Kritik: Der Sternwanderer

Stardust
USA, Großbritannien 2007
Start: 18.10.07

Der Sternwanderer

Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
Darsteller: Charlie Cox, Claire Danes, Robert de Niro, Michelle Pfeiffer, Sienna Miller, Peter O’Toole, Mark Strong, Jason Flemyng, Mark Heap, Rupert Everett

7/10 Punkte

Kritik: An alles haben sie gedacht, alle das stürmisch fade Königreich beschützt und abgeschirmt, eingekesselt in einer Mauer. Kein Stein bröckelt, kein Donner wirft grollend Blitze, dabei ein alter Kauz die einzige Schwachstelle beschützt – mit knorrigem Stock und einem Barte der Weisheit, so gehört sich das. Das Tor in eine andere Welt klafft irgendwo dazwischen, wenn der Weg von Zauberei in den gemütlichen Fluss einer Kleinstadt übergeht. Von „Stormhold“, dem pausenlos Märchenhaften, geht es über nach „Wall“ – dabei allein der Name schon den ganzen Geist der Stadt erklärt. „Wall“ grenzt eine Mauer ab, vom Rest der Welt. Eigentlich reiche „Wall“ zum Leben, in seiner quirligen Gelassenheit, Wäldern, Winzhäusern, den friedlich glücklichen Bewohnern. Doch wenn solch Ruhe waltet, kann auch Besonderheit hineinströmen und das Tor öffnen. Wie Harry Potter plötzlich an seinem elften Geburtstag nach Hogwarts kam und die Hexerei kennen lernte, Magier wurde; wie Frodo, ein Halbling, nie zu etwas Besonderem geboren, die Macht des Ringes erfuhr; wie etliche Fantasien, unterschiedlich ihre Geschichte erzählten und doch identisch waren. Ganz und gar von schwarzem Humor durchzogen tritt nun „Der Sternwanderer“ ein, als weitere Romanverfilmung, diesmal eine des Briten Neil Gaiman.

Weiters ist es auch ein Aufschrei nach dem guten Alten und einer Form des Films, die noch ohne auskam: ohne Effektwälder, Langeweile, Einfallslosigkeit. Doch am Anfang steht schlicht jener Wall, der zugleich von Tristan (Charlie Cox) mit Mühe durchbrochen wurde, genauso wie schon sein Vater über ihn schritt und auf der anderen Seite eine andere Welt entdeckte. Ein Kolumbus wollte mehr und mehr finden, dagegen verspürt Tristan nur den Wunsch seiner Angebeteten (Sienna Milla) die Sterne vom Himmel zu hohlen, bestenfalls die abgestürzte Sternschnuppe in den Wäldern hinter „Wall“. Sobald entpuppt sich diese allerdings als ganz und gar menschlich, bis auf einen schimmernden Schein von blondem Haar, der nunmehr ein stoisches Weib (Claire Danes) birgt. Vorbei der Ruhe ist es spätestens, alsbald erste Neider den Segen des Sterns erkennen und die Spur verfolgen. Ewige Jugend soll er für die Hexen um Larnia (Michelle Pfeiffer) fordern, und der Stein, der mit dem Stern vom Himmel fiel, sogleich an den nächsten König übergeben werden. Ein Kampf um eine Frau: wie banal, gottlos und schwerfällig das doch klingt und nicht nur für den Magielosen erscheint.

Das ist seit jeher das gehütete Geheimnis des Fantasyfilms: Menschen, die Kinderschuhen entwachsen, Heldenpranken annehmen und ihren Mut unter Beweis stellen. Ob sie nun immer für das Gute kämpfen, das Gute retten oder es wiedergewinnen, aus einer Welt, die Dunkelheit umhüllt. Ob sie niemals nie hohen Zielen gewachsen sind und es gen Ende trotz allem glückt – mit den Frauen, die plötzlich dem ehemaligen Feigling hinterher hecheln. Die Ziele schlagen nie unüberwindbar auf, auch dem Meisterwerk sei Dank, dass ein Ziel noch so hoch sein könnte und der Held es immer schaffte. Vermutlich muss das Märchen bestehen, damit der Realität die Würde bleibt. Doch das Besondere entsteht glücklicherweise in einer Mischung beider: Normalität und Sonderbarkeit. Genau in dieser Lücke quetscht „Der Sternwanderer“ Funkenflüge an Innovation, konkurrenzlosem Witz, Charme, auch über Mauern hinweg. Ein bisschen erinnert das Szenario noch an DDR und Co, die ewiggleich eingezäunten Menschen, die über Regeln hinweg griffen und letztendlich Erfolg daraus zogen, eben ihr ganz eigenes Königreich zu finden … bis sie ein neues erfanden. Der Film durchdringt den Stereotyp mit seiner herrlich altmodischen Erzählung und einer Geschichte, mal romantisch entblößend, dann voll der Magie, deren Bild kaum aus dem Computer, sondern dem Herzen entstammt.

