Kritik: Shoot ’Em Up

USA 2007
Start: 20.09.07

Shoot ’Em Up

Regie: Michael Davis
Drehbuch: Michael Davis
Darsteller: Clive Owen, Paul Giamatti, Monica Bellucci, Stephen McHattie, Greg Bryk, Daniel Pilon, Ramona Pringle, Julian Richings

6/10 Punkte

Kritik: Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen. Sie auch? Hätte Clive Owen in seiner kaltblütigen Killerlaune ein wenig cineastisches Wissen besessen, dieser Satz wäre in einer staubtrockenen Pfeife des Qualms gefallen. Doch trotz der fehlgeleiteten These, Owen könne sein Image als Charakterdarsteller nicht loswerden, ist Michael Davis schwitzendes Stück Prollkino „Shoot ’Em Up“ eine jener perversen Antworten auf die unendlich gestellte, aber nie gelöste Frage, nach der Schwanzlänge; in einer kunterbunten Effektsalbe, die kernige Männerkörper noch auf Bösewichte mit Bierbäuchen und mehr schlecht, als rechter, Kopfbehaarung treffen lässt. Ein Bombardement später, unter perlenden Pistolensalben und wuchtigen Schmerzensschreien ploppt ein Kind in die Welt – seine Nabelschnur mit einem Schuss zertrennt, seine Miene zum Heulen. Doch in einer Welt mit Abzügen an allerlei Endausgängen gilt es den Kopf zu behalten: fest und zugeschnürt, wie ein Reiter noch im Western sein Pferd in der Prärie voller Würde ritt. Da traben sie nun in den Sonnenuntergang mit gezogenen Waffen, einer Karotte zwischen den Lippen, als hätte die gute Zigarre ausgedient und zur Genüge Dienst nach Vorschrift geleistet. Von dem kann kaum die Rede sein: solch mordende Adrenalintropfen hat die Männerwelt nie in den geliebten Rüben gesehen, die weder geschmort, noch genetisch verändert, ihre Spitze schnell in den Gegner knallen – und schließlich hinten wieder ausschlagen.

Ein Spiel mit der Nichtsnutzigkeit schnellfeuernder Widerstandskämpfer entspringt an den Fronten der Unabhängigkeitsbewegung für den Actionfilm: Der stählerne Einzelkämpfer ist fortan MacGyver ohne Selbstbaukasten – ein kantiges Pseudonym mit Namen Smith, Mr. Smith (Clive Owen). Er schnellt und springt und wetzt ohne Trödelei von einer Schwangeren zur nächsten, auf der Jagd all die Bösewichte schnell und dreckig ihrer Köpfe zu entledigen – wenn nötig mit Karotten. Denn das Motto steht in die Automatik gemeißelt: Iss Möhrchen. Der Gesundheitsbotschaft ist nach dem nagenden Smith auf der grauen Parkbank Genüge getan – ab da an zählt in „Shoot ’Em Up“ ein munteres Schwätzchen weniger als alle Handlung der Welt, inklusive schwungvoller Tänze mit jedermanns düsterer Visage. Allerhand halbgare Gegenspieler schießt Mr. Hertz (Paul Giamatti) auf den Karbon-Körper von Smith ab, der fortan ein Kind wider Willen trägt; jenes Neugeborene, das er glatt selbst von seiner Nabelschnur befreite. Das Problem ist klar: Das Kind muss weg – wenn nicht tot wenigstens in die Hände der Prostituierten DQ (Monica Bellucci). Aber bekanntlich ist nicht alles so einfach, wie eine gut geölte Knarre.

Eine Überdosis Carotin befreit das Kind aus dem Manne; und alle Welt hofft manisch, es solle nie von knallenden Choreographien auf dem Boden, in der Luft oder unter stöhnenden Einsätzen im Bett, zurück gezwängt werden. Seine ursprüngliche Form wummt und kracht bedrohlich, besonders wenn „Shoot ’Em Up“ seine im höchsten Maße explosiven Ironiegefechte auffährt; knallharte Einzeiler voller Schwachsinn und doppelten Boden, die nicht nur Sexismus und ein starres Männerbild auffahren – sie schlagen mit voller Kraft ein. Der ganze Coup ist mit solch Bravur und klinischer Unreine gestaltet, das der unbescholtene Bürger schnell Reißaus nehmen könnte und in eine poetischere Landschaft flieht – wenn nur nicht das Auge nach der reißerischen Gewalt schreien würde und vor lauter Schönheit in der Welt genau eben jenes Bild mit glänzenden Glubschern aufnimmt: Das kühle, harte Fiasko in einem butterweichen Tiegel bester Akrobatik, wie sie Gewalt besser nicht verherrlichen könnten. Das Herz begehrt sie, die blutrünstigen Machenschaften von den Mächten der Finsternis und des Lichts, wie sie sich in keiner Fantasyparade besser bekriegen. Mr. Smith gegen Mr. Hertz, durchtrainierter Macho gegen wabbelnden Weichling.

