Kritik: Die Fremde in Dir

The Brave One
USA, Australien 2007
Start: 27.09.07

Die Fremde in Dir

Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Roderick Tylor, Bruce A. Taylor
Darsteller: Jodie Foster, Terrence Howard, Nicky Katt, Naveen Andrews, Mary Steenburgen, Ene Oloja, Blaze Foster, Rafael Sardina, Jane Adams

4/10 Punkte

Kritik: Mit Stöcken getreten, mit Eisen zermalmt, mit Hieben zerstört. Schläger halten einen Hund im Zaum, reißen an seiner Leine, widerstehen dem wilden Bellen des Tieres, das seine Herrchen auffordert, von diesem Ort fern zu bleiben – nur ihretwegen. Nur seinetwegen stürmt ein Paar daher und nimmt den Tod in Kauf, und den Hass des Ungerechten. Er starb auf der Straße, in der Nacht, in einem Tunnel ohne Licht, aber mit viel Schatten und einer Fahne des Bösen, die herein bricht. Sie jedoch überlebt, überlebt ein Koma und wacht auf. Mit einem Schmerz, der ihren Körper befallen hatte, und nicht zu verschwinden droht. Ihre Verkörperung ist der vierzehnjährigen Hure Iris, die sie einst war, unglaublich ähnlich, als wenn das Kind in „Taxi Driver“ erwachsen geworden wäre und einen Platz einnimmt, der seit jeher in ihren Augen geschlummert hatte, die vor Intelligenz strahlen. Sie ist Jodie Foster in dem vereinnahmenden Schlag der Radiomoderatorin Erica Bains, das Gesindel dort draußen in „Die Fremde in Dir“ zur Strecke zu bringen – koste es, was es wolle. Doch die Sanftheit ihrer Stimme erbebt nach und nach zu einem Vorschlaghammer, der sie gleichsetzt mit jenem Unkraut, dass sie zu bekämpfen vermochte. Anderswo, wäre von der Stigmata, den göttlichen Wunden Jesus ausgegangen, die einzig Erica Bains Herz befallen – und sich ausbreiten wie ein Virus, der in jede Pore sein Gift verschießt. Doch Gott ist fern; die Rache nah; der Film entblößt.

Ein unterdrücktes Bildnis schöpft in Neil Jordans „Die Fremde in Dir“ den zornigen Glauben, ein Frauenbild für immer zu zerschlagen: das des naiven Feilchens ohne Angst und Zutrauen, ohne das Bedürfnis nach Rache. Die heroische Diktatur der Wirklichkeit verändert die Schwärze und Sicherheit des Komplexes New York allerdings in den erschütternden Bestandsort eines Mörders, klug und von einer benebelnden Stimme getragen, der das Meer der Gewalt in die Hände zieht – und nicht mehr loslässt. Fortan soll das Leben in Frieden auch in den geschundenen Einkerbungen der Tunnel und Bahnen weilen; und in den Seelen der Bürger, die Leere und Angst in der widerspenstigen Ablehnung jeder Gewalt begraben, gegen die ein Freier, von Nebel und Recht umhüllt, seinen Umhang wallt und mit einer Waffe stoisch das Böse richtet. Und über es richtet. Und obgleich der erste Gedanke in die Wege eines rechtschaffenen Mannes fällt, tötet eine Frau, die die Güte besitzt, den zweifelhaften Trugschluss zuzulassen, ihr unrechtes Handeln wäre rechtens. Es förmlich an die Wand malen, welche Gründe Gott ihr gab, mit einer Waffe im Anschlag wild in der Gegenwart zu weilen und trotzdem keine Strafe erwarten zu müssen. Weil die Wege des gesetzestreuen Polizisten, die eines Zauberers sind, der den Glauben an seinen Beruf verloren hat – und nicht mehr nur zaubert, sondern die eigenen Regeln bricht.

Die moralische Untergrundbewegung tritt hervor – wie wenig sie zu vermelden hat beweist „Die Fremde in Dir“ kurz darauf. Das Fiasko beginnt im Waffengeschäft, dessen Verkäufer Erica Baine ohne Waffenschein rein gar kein Tötungswerkzeug anbietet. Aber hinter der Theke schleift es dennoch und der Handel wird illegal abgehandelt, mit einem Knaben, der eine Knarre fortwährend in der Hosentasche hat, die Patronen hinzu. Also knallt Erica in der U-Bahn die ersten paar Halbstarken voller Inbrunst ab, als diese sie mit einem Messer bedrohen. Business as usual. Noch zieht sie eine Kapuze über ihren Kopf und wimmert leise dahin, bis sie auch die klaustrophobische Enge des Panikraumes auf der Einöde des amerikanischen Rechtssystems belässt und den freien Willen kunstvoll in blutrot in die Zeitungen trägt. Was für ein Land, das den Sinn hinter den Schlachtungen Krimineller nicht sofort versteht. Denn der Krux ist jener: „Die Fremde in Dir“ prädestiniert den mutlosen Bürger einen Willen bar des Verstandes anzulegen, der in der fanatischen Darstellung ohne Skrupel gegen das Gesetz schlägt. Die machtlose Exekutive versagt, so mache es der Mensch selbst. Kein Edgar Allan Poe, noch Andy Warhol retten das traurige, alte Manhattan, gar würden sie es versuchen, denn wert ist eine Stadt es wahrlich nicht, die Mörder frei auf ihren Straßen führt und den Gesetzestext in ein nutzloses Pamphlet abändert.

In der Langeweile verbrauchter Wolkenkratzer empfehlen die chlorhaltigen Melancholiegemälde die raue Seite einer Stadt, die mit einer Frau keine Angst besitzt. Was für schöne einfältige Bildnisse, die den Kern verschwimmen und ertränken und so manch Betrachter auf die Fährte locken, mit „Die Fremde in Dir“ ein hochdramatisch schimmerndes Portrait einer Frau zu erhalten, die nur verzweifelt mordet und in ihrer Rettung die Seele entblößt. Unter dem Eindruck spannenden Stresses klebt der Gedanke an uferlosen Kamerafahrten, überragenden Sympathiehecheln seiner Hauptprotagonisten des absoluten, unverfänglichen Leides und einer Prise Verdruss, des unerbittlich Furcht erregenden Systems wegen. Die Gestalt des wahren Schreckens in „Die Fremde in Dir“ allerdings ist kaum das Gute, Herzersehnliche oder Gewünschte; es ist die Fata Morgana einer besseren Welt – der Ausblick auf alles, gleichzeitig die Hoffnung auf nichts. Von einem Nebel Gerechtigkeit umschlungen darf Erica Baine schlachten und die Metzgerwürde entgegen nehmen; selbst mit den imprägnierten Sporen, die ihr engelsgleich anhaften und die Hölle auf eine lebensnahe Beschaffenheit abzusenken. Ohnehin herrschen Wahn- und Stumpfsinn in den Taktiken der örtlichen Polizei: ein Mann und nur ein Mann kann Verbrechen begehen – die Frau am Herd und ins Herz stechen. Verwischen die Klischees, so bleibt die Ketzerei in „Die Fremde in Dir“ bestehen, um das Chaos auszudehnen, in ein Vermächtnis durchgängiger Banalität.

Allein ein Verbrechen des versessenen Mediendschungels, der den Kram der Allerweltsgeschehnisse täglich in den Darstellungen des Übels rühmt, den die Welt unter den verruchten Präsidenten des Systems treibt. Die Verlockungen einer Frau sind es nun, die „Die Fremde in Dir“ zu einem aufgespritzten Frauenbild echauffieren, dessen Einblicke das neuzeitliche Bild in eine Reihe der siebziger Jahre setzen, deren Kriminalität einen Funken höher schlug, als sie zwischen den wuchtigen Mauern des Times Square jemals auch nur entfernt durch die Palisaden dringen könnte. Versetzt von den Trugbildern einer Fremden in ihrem Herzen, kleben Jodie Fosters Lippen aneinander, sie presst den Kiffer zusammen und stößt mit dem Habemut, nahe einer Ohnmacht, den Finger an den Abzug der Waffe; hunderte Male später besudelt mit dem Blut Krimineller, aber durch Selbstjustiz im Grunde Unschuldiger. Keine Frage bildet ihr Mund – als habe sie hunderte Male Zorn, Trieb und Hirn vergessen, bei den Morden die sie zweifellos in der Form des Racheengels beging. Voller Unschuld blickt sie nicht, wenigstens diese Erbärmlichkeit erspart Neil Jordan uns, doch ohne weiteres kalt und der Menschlichkeit entsagt. Fadenscheinige und ausufernde Taktiken verbarrikadieren sich in der rigorosen Hauptprotagonistin, die Kontroversität pflückt und schürt, mit dem Erfolg versprechenden Willen, die Menschheit zu bereichern.

Die Gesetze pendeln in einer Schwebebahn, einer rechten Ungerechtigkeit, deren Polizisten – Freier des Rechts – nach Belieben handeln. In „Die Fremde in Dir“ ist es die graue undifferenzierte Welt, die böse und abartig behauptet, dass Mord keine Sünde, sondern wertvolles Mittel zum Glück sei. Dabei steht die Fabel groß in Bibel, Thesen, heiligen Paragraphen und Parametern unserer rechten Welt – in den Augen Jodie Fosters nicht. Ihr Unrecht verkörpert Recht. Auch wenn alle Beherrschung und Intelligenz dagegen mundet: sie tötet grundlos, straflos, wahllos; besitzt die Scheinheiligkeit Selbstjustiz als System absoluter Freiheit zu behaupten, dessen Hohelied „Die Fremde in Dir“ feiert und gleichsam Film und Darsteller in fragwürdigen Botschaften zwischen affektierten Reden von Sühne und Schuld bestattet. Der Schutzengel schwindet so weit, dass ein Chaos und eine Scham Einhalt gewähren, die Wut produziert – unabdingliche Wut auf Neil Jordan, Wut auf die zügellosen Märe von „Die Fremde in Dir“, die nur bombardieren und fordern; nicht aber die Meinung des Betrachters kesseln, sondern die Zufriedenheit des Films seiner selbst gegenüber, so unglaublich und mächtig zu sein – mächtiger als das Recht; dabei unverhohlen belanglos und bedenklich.

8 Responses to “Kritik: Die Fremde in Dir”


  1. 1 fernseherin September 30, 2007 um 12:51 pm

    Eigentlich hätte ich Lust, mir den anzusehen, wenn ich dazu komme. Mal sehen, ob er besser ist als der letzte Jordan, den ich gesehen habe. Das Poster sieht übrigens auch nicht schlecht aus.🙂

  2. 2 Soraly September 30, 2007 um 12:57 pm

    Trailer schick, Poster schick, der letzte Jordan „Breakfast on Pluto“ schick, was dann allerdings vorgesetzt wird weniger. Lieber „Auf der anderen Seite“ von Fatih Akin anschauen. Der bessere „Babel“. Oder auf die nächste Woche mit „Superbad“ und „Ratatouille“ warten🙂 .

  3. 3 Twig September 30, 2007 um 1:19 pm

    Oder am besten: „Die Fremde in Dir“ anschauen. Den fand ich nämlich gut😛 .

  4. 4 Soraly September 30, 2007 um 1:26 pm

    Wenn Frau Fernseherin tatsächlich Geld aus dem Fenster werfen möchte, rein rein😉 .

  5. 5 Twig September 30, 2007 um 1:32 pm

    Na da bin ich ja mal gespannt, wie viele Punkte Frau Soraly „Auf der anderen Seite“ nun gibt.

  6. 6 Soraly September 30, 2007 um 1:36 pm

    Da werden Sie auf die Kritik noch warten müssen, Herr Twig. Und da auch noch „Michael Clayton“, „Gone Baby Gone“, „Invasion“ und allerlei weiterer Kram in der Schmiede lungern heißt es nur: warten😉 .

  7. 7 Dr. T. Le Vision September 30, 2007 um 1:53 pm

    Eigentlich gucke ich gern Jodie-Foster-Filme, weil ich Jodie Foster toll finde. Vielleicht werde ich aus Sympathie in den Film gehen, wahrscheinlich ist aber wohl, dass ich bis zur DVD warte.

    Superbad und Ratatouille sind aber definitiv fällig.😉

  8. 8 Twig September 30, 2007 um 3:41 pm

    „Superbad“ und „Ratatouille“ sind natürlich Pflicht. Zudem bin ich absolut der selben Meinung wie Frau Soraly: „Superbad“ hat 8 Punkte verdient.

    Ach, die Kritikerin hat auch noch „Invasion“ gesehen. Das soll DER Kracher im Jahr 2007 sein und ist jetzt schon Favorit für einen bestimmten Filmpreis. Nein, ich meine nicht den Oscar, sondern die goldene Himbeere😉 .


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: