Eine Band im Sand

Niemand holte sie ab. Dabei sollte das kleine alexandrinische Polizeiorchester eine Geste der Annäherung zwischen Israelis und Arabern überbringen; ihre Lieder spielen, die Politik umkrempeln, zumindest doch abseits aller Predigten den Ursprung menschlichen Zusammenhalts formen. Wo sie ankamen, lag letztendlich anderswo: weite Prärie, verlassene Straßen, Staub glich Staub. Eran Kolirins „Die Band von Nebenan“ („The Band’s Visit“) landete im Sand, verlassenen Mären, fern ihres eigentlichen Zieles. Enttäuscht blickten sie reihum.

Die Band von Nebenan

Oftmals liegen Film und Realität Meilen voneinander entfernt, offerieren Botschaften, halten sie nicht und witzeln, lachen, aber ohne ihren Kern zu offenbaren. Den Trugschluss lässt Kolirins Film in der zuckersüßen Bitterkeit von Mannen zurück, die verlassen fern ihres Zieles landen und genau dort – überrascht in ihren bald abkömmlichen Wogen der Enttäuschung -, ihr Ziel finden. Es geht um Völkerverständigung. Ebenso darum, dass jene fehlschlagen kann; ebenso um die Verbrüderung zweier Länder, die einander nicht verstehen wollen, nicht verstehen können, nicht verstehen würden, sofern sie es auch versuchen. Die Wahrheit hinter „Die Band von Nebenan“ gleicht der Realität. Denn soviel dieser israelischen Komödie, die leicht, locker, mehr eine Tragikkomödie ohne Tragik ist, überlebt den Film – leider. „Selbst der Kleinste vermag den Lauf des Schicksals zu verändern“, vermochte Galadriel, Herrin von Lothlorien im „Herrn der Ringe“ zu sagen und wie wahr, wenn nicht für Kolirins Film gesprochen.

Eigentlich, ja eigentlich, sollte „Die Band von Nebenan“ ihrer Lieblichkeit und umwerfenden Kritiken treu bleiben, den „Oscar“ für den „Besten fremdsprachigen Film“ 2008 gewinnen und Israel einen Hoffnungsschimmer geben. Eigentlich sollte ein Film gewinnen, der einem Land tatsächlich ein Gewinn sein sollte; eigentlich sollte Film etwas bewirken. Umwerfende Kritiken, umgeworfene Kritiker gewannen den Kampf gegen verwerfliche Kritiker dennoch nicht. Was „Der Band von Nebenan“ alles vorgeworfen wurde: Einzig zu Englisch sollte er sein. Weil die Verständigung der Völker auch in den hinterwäldlerischen Dörfern zwischen Arabern und Israels ist Englisch stattfand. Man höre und staune, dass einem Film aufgrund hart gesottener Egoisten sein größter Erfolg in Hollywood, weltweiter Ruhm, Bekanntheit, verwehrt bleibt. Weil er zu mehr als 50 Prozent seine Dialoge auf Englisch führt; weil die „Academy“ dagegen steht, da deren Reglement ausländischen Filmen die Gewalt entzieht, wie sehr er als fremdsprachig, „ausländisch“ gewertet wird.

Die Definition besagt, dass „a foreign language film is defined, for Academy Award purposes, as a feature-length motion picture produced outside the United States of America with a predominantly non-English dialogue track“. Die wahre Dominanz des Systems hält ausländische Filme von einer Kandidatur unter altbackenen Ausreden ab, die der Filmkultur Mittel und Wege verwehren auch den kleinsten der kleinsten Vertreter eines Landes ein Publikum zu beschaffen. Hier werden Linien gezogen, ohne den Vorwand künstlerischer Beschaffenheiten noch zu wahren. Lediglich das amerikanische Kino soll gewinnen, obwohl seit Jahren der Tenor abseits des Mainstream stärker in den Mittelpunkt rückt und auch der Zuschauer kaum belehrt werden muss, ein Wagnis einzugehen, sollte einmal ein unbekannter Film mit unbekanntem Regisseur, Schauspielern in die Kinosäle ziehen. Die Problematik liegt in Amerika. Vielleicht sollte Michael Moore einen Film drehen, Al Gore ein Machtwort sprechen, der seither als Gott aller Landstriche gilt.

Stattdessen bedrängen Propagandakriege die freischaffenden Wurzeln der Kunst. Dafür „Beaufort“, ein Film über israelische Soldaten, für Israel an den Start geht; Politik mit Politik bekämpft wird.

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