Es bleibt bei keiner typischen Zauberrunde, auch keinen Versatzstücken oder Neubildungen. Tatsächlich findet der Film den Weg besonders zu sein, indem er ganz und gar nicht besonders ist. Trolle bilden fern ihre Plätze, Riesen schlummern in Bergen, Elfen schupsen einander weg, nur die Hexen bleiben bestehen, die letztendlich ein wenig Magie aus der schummrigen Kraft der Sterne verwertet hatten. Auch sie verzweifeln jedoch an der fort gewischten Präsenz des Magischen: Schließlich müssen sie ihre Kraft auffrischen, indem blutjunge Sternenherzen gegessen werden. Blutjung, wie blutig, begegnet der Film irgendwo einer Welt, schon erwachsen geworden, bevor Kinder in sie dringen konnten. Verstörend und beruhigend zugleich. Denn „Der Sternenwanderer“ liefert den Gegenzug des kindischen, um ihn Stück für Stück zu kredenzen. Manchmal schleicht auf Irrwegen ein Robert de Niro als Captain Shakespeare daher, wirft Frauenkleidung über, tanzt unter Deck seines Luftschiffes. Solch Frechheit stiftet mehr Unbehagen, denn Witz, versauert die konventionell aufgehängte Handlung zu einer grotesken Steppvisite, mehr lächerlich, als flott. Der Film scheitert in derlei Maßen an seinem eigenen Frohmut der Fröhlichkeit. Witz, dem Witze zum Gebot – obwohl die Dramatik den Schlusses deutlich voraus eilt und gar kein Schmunzeln benötigt. In Gestalt der haarausfallenden Hexe offeriert Michelle Pfeiffer allein ausreichend Sinn für Humor.

Eine Freude gesellt Regisseur Matthew Vaughn dem lüsternen Epos ohnehin hinzu: Geister – geköpft, ertränkt, zerhackt, getrennt, verbrannt, wie dem auch sei – einfach tot. Da kommentieren gefallene Brüder der Königsriege den Showdown zwischen den verbliebenen Thronfolgern, klatschen bedeutungsschwanger, bis ein neuer Spross den Platz endlich einnimmt. Die dort heißen vorgefertigt Primus, Secundus, Tertius, Quartus, Auintus, Sextus, Septimus; wenn auch einem Raster entsprungen, doch nicht mächtig genug, das Schema zu brechen. Dafür stürzt Tristan ein, naiv, weder schlau, noch reich, noch dumm. So ein Mittelmaß, dass er nicht umsonst zu Publikums Liebling avanciert. Denn allemal ist kein Film schöner, als in seiner Altbackenheit die Magie beinahe schnöde, langweilig, bekannt zu servieren. Bis der Gedanke entsteht, es müsse so sein: Verstaubt, aber herzhaft. Und wenn „Der Sternwanderer“ eines besitzt, ist es Romantik.

3 Responses to “Kritik: Der Sternwanderer”


  1. 1 Jan November 27, 2007 um 7:24 pm

    Meiner Meinung nach fehlt dem Film „Der Sternenwanderer“ überhaupt erstmal ein Konzept. Da stelle ich mir als hartgesottener Fantasy Fan aber auch normaler Zuschauer die Frage, was der Regisseur bzw. Autor dieses Films mir sagen möchte.
    Der Film wechselt zwischen Dramatik, Herzschmerz, amateurhaftigem Humor und Horror so dermaßen, dass man am Ende nicht weiß, ob man lachen oder heulen soll. Hinzu kommt, dass die Inhalte des Films lieblos aneinandergereiht sind und auch die Story insgesamt ziemlich lächerlich wirkt, wenn es denn mal überhaupt eine durchdachte Story ist, was ich nicht glaube.

    Mein Lob gilt einzig und allein den Effekten, insebsonders die Szenen, wo Michelle Pfeiffer agiert. Und auch die Szenerie wirkte sehr fantasy-atmosphärisch und hinterließ einen detailgetreuen Eindruck.

    Mein Insgesamturteil lautet schulnotentechnisch aber trotzdem Note 4 -. Der Film war außerdem viel zu lang.

  2. 2 Tom Dezember 6, 2007 um 6:24 pm

    Ich kann zwar bestätigen das man wirklich nicht weiß ob man weinen oder lachen so. Aber genau das macht ihn ja so besonders und vielschichtig.
    Außerdem, Robert De´Niro spielt seine Rolle einfach nur unglaublich genial. Ohne Ihn wär der Film noch nicht mal halb so gut. Diese schauspielerische Leistung kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

  3. 3 Ben März 19, 2008 um 2:37 pm

    Lieber Jan,
    bezüglich deiner Meinung eines fehlenden Konzeptes muss ich doch widersprechen. Der Film baut nämlich bewusst nicht auf „dem einen Konzept“ auf, vielmehr bedient er sich einer Komposition bekannter und einschlägiger Konzeptmehrheiten, die geschickt aneinandergereiht sind: Man bekommt Action, Freundschaft, Liebe, Spannung, etwas Grusel und Witz. Das sind genau die Elemente, die einen Film sehenswert machen, wenn gut verwendet. Und das ist hier der Fall.
    Sternwanderer hebt sich durch die gute Besetzung und schauspielerische Leistung, seinen besonderen Charme und seine logische und durchgedachte Erzählstruktur von weniger sehenswerten Vertretern des Fantasy-Genres wie z.B. Eragon positiv ab.
    Fazit: Eine nette kleine Geschichte, die durch Witz, Romantik und Magie begeistert.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: