disturbia“ um die Blocks zum Wettlauf auffordert, der muss von Langeweile und ätzenden Tagträumen geplagt sein und den erneuten Morgen scheuen.

Doch ein Anfang steht auch im beunruhigenden Vorort im Wasser eines Sees, in dem vor lauter Freude fette Fische ihre nackten Runden drehen. Siehe da: Vater (Matt Craven) und Sohn Kale (Shia LaBeouf) angeln munter und in tiefem Verständnis; womöglich um ein Verhältnis zwischen diesen beiden Typen zu kreieren, die friedlicher als gedacht fischen und die Kellen wenden. Jedoch kommt plötzlich, und in so vollkommen unterwarteter Weise, der Donner und wischt seine Todeskrallen an Daddys Gesicht ab, der zwischen krebsenden Autos auf der Fahrbahn gezwängt nunmehr mit dem Jenseits ringt. Was aus dem Sohnemann nur werden soll? Wie es „Disturbia“ vorgibt: Er „ballert“ seinem Spanischlehrer (Rene Rivera) ein Fäustchen ins Gesicht. Das soll und darf nicht so enden, schließlich wird Junior mit drei Monaten Hausarrest für seine gemeine Untat bestraft und wandert – das ist neu – ins heimliche Etwas inklusive Xbox, minimalistischer Accessoires von Apple und einer ansonsten stattlichen Musiksammlung. Der Strich durch die Rechnung folgt kurz darauf von seiner Mutter Julie (Carrie-Anne Moss), die alle Strippen zieht … und Kale fortan mit Fernglas in der Hand zum Spanner über Tag und Nacht die Nachbarschaft beobachten lässt.

Was er sieht – besser was er seinen Hoffnungen zum Trotze nicht sieht – ist sein verrückter Nachbar Mr. Turner (David Morse) bei der Arbeit, was einer affektierten Leidenschaft für Hammer und Meisel in menschlichen Körpern entspricht. Ebenfalls schreit in solch gelegenen Thriller-Welten kein Kehlchen nach der Prise Subtilität, die einmal kaum auf Mord und Totschlag ausgerichtet ist, was Caruso, seines Zeichens Regisseur der Brüller „Taking Lives“ und „Das schnelle Geld“, so scheint es, im Zuge dunkler Garagen vergessen haben mag. „Mag“ allein für sein plausibles Verlangen „Disturbia“ die Stimme aus der Vergangenheit des Hitchcocks anzudichten. Nun denn: Caruso ist kein Hitchcock, kein zweiter, kein dritter; keiner, der wahrhafte Schockzustände kreieren könnte. Stattdessen findet er Gefallen an einer rasanten Fahrt für den Publikumskreis Minderjähriger, deren Horizont von knallenden Einlagen bis zu halbnackten Weibern immerhin genügt, „Disturbia“ einen Funken Unterhaltung abzugewinnen; allerdings ohnehin ein Kinderspiel. Der Zirkus spielt in den Tugenden des jetzt, mit all dem Technikgesindel, dass den Raum erhellt. Ein Kinderzimmer ohne zig Fernseher, Kameras, Computer und etweiligen Schnickschnack? Unvorstellbar. Von der klassischen Beklemmung keine Spur, wenn auch der Hauptprotagonist seine Ziele absteckt – bildlich, um es deutlich zu vermerken – und im Garten – dem Ganzen die Krone aufsetzend.

Gelegen kommt es Caruso eine Vorlage bereit zur Vernichtung zu besitzen, die solch exemplarisch geniale Spannungselemente aus einer extrem dünnen Handlung zaubert, dass er von vornherein Scheitern muss, bei dem Versuch einen Hitchcock zu adaptieren. Das raubt der Marotte noch ein Stück weiter die gestauchte Spannung in einem Schlussmarathon, dessen Mauern auf einheimischen Boden gestampft sind: Irgendwo zwischen Freddy und Jason. Unweigerlich entfernt sich Caruso von seiner Stilikone Hitchcock in allen Belangen des hautnahen Schreckens im Keller, wobei er auf komödischen Aspekten nur eine Brücke für den Wahn des Serienmörders bietet, dessen Prinzipien allerdings ebenso im Keller bleiben, wie jene nur zu augenscheinlichen Wendungen und Angelpunkte. Hinter vorgehaltener Hand prophezeit „Disturbia“ ein Schaulaufen des jugendlichen Gewalttäters, ein ganz netter Bursche in Wirklichkeit, gegen den freundlichen Nachbarn, eigentlich eine Gestalt der Finsternis. Sie stoßen aufeinander und bekriegen sich in Räumen voller Klaustrophobie, wie eingezäunt stoßen sie immer wieder zusammen, schlagen mit Fäusten um. Welch unübliches Schema für die heutige Generation iPod. Ein solch utopisches Geschichtlein, dass es nach einem mauen Kinosommer nur schwer fällt, keinen effektiven Vertreter der Gruppierung Teenie-Horror aufzusammeln.

Einen Klecks Blut auf der Leinwand, eine Hand gewickelt um die Glieder des Männchen, mit dem Verlangen den Kameraden hinterrücks zu töten, am besten mit Spachtel und Messer anbei; bestens mit Müllsack, damit das Gesicht des Opfers sichtbar bleibt. Neben der technischen Revolution geht „Disturbia“ Hand in Hand mit einer erstaunlich ruhigen Atmosphäre, die sich nicht nur langsam ausbildet, sie kommt gar kaum aus den Socken der stereotypen Charaktere. Deren Raum ist begrenzt, aber weitaus weitläufiger, als notwendig. „Disturbia“ nimmt den Zuschauer bei der Hand; wäre dies unweigerlich nur minder offensichtlich und allzu manipulierend, das Werk wäre statt gut gemeint gut gemacht. Der viel sagende Schein von Komplexität ist nur Mittel zum Zweck eine Geschichte in seiner hundertsten Variation aufzufahren und die Dummheit des Publikums einzufordern alle haarkleinen Stränge zu verfolgen, bis auch das letzte Zahnrad in dem Spiel ohne Puzzle einsetzt. Von purer Langeweile ist nicht zu reden, Unterforderung trifft es schon eher.

3 Responses to “Kritik: Disturbia”


  1. 1 Leo Ramón September 23, 2007 um 12:32 am

    Also mir kam der Film im Vorspann sehr interessant vor

  2. 2 Simon September 28, 2007 um 6:28 pm

    Bei aller Liebe, dieser Kritiker scheint bereits völlig in seine hehre, kunstgewerbliche, problemüberfrachetete “ Berliner Schule“ -Welt entflohen zu sein und kann, wie so einige in seinem Gewerbe hierzulande, einfach keine gute Unterhaltung mehr geniessen. Vielleicht fehlt da mittlerweile einfach die Lockerheit, der Humor. Disturbia hat übrigens durchgehend hervorragende Kritiken in den USA bekommen, auch von den anspruchsvolleren Blättern, denn die amerikanischen Filmtheorieritter besitzen einfach wesentlich mehr Humor, Ironie und Freude…vermutlich nicht nur am Film, sondern am Leben.
    Disturbia ist ein hervorragend gemachtes Genrewerk, ein, in seiner Neuaufbereitung eines alten Thrillerthemas durchaus originell und tight geschriebenes Movie und hebt sich von anderen, eher faden Thriller-Remakes für Teenies angenehm ab.
    Es ist wirklich bedenklich, wie weit solche Kritiker vom eigentlichen Handwerk des Filmemachens entfernt sind und sich in ihren eigenen Theoriekonstrukten verloren haben. Sie haben schlichtweg keine Ahnung von, keinen Respekt vor und keinen Spass an…gut gemachten Genrefilmen. Stattdessen lieben sie oftmals gutgemeinte, sagenhaft pretentiöse, kunstgewerbliche Filme, bei denen die Handkamera immer noch wackelt, als hätten wir 1992, wobei mittlerweile selbst Lars von Trier sagt, dass ihm das auf die Nerven geht.
    „Unaufgeregt erzählt“ ist dann meistens ihr Lieblingslob. Ich liebe auch Filme von Lars von Trier, Kaurismäki, Gondry oder sogar Andreas Dresen, aber nicht jeder ist Gondry und es darf auch blankes Popcorn-Entertainment geben, gerade für Teenager. Wenn man sich andere Blockbuster diesen Jahres wie den militaristischen MegaBudgetKnaller „Transformers“ ansieht, so sollte man um solche Filme wie “ Disturbia “ froh sein, denn sie unterhalten die junge Generation auf weitaus intelligentere Weise, ohne dafür Trilliarden an Special Effects zu brauchen.
    Von einer solchen, eher Filmbusiness-internen Sichtweise, haben sich nun aber leider viele Kritiker in Deutschland weit entfernt. Sie begreifen sich ja grundsätzlich (anders als ihre Kollegen in Frankreich oder den USA) nicht als Teil des Filmbetriebs, sondern als aussenstehende, regulierende Instanz und verharren in ihren Elfenbeintürmchen, von wo aus sie die Filmemacher auf oftmals unfassbar arrogante Art und Weise rügen oder gar belehren.
    Schade.
    Die meisten dieser Kritiker waren noch nie in ihrem Leben auf einem Filmset, haben noch nie einen Dialog oder gar eine Szene geschrieben und sind daran im Übrigen auch gar nicht interessiert.
    Sie wollen richten, belehren und die hehre Kunst des Filmemachens aufrecht erhalte, wobei sie oftmals die phantasievolleren, interessanteren Filme übersehen und die drögen, trockenen,sich selbst wahnsinnig erntnehmenden “ Kunstwerke“ in den Himmel loben, wohl auch um einen elitären Anspruch zu erfüllen, mit dem sie sich identifizieren.
    Und…Wenn ein Film Humor hat, ist er ihnen meistens sowieso schon suspekt.
    Man würde solchen Kritikern wünschen, sich im Kino einfach mal wieder fallen lassen zu können, ohne ständig Filmpolitik oder Filmtheorie betreiben zu müssen, ohne ständig ein intellektuelles Urteil suchen zu müssen, ohne sich profilieren zu müssen und sich stattdessen…zurücklehnen zu können, sich fesseln zu lassen, zu lachen und…Spass zu haben, am kommerziellen Genrekino genauso wie an Arthouse Filmen.
    Man wünscht es ihnen, auch privat übrigens.

  3. 3 Soraly September 28, 2007 um 9:07 pm

    Ich danke für deinen Kommentar, Simon. So lange ich auf einen Beitrag dieser Art gewartet habe, so gern schreibe ich jetzt eine Antwort. Zuerst: Ich habe dabei keine Lust die Masse deutscher Kritiker in irgendeiner Weise zu vertreten, noch zu kritisieren. Dafür fehlt mir das Recht und Alter (auch wenn ich meine, deine Erwartung in Anbetracht der Kritik würde in diesem Punkt einen recht netten Unterschied ergeben).

    Tatsächlich ist der deutsche Kritiker abgebrüht und sieht den Film näher an seiner Ausgangsform der Kunst als dem unterhaltsamen Kontext, den er in Hollywood einer breiten Zuschauerschaft nahe bringen möchte. Gegen „Disturbia“ steht im Grundsatz seine unablässige Vehemenz einen Klassiker des Films für die Jugend von Heute wiederzubeleben – mit dem Ergebnis, entfernt aller charakterlichen Tiefe und den typischen Ausgeburten eben jenen Genres, nichts Neues zu bieten. Seine angepriesenen Kritiken aus den westlichen Hemisphären sprechen eine Spur wohltuender über ihn; in den höchsten Tönen kann ein Durchschnitt von 6,2 Punkten bei der Datenbank aller Kritiken, „Rotten Tomatoes“, jedoch ebenfalls nicht gelten.

    Keine Frage, mir schwindet mit jeder Sichtung der Sinn blanken Entertainments und einer Anerkennung dessen, so wie ich jede Woche erneut in den Sesseln der Kinos versinke, und meinen Ärger über solch belanglose Kost, wie sie leider üblich ist, in späterer Form auslasse. Es steht das Problem, alles zu kennen, und keine Unterhaltung im wahren Sinne annehmen zu können, weil auch jene altbekannt ist. Ich erwarte Neues. Bekomme ich wider Erwarten einen ausgedörrten Schweif verfehlt der Film oftmals den Kern dessen, was er früher darstellte und mit jeder Sekunde heute vergisst.

    Ich habe mich heute fallen lassen. Und es war kein anderer als der neue Fatih Akin „Auf der anderen Seite“, bei dem ich wünschte, es würde mehr Filme dieser Sorte geben, in denen ich vollkommen aufgehe und all die Bilder, liebevoll zusammengesetzt, aufsauge, als wären es das letzte in meinem Leben, dass ich jemals mit wahrer Schönheit in Verbindung bringe.

    Fraglich bleibt, was besser ist: den auf Kunst getrimmten Film unterbuttern oder jenen, der lediglich den Anspruch der Unterhaltung vorführt? Es muss ein mehrheitlich offenerer Ton angestrebt werden. Nicht mehrheitlich in Deutschland, sondern überall. Das der Ruf deutscher Kritiken oftmals ruppiger erscheint, liegt an der entgegen gesetzten Würze des Englischen. Kurz und knackig.


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