Doch leichter als die stereotype Auseinandersetzung mit dem kühnsten Schund vergangener Jahre ist es noch, „Shoot ’Em Up“ auf seinem stupiden Holzfällerniveau zu belassen und ruhig der Kuh beim Melken zuzusehen; wie sie die Milch gibt, bis der letzte Tropfen im Eimer einschlägt. Von seiner erbärmlichen Härte abgesehen steckt in „Shoot ’Em Up“ eine Gummipuppe, stibitzt aus dem Kinderkarten – denn schließlich geht es hier um Kinder, nicht das erwachsene Gegenstück mit Muskeln. Ohnehin ist „Shoot ’Em Up“ ein selten dämliches Kaliber einer Waffe, die zwar geschickt den ein oder anderen Kerl umnietet, aber im verfluchten letzten Nachlademanöver plötzlich zu stottern anfängt und sein Pulver verschießt. Das Ärgste bleibt, dass in einer so hinreißend kruden Schlacht der Würgegriff um die Charaktere geschnallt wurde, deren Aufgaben zwischen Taugenichts und Dumpfbacke springen, und vollkommen unsinnig sich gegenseitig die Hirne wegballern. Darum allerdings geht es Regisseur Michael Davis schließlich: eine vereinnahmende Ballerorgie, die von Killerspielen rückstandslos alles Schlechte bündelt und aus den Spritzen alles Spritzbare feuert, bis der Blasebalken raucht.

7 Responses to “Kritik: Shoot ’Em Up”


  1. 1 Dr. T. Le Vision September 24, 2007 um 8:56 pm

    Kühner Schund – das klingt nach einem unterhaltsamen Kinobesuch.😉

  2. 2 Soraly September 25, 2007 um 3:48 pm

    Als Frau fühlte ich mich fast unterhalten😉 .

  3. 3 CineKie September 25, 2007 um 7:29 pm

    Dass wir beide nochmal die gleiche Wertung für einen Film vergeben würden – ich glaube, ich muss mir diesen Tag rot im Kalender markieren!😉

  4. 4 Soraly September 25, 2007 um 7:33 pm

    Aber, aber, „28 Weeks Later“ und „Ratatouille“ haben wie ebenfalls gleich bewertet😉 .

    (Ich fühle schon die Zombies bei deiner – hoffentlich bald kommenden – Punktzahl von „Resident Evil: Extinction“ brummen. Und sie wird höher ausfallen, als meine.)

  5. 5 CineKie September 25, 2007 um 7:47 pm

    Echt? Haben wir? Dann nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil…😉

    „Resident Evil: Extinction“ werde ich mir, wenn nichts dazwischen kommt, am Freitag anschauen. Und bei der Gelegenheit dann auch gleich „Die Fremde in dir“ und „Chuck und Larry“. Mit den entsprechenden Reviews ist dann zwischen Samstag und Sonntag zu rechnen.

    Ich denke auch, dass meine Bewertung höher ausfallen wird als deine. Schon alleine, weil es für Milla zwei Bonuspunkte gibt! Abhängig von ihrem Outfit vielleicht sogar drei…😉

  6. 6 Soraly September 25, 2007 um 7:55 pm

    „Die Fremde in Mir“ allein des Foster-Appeals wegen gibt es bei mir vorzeitig am Donnerstag, Fatih Akins „Auf der anderen Seite“ vermutlich zwischen Freitag und Dienstag. Und bei den halbtoten Models hoffe ich innig, dass du kaum 6 oder 7 Punkte für diesen innovationslosen Mist abdrückst🙂 . Mit meiner Kritik für das Böse ist morgen zu rechnen – außer Herr Clayton in Form George Clooneys ist zu vereinnahmend.

  7. 7 Twig September 25, 2007 um 8:53 pm

    Ui, 6 Punkte von Frau Soraly für diesen Film? Wahnsinn, dann werde ich diesen Film wohl lieben😉 .

    „Die Fremde in mir“ werde ich wahrscheinlich auch am Donnerstag anschauen. Freu mich schon.

    Hihi, für Milla gibt CineKie Bonuspunkte. Bei mir ist das auch so, nur gebe ich diese Punkte an Jessica Alba🙂 .


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