Archive for the '– news' Category

Wir streiken, aber feiern

Die Gilde der Drehbuchautoren empfängt trotz des gestern angebrochenen Streiks ihre eigenen Genossen und Genossinnen zur feierlichen Party der „Writers Guild Awards“. Nachdem der Sinn der Auszeichnung einzig einer Belohnung und Wertschätzung der besten Drehbuchschreiber des Jahres entgegen schlägt, kommt diese Meldung weder überraschend, noch kontrovers. Obwohl die Grundlagen für die fortdauernde Länge des Streiks durchaus Grund zur Sorge für die hiesige Gemeinde Hollywoods sein sollten: die Verleihung der „WGA“s findet erst am 9. Februar 2008 statt. Somit würde der Streik bis dato 15 Wochen andauern. Im Vergleich mit dem letzten Streik 1988, der 22 Wochen sein Unwesen trieb und dem Filmgeschäft 500 Millionen Dollar aus den Fingern zog, dürfte also mit nichts weniger, als horrenden Einbrüchen des Fernseh- und Kinogeschäfts gerechnet werden.

Ein Ende der Fahnenstande ist auch mit einer Einigung zwischen der Allianz der amerikanischen Film- und Fernsehproduzenten („AMPTP“) und der „WGA“ nicht zu erwarteten: Die Tarifverträge der Schauspieler und Regisseure nämlich, laufen im nächsten Juni aus. Ein großes Schlachthaus ist hier erwartungsgemäß.

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Auf der anderen Seite ein Allerweltsfilm

22 Sprachen für Deutschland

Die größte Ehre eines deutschen Films ist die, im Ausland gefallen zu finden. Gut und gerne kann somit gleich gewisser Egoismus vorhergesagt werden, ein Perfektionismus, neben Schwermut, Arroganz und Einsilbigkeit. Aber es bedarf Anmaßung, dem Film von Fatih Akin auch nur eine Unterstellung zuzuraunen. Sein Beitrag über die einfühlsame, wie schlagartige Reise zwischen Deutschen und Türken, Liebe und Hass, Leben und Tod, zeigt gewiss den Teufel der Moderne in prickelnder Cinematographie auf. „Auf der anderen Seite“ fühlt der Zuschauer bittere Kälte und derbe Barmherzigkeit. Globalisiertes Kino nennt sich diese Art von Zumutung, ein Drehen und Wenden des Drehbuchs unter ächzenden Gebärden verlassener Charaktere. Die kämpfen für ein „Zusammen“, bis gen Ende die Trennung bestehen bleibt.

Die internationale Jury des Filmpreises „Lux“ sah ebenso die Wahrheit hinter grobstichigen Gebilden offenherziger Emotionen, und wählte; wählte für die kulturelle Vielfalt Europas, Werte und Moral aus 800 europäischen Filmen einen aus, der gesondert den Sinn des Preises verstand: „Auf der anderen Seite“. Ein Titel, wie er für die Auszeichnung im Buche steht, die vom Europaparlament vergegeben wird. Ein Titel, der Grenzen setzt und sie bekannt macht. So standen in der Endauswahl auch Cristian Mungius mit der goldenen Palme ausgezeichnetes Abtreibungsdrama „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ und „Belle Toujours“ von Manoel de Olivera, wohlgemerkt zwei ebenso willkommene Preisträger.

Das gerade „Auf der anderen Seite“ gewann, mag an seiner Struktur des Episodenfilms liegen, seinem Beitrag unterschiedlicher Dramaturgie und Denkweise im Gegensatz amerikanischer Pendants, den Filmen von Alejandro Gonzalez Inarritu, Paul Haggis, Robert Altman. Inarritus „Babel“ allerdings bleibt Akins Werk am Nächsten, weswegen nicht umsonst die Trophäe in Form eines Turms dargestellt wurde – genauer dem Reichtum sprachlicher Vielfalt, den der Turmbau zu Babel verkörperte. Es steht der Preis für eine erfrischende Prise. Mit dem Zusatz, dass der „Gewinner“ in 22 Sprachen der EU-Amtssprachen untertitelt wird.

Zum Glück ist das nur der Beginn: „Auf der anderen Seite“ tritt im Rennen um eine Nominierung bei den „Acadamy Awards“ an. Wieder gegen „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“. Gewinnen kann wiederum nur einer.

Poster: I’m not there, No Country for Old Men, Die Chroniken von Narnia: Prinz Kaspian

I’m not there No Country for Old Men Prinz Kaspian

Dreierlei gibt es im Packet für pure Fäulnis (so wahr der Deutschlehrer ihr beistehe: Frau Soraly leidet an chronischer Faulheit – also Fäulnis), ein Pack von drei Überraschungseiern, die weder gekauft, noch geknackt oder gepellt werden müssen: Sie sind doch nur Poster und so wenig überraschend, wie ein Stück Papier. Noch dazu im Internet, dass so wenig saugfähig wie eine Schallplatte ist, deren tiefe Seen die Musik schlucken und nie wieder befreien.

1. Einfach schön ist die endgültige Bebilderung des – bis zu den Oscars wird es keiner mehr hören wollen oder können – Bob-Dylan-Biopics „I’m not there“ (blabla, für den die Blanchett des Oscar bekommt, bla, der großartig und herrlich musikalisch strömt, blablabla).

2. Hart und schlagkräftig kommt dagegen „No Country for Old Men“ von den Coen-Brüdern daher, in staubigen Tönen voller Schlamm und Dreck. Der Western selbst muss genauso trocken vor die Säue gegangen sein.

3. Die übliche helle Lichtparade für einen Film bar allen Interesses: „Die Chroniken von Narnia: Prinz Kaspian“. Wer schon Kaspian heißt, soll um des Löwens Willen bloß die Finger von Säbel und klirrenden Ketten lassen. Ein lächerliches Mitbringsel.

Zaubertricks, die keiner kennt

Können Sie sich das noch vorstellen: zwischen Masken, die wie zweite Häute einen Schutzüberzug des Schauspielers bildeten, kramte stundenlang eine Tuschefrau voll des Eifers, ein Prachtwerk von einem Gesicht zu fertigen. Wie Tiere aussehend, sollten die teuer bezahlten Schauspieler eine dicke Schicht Creme und Puder tragen, damit der letzte Pickel abgestanden und die winzige Laus reißaus genommen hatte. Bald sahen sie Geistern ähnlicher noch als Menschen und das poröse Äußere wurde zu einer zweifelhaften Bandage, die ein Kleistern und ein Winden vor sich zog. Das gestopfte Karnickel von Schauspieler fiel und lief dann im Bilde herum, bis der Schweiß alle Mühe ruinierte und wie ein Klebestreifen auf den Boden verstrich. Doch Gestank vergeht.

Für Sie, lieber Regisseur, liebe Tuschefrau gibt es einen Ratschlag, den Sie sich im Hier und Heute zu Herzen nehmen sollten: Setzen Sie ihr Filmbild doch aus dem Computer zusammen. Machen Sie es wie Herr David Fincher, der Morast, wappernde Schädel, Blut und Speichel aus einer blauen Seenlandschaft zu runder Realität werden ließ. Dem feindlichen Gemenge zum Trotz, die all das grüne und blaue Gewand wieder und wieder für ihre elektrische Farce belächelten. Niemals hätte eine Stimme bei „Zodiac – Die Spur des Killers“ der unechten Bildsprache wegen geschrieen. Nun sehen und blenden Sie: Herr Fincher erhöhte in einer Kategorie, die ihm nicht gehörte, seine Siegchancen. Beste Spezialeffekte, dem Meister sein Fach.

Punk is not ded.

Gesprochen, zerronnen. Zerrt sich doch allerhand in die Latschen des Oscars. Fatih Akin für Deutschland mit „Auf der anderen Seite“ jedoch steht im Winde einer übersinnlichen Macht: „Persepolis“.

Persepolis

Marjane ist acht Jahre alt, als der Schah aus dem Iran vertrieben wird und die Mullahs die Macht an sich reißen. Fortschritt und Freiheit bleiben auf der Strecke, als im Zuge der Islamischen Revolution Tausende im Gefängnis landen und Frauen gezwungen werden, Kopftücher zu tragen. Doch die rebellische Marjane denkt gar nicht daran, sich dem rigiden Regelwerk zu unterwerfen. Viel lieber entdeckt sie Punk, ABBA und Iron Maiden und macht erste Erfahrungen mit Jungs. Sie ahnt nicht, dass ihr spielerischer Protest gefährlich ist – nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Familie. „Persepolis“ ist erstens ungewöhnlich, zweitens außerordentlich und drittens ausländisch. Wenn da nicht die kleine Stimme am Rande schreiend steht und in einem Singsang leise bemerkt, dass „Persepolis“ genauestens wohl aus Frankreich stammt, den schwarz und weißen scheinheiligen Kontrast bevorzugt und sonst die Autorität eines Graphic Novels besitzt, wohl, weil er auf einem Comic, so sagt es doch das Klima frei heraus, basiert.

Seine Brillanz fordert einen haushohen Sprung in die Nominierten des „fremdsprachigen Film“, in jedem Falle, nicht nur in seine Teilnehmerliste aus Frankreich; doch eine Märchenhochzeit ist aus Gewinnern und prunkvollen Streifen gemacht, die manches Mal so unheimlich gut sind, dass alles Gold erzittert und vor Funkeln im Halse stecken bleibt.

Auf der anderen Seite, in einer anderen Welt

Untypisch typischer deutscher Film „Auf der anderen Seite“ von Fatih Akin erwürgt sechs Stellvertreter des deutschen Films. Und sie hießen zwar mit vielen Bindestrichen und langen Hängetitel „Am Ende kommen Touristen“ (Geschichtsstunde zwar ohne offenkundige Geschichte, aber zumindest deutschem Hintergrund von Robert Thalheim), „Das Haus der schlafenden Schönen“ (könnte ebenso eine verzwickte Kriminalserie, wie ein romantischer Abgesang von Vadim Glowna sein), „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (obwohl das doch alles Lüge ist von Dani Levy), „Strajk – Die Heldin von Danzig“ (ohne Heldin wäre sie vermutlich ein Lausbub auf der Safari, bebildert von Volker Schlöndorff), „Vier Minuten“ (vier Minuten Ruhm vielleicht, Chris Kraus?) und „Winterreise“ (schade Hans Steinbichler, ist’s doch nur Herbst), können Fatih Akin, dem Mann mit türkischer Abstammung und stets türkischen Fügungen in seinen Filmen nicht aufhalten: „Auf der anderen Seite“ repräsentiert Deutschland bei den „Oscars“ im Jahre 2008, bei den prallen und glänzenden „Acadamy Awards“.

Vor dem Hintergrund der politischen und kulturellen Unterschiede einer globalisierten Welt wird eine ungewöhnliche Liebes- und Familiengeschichte zwischen Deutschen und Türken erzählt. Der Film überzeugt durch seinen dramaturgischen Aufbau, seine visuelle Gestaltung und seine gefühlvolle Inszenierung“, so die Begründung der Jury von „German Films“, die mehr als ein Wort mitredete.

Wie’s so oft dann in den Gesichtern der Amerikaner sprießt darf „Auf der anderen Seite“ bereits am 27. September in allen (fast allen – hach, wenigen) deutschen Lichtspielhäusern tanzen und den Sieg vorfeiern. So früh sieht kein Deutscher jemals einen Gewinner.

Gott bloggt, hier, da, überall

Das wussten sicher einige, auch wenn nicht wie vermutet Frau Soraly sich den Namen Gottes einverleibt, sondern ein Herr auf anderer Seite. Dafür ist bloggen, welch scheußliches Wort nebenbei, jetzt in den Heiligenstand eingetreten. Ein Hallelujah dafür. Und eines hinzu für das mutige Püppchen Sally Field, die in den heutigen frühen Morgenstunden den würdigen Fernsehvetter der „Oscars“, einen „Emmy“ (Dr. T. Le Vision – wie Gott diesen Namen lieben würde – berichtete live), für „Brothers & Sisters“ empfing und sogleich eine wunderschöne Rede sprach, die in einer leisen Abfuhr und hochgezogener Kamera endete. Sie verschwand mit den Worten

„If mothers ruled the world, there would be no god-damned wars in the first place.“

von der Bildfläche. Ein Abgesang auf den Irakkrieg, wie ihn Mütter und Söhne schon viel zu lange erlebt haben.