Kritik: Gone Baby Gone

USA 2007
Start: 29.11.07

Gone Baby Gone

Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard
Darsteller: Casey Affleck, Michelle Monaghan, Amy Madigan, Titus Welliver, Morgan Freeman, Ed Harris, Edi Gathegi, Jimmy LeBlanc, Madeline O’Brien

8/10 Punkte

Kritik: Schmerz, getrieben von der Schwärze eines Sees. Es ist Nacht in Boston; und unbemerkt findet Leid in den Strömungen des Wassers Einkehr, in den Stand einer Familie, die hinter zerrissenen Festungen mit jedem Bröckeln des Gesteins weitere Tränen vergießt. Ein Kind verschwand und jede wappernde Träne möchte dem Verlust ein Stück weiter nachheucheln. Doch es sind ebenso Wasser der Wut und des Hasses auf die impertinente Schwärze dieses Boston, diesem Landstrich, der von seinen Menschen selbst verlassen ward und kaum wagt, wieder aufzustehen. Ein Kind verschwindet hinter den Vorhängen der Menschlichkeit, die so sehr Diskussionen anstachelt, wie es Fälle in der Wirklichkeit hinter den Rücken der Angehörigen tun. Diese Ehrlichkeit und Rechenschaft wirkt ruhig – dennoch wie eine Zumutung und krankhaftes Bildnis guter Mächte, die schnell in ihr Gegenteil umspringen. Sei es filmisch nie besser gelungen den faden Beigeschmack herauszukitzeln, liegt die Würde in den moralischen Zeilen von „Gone Baby Gone“ an anderer, weitaus disziplinierter Stelle eines Drehbuchs, dass seine Irrungen mit in den Fluss zieht – und gleichsam eine Ratlosigkeit auf den Kern des Films fordert, die selten mehr Grund zur Spaltung gab. Zwischen Gott und Glauben, Gewalt und Grenzen, verwischt der Blick auf das Gute im Menschen mit seinen Taten: so gut sie sind, auf so wenig Verständnis sie treffen, so wenig kann über sie gerichtet werden.

Die Fügungen stammen aus Dennis Lehanes Buch, der schon die Festungen um Clint Eastwoods „Mystic River“ legte, und Qualen an Leinen führt, um sie im späteren Fluss plötzlich fallen zu lassen. Er wartet kaum auf den Zuschauer, wälzt die Geschichte immer wieder bis zu den Ungetümen im Herzen durch und erschüttert – mehr noch in „Gone Baby Gone“ als dem kraftvollen Schmerztrog in „Mystic River“. Viel Leidenschaft prallt in den Seelen all dieser Charaktere aufeinander, die das Leben nie anders gekannt hatten, als in dem düsteren Monster Boston – die Großstadt blieb ihnen fern, die Kultur; vor allem: das Leben. Nicht anders sind die Geschehnisse der ersten Regiearbeit von Ben Affleck zu erklären, die erschüttern und, soviel sei sicher, spalten werden. Denn eine Handlung kürt sich selbst aus, auf Umwegen den schütteren Weg von Banalität in tiefe dunkle Wälder der Psyche zu gehen und zu versinken: wenn nicht in sich selbst, dann in den Herzen der Beobachter. Es dauert unverhältnismäßig lange, bis der Hintergrund das reine Bild der Klischees freigibt und danach erst kraftvoll die wahre Geschichte hinter dem Verschwinden eines Kindes preisgibt. Täuschungen, Rätsel werden zunächst gestreut, die einander in ihrer Geradlinigkeit gleichen und seltsam grausam abprallen. Leidig streift der Blick ein trostloses Unterfangen zweier Möchtegerndetektive, die auch in ihrer selbst gefangen sein werden; am Ende, wenn alles wie im Guten wirkt und doch wage zehrt.

Doch der Weg scheint bis dahin unendlich. Privatdetektiv Patrick Kenzie (Casey Affleck) lebt seit seiner Kindheit in demselben kleinen Strich von Apartment im trostlosen Dorchester, einer Arbeitervereinigung Bostons, die gegen alles und jeden kämpft und zu kämpfen beliebt. Mit seiner sowohl romantisch, als auch beruflich liierten Partnerin Angie Gennaro (Michelle Monaghan) ringt er in dem langweiligen Sumpf nach Arbeit; und wandert ein in das abscheulich verdrehte Bild seiner Stadt voll Drogenbaronen, Pädophilier und korrupter Polizisten, als die vierjährige Nichte Amanda von Lionel (Titus Welliver) und Bea McCready (Amy Madigan) urplötzlich verschwindet. Alle Spuren im Hause der drogen- und alkoholabhängigen Mutter Helene (Amy Ryan) führen ins Nichts, wie auch die verzweifelten Suchtrupps des örtlichen Polizeirings unter Captain Jack Doyle (Morgan Freeman) in der uferlosen Jagd treiben. Mit jedem Tag, den das Kind im Schattendasein verbleibt, tickt die Uhr weiter, rattert unerbittlich den Bemühungen entgegen, die Patrick und Angie fortan mit den hinzu gestürzten Polizisten Remy Bressant (Ed Harris) und Nick Poole (John Ashton) komplettieren.

In der Philosophie unaufhörlicher Unruhe schlagen sie den Weg durch den Morast – bis sie stecken bleiben und der eigenen Grausamkeit in ihrem Egoismus Tribut schulden. Kein Handlanger des drögen Vorstadtpfuhls ist nunmehr der Rettung nah, auch wenn sie lebendig und scheinheilig sichtbar in den Straßen pirschen, das Kind suchend. Denn den Empfang des Schreckens bildet Ben Affleck zunächst wie ein alteingesessener Vogel aus, der brühtet und brühtet, bis einvernehmlich ein Kücken seine benetzten Federn streckt und doch nicht zum Fliegen kommt. Doch wenn es schließlich fliegt, fordert ein moralisches Dilemma Afflecks Debüt „Gone Baby Gone“ die Handlung zu einer Teufelsspirale alter Traditionen des Noir und führt sie abrupt in Sphären, die zuvor auf den Gipfeln jenen Berges, der Amandas Austausch besiegeln sollte, bestiegen wurden. Die fast unkenntliche Tradition blüht auf, aus dem vertrackten Glied eines einseidigen Handlungsstranges Stück für Stück einen Epos zu beschwören – mit dem fürchterlichen Ausgang, dass hinter jeder Lüge auch Entscheidungen stehen, die im Leben abseits von Gut und Böse zu treffen sind. Nicht immer beileibe steckt in den melancholischen Wurzeln die Leichtigkeit des Seins, die Casey Afflecks Kamikazedetektiv Patrick in sanfter Ruhe bis zum Bruch mit seinem minimalistischen Spiel verkörpert. Etwa im Gewand einer Entscheidung, die im Hass gesät, einen Pädophilien niederstreckt. Schlussendlich fördert sie beides: Applaus und Ablehnung.

Kaum dem Zerwürfnis entronnen, schlägt Affleck fortan Schlag auf Schlag seine graue Idylle zusammen, doch hofft und bangt er, einem Funken Hoffnung Einkehr zu verschaffen, der die Familie verbindet. Tatsächlich verliert der Glaube seine Wirkung, da „Gone Baby Gone“ zwar den Platz bereithält die Dornen der verdorrten Rose abzuschlagen, aber das Feld nicht räumt; oder seinen Protagonisten aufrichtig die Wahrheit verschweigt, die hinter manch Menschlichkeit verborgen liegt. Gen Ende verblasst all dies im Zuge eines Intermezzos mit der Schönheit, selbst in den überheblichen Höllen Bostons, die einmal leuchten. Nur Kurz, schließlich ausgelöscht, weil das Gesetz stärker war, als die Rechtschaffenheit dahinter. Tatsächlich siegt im Eklat der Mensch; und verliert dennoch. Der Kampf allerdings liegt entfernt des typischen Rasters von schwarzer und weißer Eskalation an den Fronten einer simplen Auflösung, die den Schrecken in „Gone Baby Gone“ sichtbar in die Zeichen der Realität graviert. Und überaus lange in Nachdenklichkeit waltet.

1 Response to “Kritik: Gone Baby Gone”


  1. 1 Edo November 12, 2007 um 10:40 pm

    Hab selbiges gerade in der Sneak Preview erlebt und kann dem nichts hinzufügen.
    Nicht oft passierte es mir in den letzten Jahren das ich noch saß wenn schon das Licht angeht.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: